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Der Israelit · 1896-11-16 · Heft 92 (16.11.1896) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 92 (16.11.1896)
Date
1896-11-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1762 ins Schloß fiel, da löste sich die Erstarrung, die alle ergriffen hatte. Rothenburg öffnete seine Arme und preßte seine Kinder weinend ans Herz. Einmal über das andere Mal rief er aus: „Kinder, Kinder, Nuben, Sara? Laßt uns Gott danken!" Es war ein Augenblick des höchsten, reinen Glückes, das hier drei Menschen genossen, und ich glaube, meine alten, welken Blätter zitterten ebenfalls vor Rührung und Glück. Ich hätte weinen können, wegen der Trennung von meinem geliebten Herrn, aber ein Buch kann nicht weinen, doch vermeinte ich ein jubelndes Klingen und Singen zu hören: „Rettung, Retrung?" Jonas Rothenburg hatte sich an den Tisch gesetzt und hielt seine Kinder innig umschlungen. Sem Gesicht leuchtete vor Glückseligkeit. Auf einmal fing er mit seiner tiefen, aber noch schönen Stimme zu singen an: »cpnit rura”! b',p" Und seine Kinder sangen unter Thränen mit.- Und noch eine halbe Stunde später war es, da kamen zwei junge Leute, Verwandte des Herrn Fonseca, um mich zu holen. Sie halten eine hübsche Schachtel mitgebracht. Ich wurde hineingelegt. Schwer wurde mir der Abschied von dieser braven Familie, aber dennoch durchzog mich eine Freude über die Rettung, die ich dem Huuse Rothenburg gebracht hatte. Ich war davon überzeugt, daß der Geist des Rabbi Abraham Worms mit Wohlgefallen aus vem Gau Eden herniedersah. Sem Geschenk vor hundert J chren hatte beute unendlichen Segen gestiftet. . . . Das Haus Rothenburg sah ich niemals wieder. In meinem neuen Heim leuchtete nur heller Sonnenschein, ich wohnte in einem Palaste, erst bei Herrn de Fonseca, dann bei seinen Nachkommen. Man benutzte mich selten, desto mehr wurde ich aber betrachtet und bewundert. Da draußen war Wechsel der Zeiten. Israel breitete sich aus in den Niederlanden. Mit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts erschlaffte das Studinnt des Talnmds. Der mir innewohnende Geist, der Geist eines echt talmudischen Judenthums, der Geist des traditionellen Glaubens Israels, dieser Geist war gezwungen, zu kämpfen mit Tendenzen und Ideen, welche ihn untergraben wollten. Und wenn ich bis aus den heutigen Tag gehe, dann giebt es nur Finsterniß für mich selbst. Meine persönliche Größe ist ganz geschwunden. — — Mit der Fanlilie Fonseca ging es bergab. Mein letzter Besitzer kannte mich nicht mehr. Einige Jahre darauf wunderte ich mit anderen alten Büchern auf den Speicher. Und ach! Leider verlor ich mein teures und werthvolles Vorderblatt, und damit verschwand meine Herrlichkeit und meine Krone. Niemand kannte meine frühere äußerliche Größe. Und meine innerliche Größe — diese wissen die wenigsten zu schützen. Von meinem ganzen, prachtvollen Dasein blieb nichts anders übrig als eine alte, einfache »iv: m^z, welche vor einigen Jahren auf einer Auction für eine Stüber*) verkauft wurde.- Und wie sieht es draußen aus? Wie steht es mit dent Geist des talmudischen Judcllthums, wovon mein Inhalt doch einer der Mitrepräsentanten ist? Gewiß, der Streit dauert fort. Ost schien auch dieser Geist in der Ecke eines Speichers zu liegen und für wenige Pfennige verkauft 51t werden. Aber nein! Da draußen strahlt die Sonne wieder. Der Geist des traditionellen Judenthums stirbt nicht, er lebt. Und heute Abend erinnert man sich meiner in einem Kreise junger Männer aus Israel**), die sich erheben und kämpfen und handhaben das göttliche Wort, welches auch ich erkläre, ein Kreis junger Söhne Israels, die in mir, den Talmud, das ewige Glaubensbuch Israels sehen werden, welches niemals alt und immer jung bleiben wird, welche wissen und es vor allen Angehörigen bezeugen, daß man wohl von einer alten Berochos-Gemvre erzählen kann, aber niemals von einem veralteten Talmud. Ein Kreis junger Männer, welche mich kennen und ftudiren, mich ehren, achten und anerkennen werden, als der kräftige Boden, aus dem Israel gedieh, als das klassische Glaubensbuch, durch deffen Wahrheit Israel das Gottesvolk bleibt, als eine hehre Standarte für das traditionelle, glaubensstarke Judenthum, das nie zu Grunde gehen wird . . . Das walte Gott! Zeitungsnachrichten rrnv Correspondenzerr. Deutschland. Bodenfelde. An den Artikeln des Herrn Rabbiners Dr. Ehrmann habe ich mich mehr erbaut als an mancher Predigt, sogar an solcher, die ich selbst verfaßt habe. Die Artikel sind in der Thal sehr anregend und geben gewissermaßen eine Direktive, in welchen! Sinne und Geist der Religionsunterricht zu ertheilen ist. Auch die Bemerkungen über das Unpädagogische und Unmethodische der landläufigen Religions-Katechismen, namentlich das unzweckmäßige und zwecklose der theoretischen Behandlung „Gottes und seiner Eigenschaften" kann ich nur unterschreiben. Doch ist Herr Dr. Ehrmann eine zu ideal angelegte Persönlichkeit. Er setzt Lehrer voraus, die selten anzutreffen sind. Ich bin nicht sicher, daß ich selbst seinen Anforderungen genügen kann und ver- *) Ein Stüber, soviel wie 5 Cent, oder 8 Pfg. (Anm. des Uebers.) **) Dieser Vortrag wurde in einem Verein junger Talmudbeflissener in Arnheim gehalten. Red. d. Jsr.

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