Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 94 (23.11.1896)
- Date
- 1896-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1794 Oester r.-U 11 gar. Monarchie. (^L>) Pre^burg, 15. Nov. Soeben versendet ein neuer ri'vv, der ehemalige Comitats-Rabbiner Dr. Kondor y einen Aufruf an die jüd. Gemeinden Ungarns mit der freundlichen Einladung, das orthodoxe Judenthum ungenirt abzuschütteln und der von ihm neugegründeten Secte „Freies Israel" beizutreten." Der ehemalige Rabbiner und jetzige Religionsstifter verspricht in dem Aufrufe allen seinen Anhängern goldene Berge: Abschaffung des Talmud und selbstverständlich auch des allgemein verhaßten Schulchan-Aruch, Einführung der Mischehen und der ungarischen Sprache beim Gottesdienste und zahlreiche andere Annehmlichkeiten. Man weiß wirklich nicht, soll man mehr über die Frechheit oder den Blödsinn dieses neuen Religionsstifters lachen, der sein elendes Machwerk so einfach an Rabbiner und Gemeinden versendet, als würde man eine Einladung zum Besuche eines Balls oder Concertes verschicken. Hier hat dieser Aufruf nur allgemeine Heiterkeit erregt, und gestern bildete er den Gesprächsstoff in den Cafö's und Bierhäusern. Bis jetzt hat sich noch Keiner hier gemeldet, der in die Gemeinde „Freies Israel" einzutreten Luft hätte. Karlsbad, 13. Nov. Vor einigen Tagen traf hier ein kranker Eurgast aus Ungarn ein, der in einem Hotel abstieg. Sein Zustand verschlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag und endlich erlöste ihn der Tod von seinen Leiden. Der Hotelier, der seinen Gast für einen Juden hielt, meldete dessen Ableben bei der hiesigen Cultusgemeinde und bestellte zugleich das Leichenbegängniß bei derselben. Er telegraphiere dann auch an die Familie des Verstorbenen nach Ungarn, erhielt aber keine Antwort. Wenige Tage nach dem Begräbnisse trafen nun zwei Brüder des Verstorbenen hier ein, und jetzt erst erfuhr man, daß der Verstorbene ein Protestant war. Man mußte daher die Leiche wieder erhumiren und ihr auch die jüd. Todtengewänder ausziehen. Vermischtes. Schildberg. Der Wohlthätigkeitsvereiii „Eintracht", der nun seit zwei Jahren hier besteht, hält sein Ziel stets im Auge und hat trotz der bescheidenen Einnahme, die der Kasse allmonatlich zugeht, schon manches Kinderherz durch seine Wohlthaten erfreut. Ilm nun auch den Mitgliedern des Vereines außer dem angenehmen Bewußtsein des Wohlthuns einen persönlichen Nutzen zu bieten, wurde in einer Vereinssitzung beschlossen, die Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur in den Bereich der Vereinsthätigkeit zu ziehen. Herr Rabbiner Dr. Bamberger hat sich bereit erklärt, in einem Cyklus von populären Vorträgen während des Winters die jüdische Geschichte und Literatur zu behandeln. Die Vorlesungen finden im Wolff'schen Vereinszimmer statt und sind auch Damen als Theilnehmerinnen erwünscht. Zu den ersten drei Vorlesungen können auch Nichtmitglieder erscheinen. Feuilleton. (Lhanukcrhkerzen. Non —H. Vrvgrv —Mainz, «Alle Neckte Vorbehalten). I. Der Justizrath Nathan Dernhoff war ein sehr gesuchter und in Folge dessen viel beschäftigter Anwalt. Sein Nus als Nertheidiger reichte weit über seine Vaterstadt hinaus und gar oft mußte er weite Reisen unternehmen, um die oft zweifelhafte Unschuld eines Angeklagten durch seine großartige Beredtsamkeit über jeden Zweifel zu erheben und ein freisprechendes Urtheil zu erzielen. Er war aus armer, aber sehr feiner Familie und der Reichthum, den er jetzt besaß, war redlich erworben. Wohl hatte seine Frau ihm ein bedeutendes Vermögen mit in die Ehe gebracht und ihn mit zu den reichsten Männern des Landes gemacht, aber trotz seines Reichthums war und blieb er der einfache Mann, der für sein Volk ein mitfühlendes Herz und eine stets offene Hand hatte. Das Vertrauen seiner Glaubensgenossen hatte ihn zum Vorsteher der großen jüdischen Gemeinde erwählt und trotz der geringen freien Zeit, die ihm zu Gebote stand, verwaltete er dieses Amt mit großer Gewissenhaftigkeit und Treue. Die letzten Jahre hatte er verschiedentlich Gelegenheit gefunden, der Gemeinde große Dienste zu leisten und er war deshalb doppelt betrübt, als bei einer Neuwahl des Vorstandes Elemente in denselben kamen, mit denen sich nicht ersprießlich und segens reich wirken ließ. Er legte deshalb sein Amt nieder und kümmerte sich nicht weiter um die Angelegenheiten der Gemeinde. Sein Beruf nahm auch jetzt noch die Zeit für sich in Anspruch, die sonst den Gemeindeangelegenheiten gewidmet war, und er erschien jetzt ans dem Gericht zu einer Zeit, da er sonst in der Synagoge anzntreffen war. Wer einmal die „Zorchei zibbur" aus seinem Jnteresscnkreis verbannt hat, der gehört auch nicht mehr lange zur Gemeinde. Mag er auch seine Steuern und Abgaben regelmäßig entrichten, das Band, das ihn mit der Gemeinde und mit dem Judenthum verknüpft, ist zerrißen und der Zusammenhang mit den Glaubensgenossen ist nur ein loser, den das kleinste Ereigniß vollständig lösen kann. Darum warnen unsere Weisen so eindringlich davor, eine Sonderstellung in der Gemeinde einzunehmen. Der Justizrath mußte die Wahrheit dieses Satzes an sich erfahren, zuerst überlrat er den Sabbath, dann sielen die Speisegesetze, bis er endlich zu denen gehörte, die nur der Geburt nach Juden sind. Sie wollen