Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 93 (19.11.1896)
- Date
- 1896-11-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1770 ein, und wirft, was die Religion als ewige Norm gegeben, dem Elephantenfuß des Fortschritts als vergängliche Form zum Zertreten hin. Nicht nur euere Geister, auch eure Leiber sind mein, spricht die jüdische Religion, eure Nahrung regle ich, euere Triebbefriedigung leite ich, haltet euch rein in Allem, und mit Allem, wie Jch's euch lehre, damit ihr nicht unrein werdet und meinem heiligen Dienste heilig bleiben könnt — und wird nicht müde mit dem ernstesten Ernst vor jeder Uebertretung der Speise- und Keuschheitsgesetze zu warnen, und spricht, wie im Hinblick auf die „fortschreitende" Zeit: Ewiges Gesetz bleibt es für alle euere Nachkommen in allen euren Wohnplätzen: esset kein Unschlitt und kein Blut! Aber der Mann des Fortschrittes lächelt und spricht: Wie kann ich sortschreiten, aus Reisen, in Gasthäusern, in Gesellschaften mich bewegen, wenn ich die jüdischen Speisegesetze halten müßte! — Der Fortschritt fordert's, die Religion muß schweigen, und der Diener der Religion im Bunde mit dem Fortschritte spricht: Fahrt nur sür's erste so fort, ich und meine Collegen werden's schon nachträglich legalisiren. Schlaget das Buch der Bücher, schlaget die Thora auf, was bleibt übrig von den Geboten und Verboten eures Gottes, über das eure Religion im Bunde mit dem Fortschritte nicht fortschreitet? — Die Sittengesetze? Meint Ihr? Ihr dispensirt eure Kinder vom vierten Gebote im Namen eures Fortschrittes; vom fünften und siebten werden sie sich im Namen besten, was sie Fortschritt nennen, selber dispensiren. Warum sollten sie auch nicht? Wie sollten sie es euch nicht abmerken, daß es mit der Göttlichkeit des ganzen Gesetzes, das ihr so willkürlich abrogirt, euch gar nicht Ernst ist, gar nicht Ernst sein kann! Und spricht nicht aus ihnen derselbe Gott, der in eurer Brust wohnt, warum sollen sie nicht ihrem Urtheil, ihrem Geschmacke folgen, wenn ihr dem eurigen Folge leistet! Sie folgen ja euch nur, wenn sie das nur von der ganzen Religion, auch von dem was ihr sie als Religion lehret, Hallen, was sie in ihrem Fortschreiten zu ihrem Ziel nicht hindert. Der Erste, der die Religion im Bunde mit dem Fortschritte lehrte, hat von vornherein die Göttlichkeit der ganzen Religion geleugnet."- Nachdem sodann nachgewiesen, wie auch die zu Hülfe angerufenen Maimonides und Mendelssohn das ausgesprochene vernichtende Urtheil nur vollinhaltlich bestätigen würden, bespricht er sodann die Stellung der Religionsgesellschaft, deren Gründung nunmehr ja endlich geglückt sei, zur Gemeinde und bemerkt zum Schlüsse: „Uns jedoch solltet Ihr nicht zwingen wollen, Eure Ueberzeugungen zu theilen, solltet endlich einsehen, daß das nichts Unbegreifliches, nichts Unzurechtfertigendes an sich habe, daß die Mitglieder der Religionsgesellschaft nicht ferner den Kultus Euerer Ueberzeugungen miltragen wollen, sondern daß das ein nimmer zurechtsertigendes unbegreifliches Unrecht für alle Zeiten bleiben werde, daß Ihr bis jetzt irgend einen gesetzestreuen Juden habet nöthigen können, für die Zwecke Eurer religiösen Bestrebungen mitzusteuern, obgleich er in Allem, was Ihr mit seinem Gelde unternehmet, nicht nur nichts für die Befriedigung seiner religiösen Bedürfnisse findet, sondern darin nichts als eine Untergrabung alles dessen finden muß, was ihm heilig ist, eine Untergrabung, deren er sich nach dem unverbrüchlichsten Diktat seines Gewistens nicht theilhaftig machen darf, woran aber er mit jedem Kreuzer offenbar Theil nimmt, den er auf Euer Gebot für Euere Zwecke steuert. Ihr sprechet so viel von Gewissensfreiheit, und übet selbst den ärgsten Gewissenszwang. Ihr sprechet so viel von Toleranz und seid bis zum Fanatismus intolerant. Ihr sprechet so viel von Nächstenliebe, und knechtet die eigenen Brüder. Friede? Meint Ihr den wirklich? Wohlan, so fanget an gerecht zu werden, so räumet mindestens dem Glauben Eurer Väter, dem Jahrhunderte herab alleinberechtigten, paritätische Gleichberechtigung mit Eurem neuen, noch erst im Werden begriffenen Glauben ein, der noch erst die Feuerprobe seiner Existenz abzulegen hat, so wollet mindestens Eure Brüder, denen ihr bereits ihre Gotteshäuser zertrümmert, ihre Schulen geschloffen, ihre Stiftungen entfremdet, ihre Institutionen verkümmert habet, nicht fortan nun noch gar zwingen, eure Tempel und eure Kanzeln mitzubauen!!! Denn wahrlich, der nicht will den Frieden, der will den Hader, der innerlich so Disparates, wie die Ueberzeugungejz unserer gegenseitigen Richtungen, in widernatürliche, widerrechtliche äußere Einigung zusammenzwängt. Sondern der nur will den Frieden, der das nun einmal seinem innersten Wesen nach unversöhnbar Geschiedene, auch in gesonderter Berechtigung anerkennt, und jedem in gleichgewogener Ebenbürtigkeit gerecht wird. Dort wird immer die Wahrheit gegen die Lüge, das Rechtsgefühl gegen die Gewalt sich empören und, bei scheinbar äußerer Einigung, dem Vulkan des Haders immer neue Nahrung bieten. Hier wird jeder auf eigenem, gleichberechtigten und gleichgeschützten Boden, ungestört seine Befriedigung finden, und keine Veranlaffung haben, dem