Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1896)
- Date
- 1896-11-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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XXXVH. Jahrgang. Erste Beilage zu M 93 des „Israelit". Leitender Artikel. NrrKüDttt AiWmiiisms in Ungarn. B u b a p c ft, beu 18. Nvv. Der Judenhaß im landläufigen Sinne hatte in Ungarn nie Wurzel fassen tonnen; selbst im sog. finsteren Mittelalter, wo fast in allen Staaten Europas größere oder kleinere Judenverfolgungen auf der Tagesordnung standen, waren es die ritterlichen ungarischen Könige und die tolerante ungarische Nation, die nicht nur ihre einheimischen Inden nicht verfolgten, sondern auch den fremden, heimathslos gemachten 'Nachkommen Israels Schutz und gastfreundliche Aufnahme geivährten; erst der allernensten Zeit war es Vorbehalten, auch im freien, toleranten Ungarn eine Jndenfrage zu schaffen. Vor circa anderthalb Dezennien, als die Hochfluth des Antisemitismus einen großen Theil West - Europas zu überschwemmen drohte und namentlich im benachbarten Deutschen Reiche Orgien feierte, waren es in allerhand niederelt Motiven und Interessen befangene Hetzer, die die Zeitströmuug benlltzten und den Versuch machten, diese „edle" westliche Pflanze auch im ungarischen Boden zu cultiviren. Da es nun einmal keine ltvch so große Dummheit und Lüge giebt, die nicht auf kurze Zeit Glauben finden könnte, fcmt> leider die eben so dumme als lügenhafte Theorie des Antisemitismus auf kurze Zeit einigen Anklang in hierländischen Kreisen. Es war vor eben zehn Jahren, als bei den Wahlen für das ungarische Parlament nicht weniger als 17 Candidaten mit antisemitischem Programme den Sieg davon trugen. In den geheiligten Hallen des ungarischen gesetzgebenden Hauses, in dem Hause, tvo ein Franz Deak, ein Gras Andrassy, ein Baron OetvöS n. f. w. die höchsten Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündigten, faßen hoch zu Roß 17 wilde Gesellen Haß und Zwietracht predigend! Aber wie gesagt, nur auf kurze Zeit konnte in Ungarn eine solche Verirrung des Geistes und Verrohung des Gemüthes Platz greisen; denn gelegentlich der vor fünf Jahren darauf neuerdings erfolgten Reichstags wählen sind sie, diese „edlen" Maulhelden — bis auf einen — nimmt und sonders durchgefallen, der eklatanteste Beweis dafür, wie wenig Aussicht in Ungarn vorhanden ist, mit demagogischen Zielen und Plänen andauernd auf die Gunst des Volkes rechnen zu können. Umsomehr aber muß es jeden logisch denkenden Menschen Wunder nehmen, daß nach solchen Erfahrungen es hier zu Lande noch unternehmungslustige Leute giebt, die nichts Geringeres beabsichtigen, als den zu seinen Vätern eingegangenen Antisemitismus in's neue Leben zu rufen; ich meine nämlich die vor Kurzem seitens eines TheileS des vaterländischen katholischen Clerus und der feudalen Aristokratie gegründete reichstägige Fraktion, die unter dem Namen „Volkspartei" antisemitische Ziele und Tendenzen im Schilde trägt. Die katholische Geistlichkeit, die sonst bei den Wahlen die mächtigste Stütze der Negierung zu sein pflegt, trägt jetzt derselben Groll und Rache nach ob der endgültigen Trennung von Kirche und Staat, die die energievolle, auf der Höhe des Liberalismus stehende ungarische Negierung in der abgelaufenen Reichstags-Session durchgesetzt hat, und indem auch einige Reichstags-Abgeordnete und Zeitungs- Redaeteure jüd. Confefsion ihr Schärflein zur Schaffung der neuen politischen Situation beigetragen haben, glaubt sie — nämlich die kath. Geistlichkeit — genügend Grund und Ursache zu haben, dem ganzen ungarischen Judenthum zu zürnen und in ihr antiliberales Programm auch den Antisemitismus aufzunehmen, ein Verfahren das für Priester der „Religion der Liebe" sich durchaus nicht ziemt. — Wir unserseits bedauern es sehr tief, die uns bisher oft begegnete Gunst der katholischen Geistlichkeit verscherzt zu haben, es dient uns aber zum Tröste, daß wir daran keine Schuld tragen. Was die ernste Seite der Situation betrifft, so brauchen wir uns darüber keine grauen Haare wachsen zu lassen, denn schon der bloße Umstand, daß es den zwei mächtigsten Faktoren der Gesellschaft, nämlich der Geistlichkeit und der Aristokratie bei allen übernatürlichen Anstrengungen nicht gelingen konnte, im ganzen, >113 Wahl-Bezirke zählenden Lande, mehr als 20 Mandate zu erobern, beweist zur Genüge, daß jede antiliberale Strömung in Ungarn gottlob keine Eristenzberechtignng hat, und wenn wir ferner in Betracht ziehen, daß die liberale Regierungspartei, die den Juden ernstlich gut gesinnt ist, aus dem Wahl-Kampfe stärker und größer als je hervorgegangen ist, können wir mit unserem Schicksale zufrieden sein, welches uns auch die gütige Vorsehung - - tr: rsrs u? gegönnt lasten möge! R. 8. K.