Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 90 (9.11.1896)
- Date
- 1896-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXTIL Jahrgang. Wäge M M 90 des „Israelit". Feuilleton. Aus de» Memoiren einer alten Kerotzos-Gemore. Von ihr selbst erzählt. Von T. Tal, Oberrabbiner im Haag. (Autorisirte Uebersetzung aus dem Holländischen von Alexander 7) Baum, Berlin.) (Nachdruck verboten.^ Am 31. März 1745 wurde das Verbannungsdecret über 18,000 Israeliten aus Prag verhängt. Unter ganz Israel in Europa herrschte Angst und Trauer. Am 17. Mai desselben Jahres befand ich mich im Salon meines Herrn, des Jonas Rothenburg. Er saß mit seiner siebzehnjährigen Tochter und seinem vierzehnjährigen Sohne am kostbarem Tische und aß — trockenes Brod. Sie tranken Wasser dazu! — Ihr Abendessen! . . . . Mein Herz krampfte sich bei diesem Anblick zusammen.- Der kleine Rüben erzählte soeben, daß er heute in der Schule gehört habe, daß die Juden in Böhmen und Mähren noch immer auf Rettung hofften. „Tiefe Trauer ist über die Juden gekommen ton: b^rr", schloß er nachdenklich. Dann begaben sich die Kinder zu Bett, Rothenburg nahm ein nvaens aus dem kleinen Bücherschrank. Dieses war mein Nachbar. Es hatte mir schon viel von der traurigen Stimmung seines Herrn erzählt, er benutzte es täglich, darin zu lernen. Aber heute wollte es nicht recht gehen, da nahm er mich zur Hand, aber auch ich brachte ihm noch nicht die ersehnte Ruhe. Ich hörte ihn flüstern: „toia bza DHirry'. Nach lange blieb er so in Gedanken versunken sitzen, da endlich fing er an in mir zu blättern, schlug die Seite acht und fünfzig auf, und las im Tone eines leisen, rührend - traurigen Talmud- Recitativ die Geschichte des Rabbi Chißda. Dieser, so heißt es dort, ging einst an dem Hause des Rab Chana ben Chanina vorüber und blieb schmerzlich seufzend still stehen. Als man ihn frug, warum er so schmerzlich betrübt sei, rief er aus: „O, soll ich nicht seufzen. Einst backten vor diesem Hause sechzig Bäcker Tag und Nacht Brot, damit ein jeder, der desselben benöthigte, kommen und es erhalten konnte. Jeder Hungrige, der zu der einen Thüre hereinlam, ging gesättigt zur anderen wieder heraus. Dieses Haus ist jetzt eine Ruine. Soll ich da nicht seufzen?" Ein Zittern durchlief Rothenburgs Glieder, als er die Stelle gelesen hatte. Er dachte an das reiche, gastfreie Haus seines Vaters,.jetzt war es eine Ruine. . . . Und ich hörte ihn wieder flüstern: „O, Ewiger, rette mich und meine armen Kinder!" „Ja es ist wahr, es ist meine eigene Schuld, ich war zu stolz, ich heuchelte Reichthum und hatte kein Brot, ich wollte von keinem etwas annehmen. Ewiger, Gott! Ich werde mich erniedrigen. Ja, es soll geschehen, ich werde das Haus meines Vaters verlaffen und mit meinen Kindern Zuflucht in einem einsamen Häuschen suchen. Aber dann o Gott, laß mein Unglück aufhören, segne mich dann wieder!" Wie lange er noch so da schmerzversunken gesessen, ich weiß es nicht. — Am folgenden Morgen, es war der 15. Jjar, zeigte Rothenburg ein blasses Angesicht, und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen. Stillschweigend nahm er seinen kärglichen Morgenimbiß zu sich. Als er „gebenscht" hatte, sagte er in sanftem, doch in das Innerste des Herzens dringendem Tone zu seinen Kindern, die ihn noch nie so blaß und abgehärmt hatten: „Kinder, Rüben sagte gestern Abend y-v ich will Euch sagen, daß auch in unserem Hause Trauer ausgebrochen ist". Die ahnungslosen Kinder sahen erschreckt einander an und drängten sich dann weinend an ihren geliebten Vater heran, der fortfuhr: „Achtet genau auf das, was ich Euch jetzt sagen werde. Hört auf zu weinen. Gott giebt und er nimmt auch wieder, der Name Gottes sei gelobt. — Kinder, ich bin arm, blutarm".Er konnte nicht weiter sprechen. Nach einer kleinen Pause begann er wieder: „Ich werde diese Woche meine Gläubiger um einige Monate Aufschub bitten. Nächste Woche werden wir dann dieses Haus verlaffen, die Möbel sollen verkauft werden. Ich sage Euch noch einmal, weinet nicht, nur sprecht mit Niemand darüber. Verlaßt Euch aus Gottes Hilfe. — Und jetzt, Sara, decke den Tisch ab, ich gehe aus, in zwei Stunden bin ich wieder zu Hause. Und Du, Rüben, gehe zu Deinem Lehrer!" Jonas Rothenburg war sortgegangen. Roch konnten die Kinder das Gehörte nicht fassen. Das Mädchen konnte nicht Herrin ihrer Thränen werden. Rüben starrte trockenen Auges in's Leere. Da hörte er der Schwester sanfte Stimme neben sich: „Rüben, geh' zu Rabbi Uri, es ist Zeit!" Und Rüben stand stillschweigend ans, nahm mich unter den Arm und ging, wie im Traume, hinaus. Als er das Haus seines Lehrers betrat, tönten