Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 92 (16.11.1896)
- Date
- 1896-11-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448692--42849-2491870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1764 geschwunden ist. Professor Benedikt besitzt in seiner Sammlung den Schädel eines polnischen Juden, der für den „Arier" so charakteristisch ist, daß er dem Cheruskersürsten Hermann zur Ehre gereichen könnte. Nicht einmal die Juden in Palästina haben ihren Stamm rein bewahrt, obgleich ihnen ein Gesetz die Verbindung mit anderen Völkern untersagte, denn es sei nicht anzunehmen, daß die egyptischen Priester ihr Blut nicht mit dem jüdischen vermischt hätten. Zum Schlüsse kommt Professor Benedikt auf die Frage des Antisemitismus zu sprechen. Der Jude ist kein Politiker. Bis in die jüngste Zeit in Knechtschaft, hat er es nie erlernen können, eine politische Freiheit zu nützen, und was die gegenwärtige judenfeindliche Strömung anbelangt, so möge man es sich ja nicht bange werden lassen. Mögen auch die Feinde ihr Haupt erheben, das Volk müsse endlich einmal zur Besinnung kommen und werde das Joch der Unterdrücker abschütteln. Und diese erkämpfte Freiheit werden dann die Juden auch genießen, denn ein Volk ist nur dann im Stande, die wahre Freiheit zu erringen und zu behaupten, wenn sie dieselbe für Alle erkämpfte. England. London. Montag fand hier eine in jeder Beziehung seltene und überaus erhebende Feier statt: Die Grundsteinlegung des Daoid Lewis-Hospital. Um halb 12 Uhr fand die Ceremonie statt. Die Bürgermeisterin von Liverpool, Gräfin Derby, erschien zuerst am Arme des Herrn W. Levy. Ihnen folgte Gras Derby mit Frau Levy, Sir Arthur B. Forwood, der Rath Louis S. Cohen, Sir William Houldsworth k. K. Gräfin Derby legte mit großer Anmuth den Grundstein unter den Hochrufen der hundertköpfigen Menge; darauf sprach der Bischof von Liverpool ein Gebet. Sir Arthur Forwood dankte der Gräfin für ihre Unterstützung und sprach in längerer Rede den Testamentsvollstreckern für ihre mit seltener Hingabe geleisteten Dienste seine höchste Anerkennung aus. In ähnlicher Weise äußerte sich Graf Derby in seiner Ansprache. Nach der Feier fand ein Luncheon im Adelphi Hotel statt, zu dem etwa 200 Damen und Herren eingeladen waren. Nachdem der Vorsitzende, Herr Levy, den Toast auf die Königin und die königliche Familie ausgebracht hatte, sprach der Bischof von Liverpool, nach ihm Se. Ehrwürden Dr. S. Singer und zuletzt der Bürgermeister, Graf Derby, dessen Rede wir das Bedeutendste entnehmen. Er sagte unter Anderem: „Leid und Trauer verwischen alle Unterschiede der Religion. Der Gehorsam, mit dem wir das Gebot erfüllen, Barmherzigkeit zu üben, entstammt derselben Quelle, aus der die Gemeinde, der unser Vorsitzender angehört, es erhielt. Unsere heilige Schrift ist zum großen Theile die ihrige, unsere Psalmen find ihre Psalmen, unsere Gebote sind die Gebote, welche ihnen überliefert wurden für die ganze Welt. Doppelte Freude ist es, zu fühleil, daß das edle Geschenk des Verstorbenen ein Beweis ist, nicht daß religiöse Unterschiede verwischt werden — meiner Ansicht nach bestehen solche Unterschiede überhaupt nicht —, wie alle Religionen einmüthig handeln, wenn es sich um ein wohlthätiges Werk handelt, wenn es gilt. Kranke zu heilen. Soweit ich urtheilen kann, gibt es keine Religion, die geneigter dazu wäre, als die Religion unseres Vorsitzenden; diese Religion ist gegen ihre Kranken weit barmherziger, als wir gegen die unseligen, sie steht den Schwachen und Kranken bei, bevor diese in Gefahr sind unterzugehen." Noch mehrere Toaste wurden ausgebracht, der letzte aus Graf und Gräfin Derbv, und die erhebende Feier war zu Ende. Uersonatten. Höringhausen, 15. Nov. Am neunten d. Mts. feierten das Ehepaar Jacob und Sara L o e w c n st e vn, im Atter von 77 bezm. 67 Jahren, ihre „Goldene Hochzeit" in vollständiger Körper- und Gcistesfrische. Die Feier, welche im engsten Familienkreise vor sich ging, gestaltete sich zu einer sehr schönen. Herr Lehrer Probe hielt eine ergreifende Rede, welche sowohl von dem Jubelpaare, als auch von den anwesenden Gästen sich des größten Beifalls 31t erfreuen hatte. Außerdem haben Se. Majestät Kaiser Wilhelm geruht, dem Jubelpaare eine Ehejnbiläums-Medaitte zu verleihen, rvelche von Seiten des Herrn Pfarrerc. und des Herrn Bürgermcisters übermittelt wurde. Wereinsnachrtchten. Mannheim, 9. November. (Verein für jüdische Geschichte und Literatur.) Im Casinosaale sprach Herr Gymnasial-Oberlehrer Dr. Heinrich Lewy aus Mülhausen im Elsaß über das Thema „Aberglauben undJudenthum". Die schonungslose Bekämpfung des Aberglaubens stehe an der Spitze der mosaischen Gesetzgebung und das christliche Volk stehe dem Aberglauben eben so feindlich gegenüber wie das Judenthum. Redner citirt einzelne Beispiele des Aberglaubens von den ältesten Zeiten bis auf das Mittelalter und stellt die Begriffe in das rechte Licht, wie sie in der Mischna und anderen jüoischen Lehrbüchern ausgestellt seien, ebenso die '.lebergriffe, wie sie heute nicht allein im jüdischen, iondern auch im christlichen Volke, ja über die ganze civilisirte Welt verbreitet seien; manches war oft ganz natürlich gemeint, wurde vom Volke aber mystisch aufgefaßt und so entstand der Aberglaube. Man möge bedenken, daß Manches, was aus dem Mittelalter stamme und manche Gebräuche seien auf dieses zurückzusühren, dem Judenthum schnurstracks zuwiderlause. Die Extreme berühren sich eben auch hier. Glaube und Wissen seien auch hier diejenigen Fac-