Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1896)
- Date
- 1896-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448693--42861-2491883- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1775 Beim Klang seiner Stimme erbebte sie. „Julius!" rief sie, indem Thränen ihren Augen entstürzten, „so mußtest Du mich wiederfinden! so hat mich der Elende zugerichtet, der vorgab mir Deine Liebe ersetzen zu wollen!" „Kein Wort von ihm," sagte Dr. Wernau; „lasten Sie alles Frühere vergessen sein und suchen Sie erst gesund zu werden!" Er legte der laut Schluchzenden einen Verband an und blieb noch bei ihr, als die anderen Aerzte sich schon entfernt halten. „O, wie wohl das thut," sagte sie, seine Hand mit Küssen bedeckend, „daß ich Dich wieder bei mir habe! Hätte ich mich doch nie von Dir getrennt, mich nicht von jenem Elenden bet hören lasten!" Und nun erzählte sie ihm, wie Pleß sie für sich zu gewinnen gewußt, wie er das Erbtheil, das sie von ihrem Vater besaß, an sich genommen, ihr keinerlei Verfügungsrecht über einen Kreuzer zugestanden — wie ein Stück der väterlichen Erbschaft nach dem anderen verkauft, alles für autisemitische Hetzereien hergegeben wurde, wie er sie zwang jene Versammlungen zu besuchen, ihr drohte sie ohne Speise und Trank zu lassen, wenn sie ihn nicht in seinen Bestrebungen unterstütze. — Letzten Samstag habe er dem Trödler das letzte Sopha verkauft, das sie von ihrem Vater besaß; mit dem Erlös wurden antisemitische Zechbrüder bewirthet. Sie habe ihm Vorwürfe gemacht, da sei er handgreiflich geworden, habe den Hammer genommen und auf sie losgeschlagen. Drei Tage und drei Nächte sei sie auf der Straße umhergeirrt, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen; nach Hause wollte sie um keinen Preis; heute Nachmittag traf er sie, als sie vor der Votivkirche saß. Mit geballten Fäusten ging er auf sie los, schlug sie, beschimpfte sie, wurde dann festgenommen und zur Polizei geführt. Dr. Wernau war von aufrichtiger Theilnahme ergriffen; er empfahl, als er sich entfernte, die Kranke der besonderen Obhut der Wärterin. Als er am anderen Morgen an ihr Lager trat, sah er, daß sie stark fieberte, ihn schon kaum mehr erkannte. Eine Gehirn-Erschütterung, die Folge jenes Schlages, hatte ihren Zustand wesentlich verschlimmert; nach wenigen Tagen war sie von ihren Leiden erlöst. Otto Pleß, in Anklagezustand versetzt, leugnete, wurde aber durch Zeugen überführt uiib zu drei Monaten Kerker verurtheilt. Nach Kathis Tod ward Dr. Wernau ein Anderer. Die, die seinem Herzen einst nahe gestanden, ihm aber durch widrige Verhältnisse entfremdet wurde, war nicht mehr; er gedachte ihrer, wie einer Unglücklichen, die schwer gebüßt, daß sie den Einflüsterungen jenes Dämons Gehör geschenkt. Jetzt, da sie nicht mehr auf Erden weilte, erblaßte die Erinnerung an die ehedem in den Armen der Liebe verlebten glücklichen Stunden. Die Eltern, diese Wandlung benutzend, wußten ihn für die Vereinigung mit einer Cousine zu gewinnen, die Julius längst in schwärmerischer Liebe zugethan war. Noch im Herbst desselben Jahres feierte er seine Vermählung mit der schönen Jenny Fermann, di e, viel umworben, alle Freier abgewiescn und vertrauensvoll gewartet, bis des Geliebten Herz sich ihr zuwenden würde. — Sie verstand es, ihr Hans zu einem Tempel des Glücks zu machen, in dem alle guten Genien heimisch waren. Wieder einmal wurde das Neujahrsfest gefeiert. Mama Wernau war in einer Artsregung, wie wir sie seit Jahren nicht gekannt; sollten ja heut' ihre geliebten Kinder konimen, Dr. Korani und Bertha und Julius und Jenny; sie wollten die Feiertage im Elternhause verleben. Die gute Frau wußte gar nicht, was sie Alles anschaffen, braten, backen sollte, um es „den Kindern", wie es stets hieß, auch an Nichts fehlen zu lasten. Seit drei Nächten hatte sie nicht geschlafen; wachend und träumend war sie bei ihren Kindern. Papa Wernau schien äußerlich ruhiger, innerlich aber war er ebenfalls erregt; wie von Wonneschauern dttrchbebt, flüchtete er in das letzte entlegenste Zimmer seines Hauses; er hatte das Bedürfnis; allein zu sein, seinem Gott zu danken, daß er ihn diesen Tag erleben ließ. In einer Stunde sollten die Kinder kommen; er hoffte also noch Zeit zu haben, dem Allrnächtigen, der ihm geholfen die Klippen, an denen sein Familienglück zu zerschellen drohte, zu umschiffen, sein Herz auszuschtttten. Da saß er, das alte Gebetbuch vor sich, in dem schon sein Vater gebetet, an dem schmalen Tisch und Thränen innigster Rührung rannen ihm in den eisgrauen Bart. Er hielt Zwiesprach mit seinem Gott; stille, heilige Andacht durchzitterte sein Herz. Da — was war das? Ein Wagen fuhr vor und noch einer! Er eilte an's Fenster. Da ftiegeit sie ja eben aus; Korani mit Frau und Kind und hinter ihnen Julius mit seiner bildschönen Frau und die Mutter ward von ihnen geherzt und geküßt und sie weinte wie ein Kind und führte ihre Lieben in das Haus. So schnell wie ihn die Füße nur tragen konnten, war er unten. „Der Vater! der Vater!" ertönte es aus aller Munde und Alle drängten sich an ihn, ihn zu umarmen. „Wo warst Du nur?" fragte die Mutter, „ich wähnte Du seiest, da ich Dich seit einer Stunde nicht sah, zum Bahnhof gefahren, die Kinder abzuholen?" Beschämt wie ein Schulknabe sagte der alte Mann: „So habe ich wohl die Stunde versäumt; Du weißt, ich hatte die Absicht hinauszufahren, aber übervollen Herzens für das Glück dieser Stunde ging