Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 91 (12.11.1896)
- Date
- 1896-11-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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-:?5TST^‘T<-^TrÄr?'* SJ; ^v%WffKr?aPB8ijg!nwpjw■! J ,1,1.U1 1784 Frankfurt festen Boden gewonnen. Was seinem Mitkämpfer nicht gelungen war, das glaubte er vollbringen zu können. Im Jahre 1854 veröffentlichte er eine Broschüre: Die religiösen Wirren in der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt, die in Verherrlichung der Reform das Prinzip aufstellte : die Religion im Bunde mit dem Fortschritte. Das würde, als eine innere Angelegenheit der auf einem anderen Standpunkte stehenden Neformgemeinde, die Gesetzestreuen nicht weiter gestört haben. Allein dieses Schlagwort diente ihm nur zum Ausgangspunkt, um die Religionsgesellschaft in geradezu unqualifizirbarer Weife anzugreifen und ihre Bestrebungen, d. h. das gesetzestreue Judenthum ganz in der Weise zu beschimpfen und zu verdächtigen, wie es die in unserem vorigen Artikel mitgetheilte Petition unternahm. Er schilderte die Mitglieder der Religionsgesellschaft als die finsteren „Gegner des Fortschritts und der Civilisation"(!), die unter dem erheuchelten Scheine, im Namen Gottes zu handeln, „die Drachensaat des Hasses und der Zwietracht in ein friedliches Gemeinwesen streuen, die das 19. Jahrhundert zur Bildungsstufe des 15. zurückführen wollen, die über Druck und Verfolgung klagen, und doch selbst die „verfolgungssüchtige Partei" wären, (— das wagt dieser Priester der Aufklärung zu behaupten angesichts der ihm wohlbekannten 40jährigen Verfolgung und Vergewaltigung, deren Opfer eben diese Gesetzestreuen gewesen waren!). Ja er wagt ferner die schnöde Behauptung, die gesetzestreue Religionsgesellschaft sorge pflichtschuldigst dafür, daß ihre Synagoge und Schule im Bunde mit dem Rückschritte bleibe, und die Israeliten sich in künftigen Zeiten wieder derselben Bildung und Gesittung wie derselben Achtung erfreuen werden, die ihnen in früheren Jahrhunderten zu theil ward."(!!) — Eine schmachvollere Verdächtigung ist wohl nie ausgesprochen worden; geradezu unerhört und von keinem antisemitischen Hetzblatte je erreicht ist die Jnsinuirung, daß unsere hehren Ahnen, die Geschlechter alle, die die Treue gegen ihren Gott in einem Leben voller Verfolgung, Mißachtung und Rechtsberaubung bewährt, diese Verachtung und Mißhandlung durch ihren Mangel an Gesittung auch verdient hätten! — Der Vorstand der israelitischen Gemeinde, so führte er in unentwegter Wahrheitsliebe weiter aus, habe sich die Lehre des milden, sanften Hillel zum Vorbilde und zur Maxime auch in seinem Verhalten gegen die Gesetzestreuen jederzeit (!!) genommen — (vergl: die im zweiten und dritten Artikel mitgetheilten Tbatsachen, vor allem auch das brutale Vorgehen gegen Rabbi Salomon Trier ‘ritt, wodurch der Verfasser selbst in den Besitz seiner Stelle gekommen war) —; diese aber, die orthodoxen Juden nämlich, seien selbst „rachsüchtig wie die Schlangen", selbst nur ein „verzerrtes Abbild" jener „fanatischen Korporationen", jener religiösen Parteiungen, die eben jetzt in größeren und kleineren Staaten auf eine Weise ihr Haupt erheben, welche an traurige Zeiten erinnert, die weit hinter uns zu liegen scheinen, und gegen welche „Mittel zu ergreifen" wären, deren Erörterung „der ernsten Erwägung erleuchteter Staatsregierungen und Staatsmänner zu überlassen sei!" Um das Gift des letzten Satzes ganz würdigen zu können, sei daran erinnert, daß es die Zeit der schwersten Reaktion war, unter der die deutschen Lande damals schmachteten. In dieser trüben, wüsten Zeit aber war Frankfurt wie eine Oase, und seine Bürger waren stolz auf ihren Liberalismus. Es war deshalb ein wohldurchdachter Biedermannsstreich, wenn die Religionsgesellschaft so mit allem identificiert wurde, was die Zeit mit Recht als schwarz und finster verurtheilte und als schleichende Selbstsucht fürchtete. Unter diesem Gesichtspunkte wird auch die Anrufung des Senates erklärlich, der doch gewiß diesen Dunkelmännern nicht ferner Vorschub leisten werde. Darauf erwiderte Samson Raphael Hirsch, der angegriffenen „Thoren und Finsterlinge" Einer, mit jener Broschüre: Die Religion im Bunde mit dem Fortschritte, von einem Schwarzen, deren wir bereits in den ersten Artikeln gedacht haben, und entrollte ein Bild der Bedrückung und Vergewaltigung, mit denen die Jünger „des milden sanften Hillel" in der Gemeindestube in Frankfurt seit mehr als vier Jahrzehnten das gesetzestreue Judenthum so schonungslos verfolgt hatten. Zuvor jedoch hatte er das angebliche Prinzip: Religion im Bunde mit dem Fortschritt vollständig zerpflückt. Er zeigte, daß in diesem Prinzipe die Religion als das Bedingte und der Fortschritt als das Bedingende dahingestellt werde. Indem aber dieser Fortschritt in umfassendstem Sinne alles willkürliche Fortschreiten der Menschheit in jeder möglichen Beziehung und in unbegrenzter Schrankenlosigkeit in sich begreife, sei es eine Steigerung des Geschäfts-, des Verkehrs-, des Genusseslebens oder was immer — so bedeutet der Satz: Religion im Bunde mit dem Fortschritte nicht mehr und nicht weniger als: Religion — solange sie im modernen Leben nicht hindernd im Wege steht, in Collisionsfällen aber muß sie weichen. Es ist aber klar, daß dann die Religion immöglich Gottes Wort sein kann. Ein jeder Schritt, der uns dem Gottesworte entfremdet, ist für uns kein Fortschritt. Auch wir wollen Religion und Fortschritt — und zwar: Fortschritt im Bunde mit der Religion. Ihnen ist der Fortschritt das Absolute und die Religion das