Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1896)
- Date
- 1896-11-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1742 von ähnlichen, Gefühlen beseelten Gegenliebe hervorrief. Aber einen noch klassischeren Beweis gegen die Theorie des Vers, liefert die Existenz des Talmud selbst. Der Vers, führt ja eine große Anzahl von im Talmud sich vorfindcnoen Aeußerungen von Rabbinen an, die Leugnungen oder mindestens Zweifel an Lohn und Strafe im Jenseits, Auferstehung der Todten, Moschiach u. s. w. enthalten sollen. Ohne auf das Materielle näher einzugehen, da die Aussprüche zum überwiegenden Theil in ihrem schlichten Sinne nicht die Folgerungen dcs Vers, zulasten, fragen wir, uns auf den Standpunkt des Vers, stellend: Was in aller Welt hat denn die Rabbinen, welche durch die schriftliche Fixirung aller dieser Meinungen, diesen doch die größtmögliche Oeffentlichkeit gaben, bewogen diese angeblich „freisinnigen" Ansichten, die nicht über die Schwelle des Lehrhauses hinaus sollten, für alle Zeiten in alle Welt hinauszutragen? Sie hätten ja ohne Weiteres diese Stellen ausmerzen und vor ihnen die Welt hüten können. Aber es ist eben ungeschichtlich und nicht den Thatsachen entsprechend von dem Verbergen „freisinniger" Meinungen vor dem Volke zu reden, unsere Weisen hatten nichts zu verbergen; es ging iin Gegentheil das Streben unserer Weisen dahin, das ganze Volk nicht nur mit den Lehrsätzen verbindlicher religiöser Hebungen, sondern mit der Begründung derselben, wie sie sich aus der Discussion ergab, bekannt zu machen. Wenn gewiste Materien als solche bezeichnet werden, die man nicht öffentlich, nicht einmal in einem größeren Kreise von Schülern lehren solle, so sind es theosophisch - methaphysische Materien, die für die Oeffentlichkeit sich sicherlich nicht eignen, da sie viel mehr zu verwirren, als zu belehren geeignet sind, Materien, die Elischa zum Abfall gebracht urd Ben Soma's Verstand umdunkelt haben. In der That haben auch diese Lehren in der Niederschrift des Talmud keinen Platz gefunden, denn die kurze Erörterung, die in dem Menschen verständlichen Ausdrücken von der überwältigenden Größe der Gottheit (Tract. Chagiga III) spricht, ist weder eine metaphysische Untersuchung noch eine thcosophische Grübelei. — Ist nun die Theorie von der Verheimlichung, die nolhwendig war, daß nicht die „freireligiösen" Anschauungen ins Volk getragen würden, erschüttert, so ist damit auch jener von der "Negation ausgehender KriticismuS, der unfern Weisen imputirt wird, beseitigt. Denn nichts anderes soll, geht man auf den Kern der vorliegenden Untersuchungen ein, ihnen unterschoben werden. Gott hat die Welt erschaffen, er hat die Thma offenbart — das war allen unumstößliche Voraussetzung; wie sie sich die Vermittlung philosophisch begrifflich zu machen suchten, das war und blieb ihrer Forschung und ihrer Anschauung überlasten; diese Speculationen gingen über den Rahmen akademischer Erörterungen nicht hinaus. Hier ist es nun merkwürdig zu beobachten, wie der Vers, sich Mühe gibt, unsere Weisen zu „freireligiösen" Denkern, ja zu Skeptikern zu machen. Um aber gerade dieses zu beweisen, macht der Vers, merkwürdige Anstrengungen; so wird als Beweis für die Geringschätzung, in welcher die Prophetie bei einigen Rabbinen gestanden, Pesachim 66 d angeführt, in welcher Stelle Moses neben Elischa einfach als bezeichnet werde. Wer dort nachsieht, wird erfahren, daß der Vers, sich entweder um den Zusammenhang an der dortigen Stelle nicht gekümmert, oder dieses Citat von sonst irgendwoher übernommen hat, wie er ja selbst an vielen Stellen freimüthig zugibt. Denn, wenn es dort heißt, daß der Zorn dem Menschen sein Wissen, dem Propheten seine Prophetengabe nehmen und wir erstens aus der Geschichte Moses erfahren, dem im Zorne ein ihm bereits mitgetheiltes Gesetz ans oer Erinnerung gekommen war, letzteres aber von Elischa, dem der Z.rn die prophetische Begeisterung genommen, so kann natürlich hier nur von dem nicht K'2; Moses die Rede sei, während Elischa hier als tra: in die Erscheinung tritt. Es würde zu weit führen, wenn alles das Unrichtige der vorliegenden Schrift, die durch und durch an der falschen Anschauung, die oben erörtert wurde, krankt, hier richtig gestellt werden sollte; cs müssen einzelne Beispiele genügen. Wem würde es wohl einfallen, in dem Ausspruche, daß Ereignisse, die das Volk schmerzlch aufrüttelten oder freudig hoben, mehr als die Reden der Propheten genützt hätten, eine Geringschätzung der Prophetie zu sehen, da doch die Propheten selbst sich über die mißlichen Erfolge ihrer Strafreden beklagten? (Vgl. Jerem. 25, 3. 4.) Aber, wie bereits erwähnt, handelt es sich zumeist um akademische Erörterungen, die mit „freireligiösen" Strömungen nichts zu thun haben; bedenklicher wird es, wenn der Vers unsere Rabbinen des Talmud zu Bibelkritikern stempeln will, und wo findet er dafür die Anhaltspunkte? Man höre! Die Rabbinen machen auf scheinbare Widersprüche in der Bibel aufmerksam und versuchen den Ausgleich. Das soll nun Vibelkritrk sein! Fänden wir, daß einer wegen dieser Wieoersprüche eine Aenderung oder eine Streichung vornähme (den bekannten Streitfall über die letzten acht Verse des Pentateuch nehme ich aus, bemerke aber, daß nur eine Stimme gegen alle sie dem Josua zuschreibt) dann könnte von einer Bibelkritik gesprochen werden, aber doch nicht, wenn auf Grundlage der anerkannten Autorität der Bibel ein Ausgleich gesunden wird. Der Vers, hätte sagen können: Mir gefallen die Antworten nicht! Will er Bibelkrttikec sein und die im Talmud erwähnten Wioersprüche als Materialien für seine Kritik verwenden, mag er das thun, das ist seine Sache — aber es ist unzulässig,