Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1896)
- Date
- 1896-11-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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'ITTrwrP73??5S^p!?!SaP5P‘ I! JLX.X VII. Jahrgang. Erste Krllage M 9l -es ^Israelin. Literarische Umschau. 8. Unter dem vielversprechenden und vielen Vermuthungen Raum gebenden Titel „Die freireligiösen S trömungen im alten Jude nt h u m" (Berlin 1896. S. Calvary u. Cie.) veröffentlicht Dr. Alexander Bragin eine Schrift, die einen „Beitrag zur jüdischen Religionsvhilosophie" bilden soll. Die Bibelkcitik ist kein Kind neueren Datums; Jbn Esra verdanken wir ja Namen und Ansichten älterer Kritiker, die er gelegentlich in seinem Commentar erwähnt, und daß er es nothwendig gehalten, deren Meinungen vorzuführen, um sie zu bekämpfen, beweist, daß sie in weitere Kreise eingedrungen und bei Vielen falsche Vorstellungen gebildet haben. Von diesen ist in vorliegender Schrift nicht die Rede. Hier werden Lehrer des Talmud zu Bibelkritikern gemacht und Ansichten über theosophisch-theologische Materien, wie sie die rabbinische Literatur aufweist, als Beweise für „freireligiöse" Strömungen angeführt. Nun aber liegt doch die Frage auf der Hand, wieso mit diesem freireligiösen Denken die strenge religiöse Praxis, wie sie von Allen, auch von den „freireligiösen" Denkern bethätigt wurde, Hand in Hand gehen konnte, oder, wie es möglich war, daß, wie der Verf. sich noch viel prägnanter ausdrückt, es dahin kommen konnte, „daß diese Männer bei solchem freien Denken mit eigenen Händen sich die Zwangsjacke angelegt, die Ketten des Gesetzes für sich selber geschmiedet haben?" Hören wir, wie der Verf. diese Frage beantwortet. „Die Weisen bildeten damals, wie zu allen Zeiten, die Minorität, die Thora aber muß von Allen befolgt werden, und dieses durchzuführen haben sich die Pharisäer als Aufgabe gestellt. Denn bei allem Freisinn war der Glaube an die Existenz Gottes und feine Gerechtigkeit in den pharisäischen Schulen immer lebendig." Aus dem Glauben an Gott und seine Gerechtigkeit folge aber die sittliche Ordnung der Dinge und zu diesem Glauben und zum sittlichen Handeln, dazu sollte das Volk erzogen werden; dazu aber wurde das Gesetz, dem sich Jeder unbedingt unterwerfen soll, als das paffendste Werkzeug von ihnen (den Pharisäern) erkoren." So wurde dem Volk etwas Ganzes und Abgeschlossenes gegeben, während die Lehrmeinungen frei waren, die aber nur innerhalb der vier Wände des Lehrhauses geäußert werden durfte; „nichts durfte außer der Schule ausgesagt werden, was mit den normativen Gesetzen oder den Hauptgedanken des ganzen pharisäischen Systems in Widerspruch stand." Da man keine Bücher hatte und alles auswendig gelernt werden mußte, bildete sich eine geschloffene Kaste von Gelehrten, in die kein .Am haarez" Eingang fand, und so seien denn „alle freisinnigen Gedanken in den engen Kreisen verschiedener Schulen entstanden, aber über die Schwelle durften sie nicht ausgetragen werden." So die Auseinandersetzungen des Vers., die ganz richtig wären, wenn sie nicht an einem kleinen Fehler litten, nämlich an dem, daß sie von Anfang bis Ende grundfalsch sind. Wo ist denn der geschichtliche Anhalt, der zu einer derartigen Konftatirung eines heuchlerischen Verdummungssystems — denn nichts anders ist es als ein solches Augurenthum, das sich verständnißinnig gegenseitig anblinzclt —, wie der Verf. es sich zurechtlegt, berechtigte? Es genügt doch nicht, sich irgend in einen Einfall zu verlieben, um diesen als Thatsache auszugeben. Gäbe es gar keine Gegenbeweise gegen die Aufstellungen, wie der Verf. sie beliebt, so wäre jeder berechtigt, dieselben so lange zu bestreiten, bis er die Beweise für ihre Wahrheit anftthrt. Zum Glück aber liegen die strikten Gegenbeweise in der „pharisäischen" Literatur, d. h. im Talmud selbst vor. Die Discussionen in den Lehrhäusern waren öffentliche. In dem Streite und der heftigen Discussion zwischen R. Gamliel und R. Josua, der zur Absetzung des ersteren führte (Ber. 27 b), war eine große Volksmenge zugegen, obwohl R. Gam. die Oeffenlichkeit stets zu beschränken gesucht hatte; die Discussion begann erst, als die Gelehrten (s'vnn ’bn) ins Lehrhaus kamen, und da R. Josua von R. Gam. rücksichtslos behandelt wurde, da war es das Volk, das durch die Aeußerungen seines Unwillens (ojh b ujw iy) dem unerquicklichen Streite ein für den Rast nachtheiliges Ende bereitete. Dies alles geschah bei der beschränkten Oeffentlichkeit; lobend wird dann hervorgehoben, daß R. Eleasar, als er nach dieser Affaire zurNassiwürde gelangt, die Beschränkung aushsb und die weitestgehende Oeffentlichkeit zuließ. So steht e« mit der Abgrenzung zwischen Gelehrten und Volk aus. Und was nun das Am Haarez betrifft, so sonderte sich dieses von den Gelehrten ab, nicht umgekehrt, daß diese jene ausschloffen? Jeder Am Haarez konnte sich zum Gelehrten ausschwingen, wofür das klassischste Beispiel Rabbi Akiba ist. Nebenbei sei bemerkt, daß Am Haarez im Sinne des Talmud eine ganz andere Bedeutung hat, als man jetzt diesem Worte beilegt, es war dies eine Klaffe von Menschen, die sich aus dem niedrigsten Pöbel zusammensetzte und einen grimmigen Haß, der sich bis zur Todesfeindschaft steigerte, allen Männern von Bildung und Gelehrsamkeit entgegentrug, der dann eine rührende