Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-11-09 · Heft 90 (9.11.1896) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 90 (9.11.1896)
Date
1896-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448690--42803-2491822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ihm hellklingende Stimmen entgegen, zehn Knaben sangen gerade das „Halle!".„Rüben", riefen sie ihm zu, „es giebt ein Fest". Die Juden in Böhmen dürfen bleiben, sie sind frei. Heute ist ein Courier angekommen, die Kaiserin hat vorgestern das Edikt zurückgenommen". Doch Rüben hörte kaum darauf, was die Knaben ihm zugerufen hatten und ging wortlos auf seinen Platz. Der Lehrer Rabbi Uri kam herein und empfing freudig die 272 ^7,2 Wünsche seiner Schüler. Die Lehrstunde fing an und in gehobener Stimmung nahmen alle daran Theil. Aber mit Verwunderung sah der Lehrer den sonst so geweckten und aufmerksamen Knaben jetzt still und in sich versunken auf seinem Platze sitzen. Als die Stunde ihr Ende erreicht hatte, und sich alle erhoben hatten, um fortzugehen, rief der Lehrer Rothenburg mit den Worten an: „Rüben, bleibe noch einen Augenblick, ich muß Dir noch etwas sagen!" Kaum waren sie allein, so rief der Lehrer den Knaben zu sich, legte ihm leise die Hand aufs Haupt und sagte zu ihm: „Was fehlt Dir, Rüben, ist Dir etwas zugestoßen? Sage es mir offen, denn Du bist ein braver Knabe. Wenn ich kann, soll dir durch mich geholfen werden." Da fing der Knabe zu schluchzen an, und beugte sein Antlitz auf die Knie seines Lehrers. Endlich schlug er die thränenden Augen zu Rabbi Uri auf und erzählte ihm dann alles, was sich zu Hause zugetragen. Er schloß mit den Worten: „O, Herr Lehrer, mein Vater verbot mir, darüber zu sprechen, aber ich konnte nicht mehr. „Sei ruhig, mein Junge", sagte Rabbi Uri auf Tiefste erschüttert „laß mich Nachdenken! Ich kann mir das Unglück noch gar nicht so recht vorstellen, Jonas Rothenburg, arm! — Was ist da zu machen? Ich kenne Deinen Vater, er nimmt kein Geschenk. Ich könnte wohl heute an dem Freudentage, aus Anlaß der Zurücknahme des Verbannungsedikts einige tausend Gulden für ihn zusammenbringen, aber er nimmt es nicht." Und er überlegte hin und her mit dem 14jährigen Knaben, der in wenigen Stunden zum Manne geworden war. Schon einige Male hatte R. Uri's Frau zum Esten gerufen und zum Oefteren neugierig ins Zimmer geblickt. „Mein lieber Rüben, ich kann jetzt zu keinem Entschluß kommen. Wenn Du willst, so bemühe Dich heute Abend noch einmal zu mir. Hier ist Deine Gemore!" Noch ganz in Gedanken versunken, hatte N. Uri mich aufgeschlagen und das Titelblatt nebst der Mittheilung gelesen, die eigenhändigen Unterzeichnungen des R. Abr. Worms und des R. Moses Rothenburg und eine etwas längere Mittheilung des letzteren. Wir kennen ja den Inhalt derselben aus der Erzählung der Berochoth-Gemore. Während des Lesens begann N. Uri aufmerksanr zu werden. „Rüben, warte noch einen Augenblick," sagte er dann plötzlich, „ich habe eine Idee, eine schwache Hoffnung. Zwar kann ich noch nichts Bestimmtes sagen, vielleicht gibts aber eine Rettung. Stelle die Gemore einstweilen auf ihren alten Platz in Eurem Hause. Vertraue auf Gott! '"2 jtdt6 212 und warte und schweige!" Am Abend destelben Tages saß gegen sieben Uhr Jonas Rothenburg über seine Handelsbücher gebeugt. Um seine Lippen lag der gewöhnliche, bittere, harte Zug. In einer dunklen Ecke des geräumigen Zimmers saß die jugendliche Sara, ein Bild des Jammers. Thränen rollten über das blaffe, feingeschnittene Gesicht. Am Tische saß Rüben und hatte ein Buch vor sich, aber er las nicht darin. Er hatte die Gewißheit, daß sich etwas zum Guten ereignen würde. Ich stand indessen ruhig im Schrank, nur eine unerklärliche Mischung von Angst und Hoffnung empfand ich unter meiner juchtenledernen Haut. Es war mir, als ob ein bedeutungsvoller Schicksalswechsel über meinem Haupte schwebte. — Da schlug die alte Uhr im Hausstur halb Acht. In den selben Augrnblick hörte man draußen den schweren Thürklopfer erschallen. Jonas Rothenburg erhob erstaunt den Kopf. — Wer konnte jetzt noch kommen? — Rüben sprang erwartungsvoll auf. — Nochmals fiel der Klopfer. — Gleich darauf hörte man, wie das Dienstmädchen die Thüre öffnete. — „Sara, gehe hinaus und sieh nach, wer da ist," sagte Rothenburg zu seiner Tochter. Gleich darauf trat sie wieder herein und theilte erstaunt mit, daß Herr Aboab de Fonseca de la Penha, Vorsteher der portug. Gemeinde, ihren Vater zu sprechen wünsche und im Vorzimmer warte. „Bitte ihn herein zu kommen," sirgte Jonas Rothenburg. Der Vorsteher trat inö Zimmer. Er war ein bejahrter Mann, aber noch recht behend, was sich mit seiner kleinen, nur mageren Gestalt gut vereinbarte. Rothenburg hatte sich erhoben und war dem Besuch entgegen gegangen. Man sah ihm nicht an, daß er nicht mehr der reiche Kaufmann war, der auf dem Punkte steht, ein Leben der Armuth zu beginnen. Würdig unv ruhig empfing er seinen Gast. „Schalom, Herr Rothenburg, verzeihen Sie, daß ich Sie zu dieser späten Stunde noch besuche." Rothenburg erwiederte staunend den Gruß.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.