Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1896)
- Date
- 1896-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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>^#5*^ •'^i -.^F 1735 dadurch Bedingte. Uns ist die Religion das Absolute und der Fortschritt das durch sie Bedingte. Das ist der ganze Unterschied. Aber in diesem Unterschiede gähnet Kluft. „Das uns von unsern Vätern übergebene Judenthum ist uns eine Gottesstiftung, ein unantastbares, keinem menschlichen Urtheil zu unterwerfendes Heiligthum, das das ganze Leben des Juden in allen seinen Beziehungen beherrschen und gestalten soll. Alle Vergleiche hinken. Das Judenthum ist keine Religion, und die Synagoge ist keine Kirche, und der Rabbiner ist kein Priester. Das Judenthum ist kein Zubehör zum Leben, Jude sein ist kein Theil der Lebensaufgabe, Jude sein ist die Summe unserer Lebensaufgabe. Thoren darum ihr, die ihr meinet oder zu meinen vorgebt, eine Gebetsformel so oder so gefaßt, eine Melodie, so oder so gewendet, eine Andachtsftunde so oder so programmirt, bilde zwischen uns die Kluft. Nicht der sogenannte Gottesdienst: die Kanzel und die Schule scheiden uns, die Predigt, die Lehre, das Prinzip, wie ihr es nennt, das das Judenthum, von Gott zum Beherrscher des ganzen Lebens bestimmt, in einen Feiertagswinkel wirft, und den jüdischen, ihrer göttlichen Bestimmung abgewandten Seelen mit dem Bewußtsein ihrer Schuld auch die letzte Hoffnung möglicher Umkehr raubt." — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 10. Nov. Die Paßfrage für den internationalen medizinischen Kongreß in Moskau ist nach längeren Verhandlungen endlich in einem für die israelitischen deutschen Aerzte günstigen Sinne gelöst worden. Auf eine nach Moskau gerichtete Anfrage des deutschen Reichskomitees, an dessen Spitze bekanntlich Prof. Virchow steht, ist seitens der Kongreßleitung soeben der Bescheid eingetroffen, daß die gewährte Erlaubniß sich nicht nur auf die am Kongreße theilnehmenden Aerzte israelitischer Konfession, sondern auch auf ihre Familienmitglieder, in deren Begleitung die Reise nach Moskau angetreten wird, beziehe. Damit dürfte diese für russische Verhältniffe bezeichnende Angelegenheit nun wohl ihre endgiltige Erledigung gefunden haben. Gleiwitz, IO. Nov. Die erste Stadtverordneten- Sitzung nach dem Tode des vieljährigen Vorstehers, trug in ihrem ersten Theile weniger den Charakter einer geschäftlichen, als vielmehr den einer feierlichen an sich. Das Stadtoerordneten-Kollegium war fast vollzählig vertreten, auch am Magistratstisch waren alle Plätze besetzt, und sämmtliche Herren waren in Schwarz erschienen. Das Bild des verstorbenen Herrn Stadtverordneten-Vorstehers Sanitätsrath Dr. Freund schaute aus einem Rahmen von schwarzem Flor auf die Versammlung herab. Ein Viertel nach fünf Uhr eröffnete Herr C. F. Reumann als Stellvertreter die Sitzung. Schweigend erhoben sich die Anwesenden von ihren Plätzen, und Herr C. F. Neumann richtete etwa folgende Worte an die Versammelten: „Mit schwerem Herzen eröffne ich die Sitzung am Platze desjenigen Mannes, der 27 Jahre lang an dieser Stelle hier treu der Stadt gedient hat. Wenn jemals ein Mann sich das Vertrauen seiner Mitbürger erworben hat, dann ist es Sanitätsrath Dr. Freund gewesen. In seltener Weise verstand .er die Würde und Rechte der Versammlung zu wahren, und es wird ihm Niemand den Ruhm streitig machen, daß er den reichsten Antheil an dem so ungeahnt raschen Wachsthum der Stadt in Anspruch nehmen konnte. Aber wie er ausgezeichnet war durch kommunale Tugenden, so war er auch ein guter Staatsbürger. Als Mitglied des Kreistags und KreisausschusteS hat er seine reiche Erfahrung dem Kreise gewidmet. Ferner hat er als Vorsitzender des Aerztevereins seit dem Bestehen dieser Korporation und in seiner Religionsgemeinschaft ebenfalls an leitender Stelle gewirkt. Die Wahrung des konfessionellen Friedens war stets sein erfolgreiches Bemühen. Seiner Dankbarkeit gegen sein Gymnasium gab er durch Gründung zweier Stiftungen Ausdruck. Deßhalb ist ihm auch die höchste Auszeichnung zutheil geworden, die eine städtische Körperschaft verleihen kann, die des Ehrenbürgers und die der Anweisung eines Platzes für sein Bild in diesem Saale zur Erinnerung und Mahnung für kommende Geschlechter. „Und so möchte ich doch einmal," schloß Redner, „dem Dank, der ihm gebührt, an der Stelle, wo er vornehmlich durch Wort und That gewirkt, entsprechenden Ausdruck geben. — Dieser Ausdruck unserer Dankbarkeit möge darin bestehen, daß wir ihm, dem geschiedenen Freunde, dem Vorsitzenden unserer Stadtverordneten-Versammlung, dem humanen Menschen, obschon er kurz vor seinem Tode Blumenspenden sich verbat, in Dankbarkeit einen Blumenstrauß anderer Art widmen, Cypreffen unserer Trauer, Ehrenpreis und Rittersporn seinen Verdiensten, Cyanen seiner Treue, Vergißmeinnicht der Freundschaft, weiße und rothe Rosen seiner Menschenliebe gewidmet, mögen diesen Strauß bilden. Das Gelöbniß aber, seine Thätigkeit im kommunalen Leben für uns ein Vorbild sein zu lasten, möge der Thau sein, der den ihm gewidmeten Blumenstrauß ewig frisch erhält; das Band, das diesen Blumenstrauß umwindet und umschließt, möge die Eintracht und der Frieden sein, die auch uns verbinden soll zu freudigem Schaffen zum Wohle und Gedeihen