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Der Israelit · 1896-11-23 · Heft 94 (23.11.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 94 (23.11.1896)
Date
1896-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1795 sonst nichts vom Judenthum wissen, als daß sie zur Zeit ihre Eultus-Steuern zahlen. So hatte sich in kurzer Zeit der Haushalt des Justizrathes vollständig verwandelt und unterschied sich in nichts mehr von einem christlichen Haushalte. Die Frau Doetor hatte schon von jeher mit den „Freigeistern" kokettiert und war herzlich froh, „endlich der fesselnden Banden" ledig zu sein. Sie trat als aktives Mitglied in verschiedene intereonfessionelle Vereine und widmete diesen ihre Thätigkeit. Unter diesen war der „Verein zur Weihnachtsbescheerung armer Kinder" ihr Lieblingsverein und sie wurde in demselben in die Leitung deputiert. Hier machte sie sich unentbehrlich. Trotzdem wurde sie nicht zum wirklichen Vorstandsmitgliede gewählt, weil „die Tendenz dieses Vereins keine derartige war, das; man Jüdinnen in den Vorstand wählen konnte." Diese Antwort erhielt eine Freundin, die dieserhalb ungefragt hatte. Trotz dieser Zurückweisung blieb Frau Jnstizrath eilt eifriges Mitglied des Vereins und „arbeitete" für denselben in des Wortes allgemeinster Bedeutung. Die jüdische Gemeinde bedauerte sehr den Rücktritt des so beliebten Mannes von seinem Amte; es fanden sich jedoch andere Männer, welche mit gleicher Treue und gleichem Geschicke das verantwortungsreiche Amt verwalteten, denn Niemand ist unersetzlich. Es ist Winter, kalt, bitterkalt ist es draußen und die Wärmehallen der Großstadt sind geöffnet. Schaarenweise strömen die armen, arbeitslosen Menschen hinein, um dort im behaglich durchwärmten Raume Schutz gegen Kälte und Schnee zu suchen. Der Winter ist kein Freund der Armen. Wenn Hunger und Kälte ihre schreckliche Arbeit beginnen, gesellt sich ihnen noch der Dritte Würgengel im Bunde zu: Krankheit. Und wie viele der Hereinströmenden tragen den Todeskeim schon in sich! Welchen Schutz kann auch das fadenscheinige Röckchen, womit jenes kleine Mädchen bekleidet ist, gegen den scharfen Nord bieten, der draußen heult und die Schneeflocken gleich feinen Nadeln durch die dünnen Kleider treibt! Die Thränen, welche die kalte Luft in die Augen treibt, gefrieren auf ihrem Wege über die Wangen und bleiben als Eisperlen auf dem kalten Antlitz haften. Das arme Kind zittert am ganzen Körper und kann kaum das kleine Körbchen sesthalten, in welchem es allerlei kleine Gegenstände zum Verkaufe trägt. Wie gerne möchte es sich ein Weilchen wärmen! Aber dann versäumt es Zeit und die kranke Mutter muß vergeblich auf die Milch warten, die das Kind ihr von dem Erlös seiner selbst angefertigten Maaren kauft. Denn die Mutter, eine arme jüdische Wittwe, ist seit acht Tagen sehr krank. Der Armenarzt wollte sie schon in das Hospital schicken, aber um keinen Preis wäre sie dahingegangen, wo sie hätte „tresah" essen muffen! Den vereinten Bitten der Kranken und ihrer Tochter war es denn auch gelungen, den Arzt davon abzubringen und in seiner Güte gab er dem Mädchen zehn Mark und versprach, reiche wohlthätige Leute für sie zu interessiren. Für einen Theil des Geldes kaufte Dina sich Material und verfertigte allerlei Handarbeiten die zur Winterszeit gerne gekauft und zur Geschenken verwandt werden. Des Nachmittags lief sie dann eine Stunde durch die belebtesten Straßen und verkaufte die Dinge. Auf diese Weise gewann sie die wenigen Pfennige, welche sie zu ihrem und ihrer Mutter Unterhalt bedurfte. Aber auch ne bekam Feinde. Andere, vielleicht ebenso arme christliche Mädchen sahen, daß die Jüdin so rasch ihr Körbchen leer hatte und nun begann eine Hetze gegen Dina, die unerhört und grausam war. Wo sie sich sehen ließ, wurde sie verjagt uns verfolgt, und wenn sie einmal Aussicht hatte, etwas zu verkaufen, gleich war eine Eoncurrentin da und rief: „Kaufen Sie doch nichts voll dieser Jüdin für das Fest." Gewöhnlich reichte dieses hin, um Dinas Kunden zu vertreiben. Ach, hätten sie den bittenden, bangen Blick gesehen, der aus dem Kinderauge sie dann vorwurfsvoll traf, als wolle er sagen: „Hat denn die Jüdin nicht auch die Berechtigung zu leben," aber sie sahen ihn nicht. Die langen seidenen Wimpern senkten sich herab und verschleiertet: das thränenseuchte Auge. Sie ging schweigend weiter und als die Nacht hereinbrach, war ihr Körbchen noch voll Maaren. Zum ersten Male war sie heimgekehrt, ohne etwas verkauft zu haben. Sie weinte still vor sich hin und betete leise, als sie nach Hause kam und die Mutter schlafend fand. Im Gebet fand sie Trost. Sprach sic doch mit ihrem Gotte wie mit ihrem Vater und diesem klagte sie den Kummer ihres Herzens. Ohne daß sie es beabsichtigt hatte, waren ihre Worte hörbar und von der inzwischen erwachten Mutter vernommen worden. Wie blutete das arme, kranke Mutterherz! Sie hörte den Kummer ihres Kindes und sie konnte ihm nicht helfen. Als Dina mit ihrem Gotte gesprochen hatte, wollte sie gleich wieder an die Arbeit gehen. Die Kälte hatte draußen zugenommen und Eisblumen auf die kleinen Scheiben der Fenster gemalt. Es waren die Winterblumcn der Armuth, die nicht Geld hat, um Kohlen und Holz zu kaufen. In dem kleinen Zimmer war es kalt und man hörte das Knarren der Räder der alten Uhr, die mit dem gleichmäßigen

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