Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1896)
- Date
- 1896-11-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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1786 in Frage steht. Alle diese Gerichtsatteste, wie sie in den Urtheilssprüchen niedergelegt sind, lauten recht wenig günstig für diesen Prediger der Wahrheit und Nächstenliebe, dem in dem bekannten Prozeß Bäcker-Stöcker bereits vor Jahren ein Falscheid gerichtlich bescheinigt wurde, und der am letzten Donnerstag wiederum von einem Berliner Gericht für schuldig befunden wurde, seinem früheren Amtskollegen Pfarrer Witte verleumderisch, also wider besseres Wissen, beleidigt zu haben. Die eigentliche Strafsache ist schon recht alt, sie hängt mit den ersten Anfeindungen zusammen, die Stöcker gegen Pfarrer Witte begann und in deren Verlauf er es glücklich dahin gebracht hat, daß letzterer, der sich zur Abwehr der fortgesetzten Stöcker'schen Anfeindungen für berechtigt hielt, von dem Konsistorium seines Amtes entsetzt wurde. Stöcker hat seinen langjährigen Mitstreiter, den Schneidermeister Grüneberg, mit der Aufgabe betraut gehabt, gegen Witte in Volksversammlungen zu Hetzen. Nachträglich hat er das bestritten und einen Brief, der die erste Aufforderung dazu enthielt, einfach abgeleugnet, und als Witte deffen Inhalt mittheilte, das für eine Fälschung erklärt. Auch vor Gericht ließ er durch seinen juristischen Vertreter die Existenz des Briefes einfach verleugnen; er selbst aber blieb klüglich der Verhandlung fern. Andernfalls hätte er die Freude haben können, seinen Freund, den Baron v. Hammerstein, wiederzusehen, der aus dem Zuchthause als Zeuge vorgeführt wurde. Stöcker hat sich offenbar darauf verlassen, daß sich das frühere Vorhandensein des Briefes nicht mehr erweisen laffe, nachdem der Schneider Grüneberg verrathen hatte, daß er ihn nicht mehr besitze. Seine Rechnung war eine trügerische. Der Gerichtshof hat die Ueberzeugung von der Existenz jenes Briefes mit Bestimmtheit gewonnen und deßbalb den erwähnten Urtheilsspruch gefällt, der das Vorgehen Stöckers gegen Witte als eine Ehrabschneiderei charakerisirt. Stöcker ist erst vor Kurzem von seinen positiven Freunden in die evangelische Generalsynode gewählt worden, nachdem er auf derbrandenburgischen Provinzialsynoüe eine führende Rolle gespielt hat. Das jetzt gegen ihn ergangene Gerichtsurtheil bildet eine hübsche Illustration zu diesem Beweis der Werthschätzung. Die zuweilen antisemitische „Post" schreibt hierüber: „Die Berurtheilung des Hofpredigers a. D. Stöcker in dem von dem Pastor Witte gegen ihn angestrengten Beleidigungsprozeffe erregt insofern ein rein menschliches Interesse, als sie dem von seinem einflußreichen Gegner mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln verfolgten Kläger wenigstens in Bezug auf die gegen ihn öffentlich ausgesprochenen Verdächtigungen Genugthuung gewährt. Sie hat aber auch ein politisches Interesse insofern, als sie auf den Charakter und das Treiben des Mannes, welcher noch soeben die Stirn hatte, sich mit Luther zu vergleichen, ein scharfes Schlaglicht wirft. Das Verdikt des Gerichtes lautet auf Verleumdung! Es ist von dem Gerichte dabei als festgestellt erachtet worden, daß Herr Stöcker den von ihm verleugneten Uriasbrief an Grüneberg wirklich geschrieben hat. Diese Thatsache spricht für sich selber, ihr braucht kein Wort hinzugefügt zu werden. Es versteht sich von selbst, daß durch die Berurtheilung weder die sachliche Beurtheilung der politischen, kirchlichen und sozialen Bestrebungen Herrn Stöckers, noch seine agitatorische Kraft und das Verdienst, das er sich auf manchen Gebieten entschieden erworben hat, berührt wird. Allein es wird auch weiteren Kreisen, welche bisher Herrn Stöckers Worten unbedingt vertrauten, die Augen darüber öffnen, daß bei ihm die schärfste und sorgfältigste Prüfung nothwendig ist, wenn man nicht Gefahr laufen will, sich für Zwecke höchstpersönlicher und häufig nichts weniger als edler Art einfanqen zu lasten. Der Scheiterhaufenbrief und seine Verleugnung, das zweideutige Verhalten in Sachen des „Volk", welches schließlich zum Bruche mit der konservativen Partei führte, sowie gegen Herrn von Gerlach, der Brief an Grüneberg und seine Ableugnung zeigen auch für den, welcher die Herrschsucht, die Eitelkeit und die vor keinem Mittel zurückschreckende Verhetzungssucht des Führers der Christlich-Sozialen älterer Observanz nicht aus eigener Erfahrung kennt, so starke Schattenseiten des Cbarakters, daß die glänzenden Eigenschaften Herrn Stöcker's, namentlich seine Beredtsamkeit, ihre faszinirende Kraft auch auf die bisher unbedingte Gefolgschaft verlieren müffen, und die Frage wirft sich auf, ob im Interesse der synodalen Verfassung der evangelischen Landeskirche Herr Stöcker nicht aus die Ehrenstellen, in welche er sowohl von der Generalals von der Provinzialsynode berufen worden ist, verzichten sollte. Für die große parlamentarische Kampagne, auf welche Herr Siöcker auf der letzten brandenburgrschen Provinzialsynode vorbereitet hat, verbeffert seine gestrige Berurtheilung die Operationsbasis jedenfalls nicht." Dom badische« Schwarzwald. In Nr. 90 d. Bl. lesen wir, daß das zu errichtende Asyl für Sieche und arme Greise im Großh. Baden, wahrscheinlich in einer der drei Gemeinden Kippenheim, Randegg oder Gailingen placirt werden sollte. Dagegen erlauben wir uns Folgendes zu berichten. Warum soll diese Anstalt gerade am äußern Ende des Landes errichtet werden, gibts ja auch Orte im Centrum desselben, die eine solche Einrichtung mit demselben Maßftabe der Freude als Kippenheim, Ran-- degg oder Gailingen begrüßen würden. Warum also? Vielleicht, weil sie ansehnliche Gemeinden bilden? Wir geben ja zu, daß diesem Umstande Rech-