Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-11-05 · Heft 89 (5.11.1896) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 89 (5.11.1896)
Date
1896-11-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448689--42778-2491796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1696 Auf diesen schüchternen Vorschlag der Degradirung des zweiten Feiertags folgen dann die^Grünoe. die für seine vollständige Absetzung plaidiren sollen. Sie sind von einem echten Krämergeist diktirt, der alle Feiertage, Sabbate und selbst Sonntage des Tischrimonats zusammenzählt, um den Abbruch zu veranschaulichen, den sie für das Geschäft und den Erwerb bedeuten. — Der Schachersinn, der sich mit solchen Motiven zufrieden gibt, hat nun aber auch für den ersten Feiertag, ja hat für jeden Sabbat seine Berechtigung, sobald er ihm auf der Jagd nach Erwerb und Genuß irgendwie unbequem wird. Wem solche Motive für die Abrogirung unserer Festtage genügen, der braucht dann keine Citate mehr aus dem Talmud, die unser Causeur noch übel flüssiger Weise ins Treffen führt. Er macht sich das übrigens sehr bequem. Aber wir wollen ihm die Freude an seinem talmudischen Sprüchlein nicht stören, sie sind doch nur Staffage und Decoration. Wir glauben auch nicht, daß diese Spiegelfechtereien irgend welchen praktischen Erfolg haben werden. Diejenigen, welche die zweiten Feiertage, wie sie es von ihren Eltern vor sich gesehen, weiter feiern wollen, werden sich durch solche Flunkereien nicht davon zurückhalten lasten. Diejenigen aber, die ihnen gram stnd, weil sie auf diese Weise weniger verdienen, nun die warten nicht auf diese neue Weisheit, um sich von unseren Heiligthümern loszusagen. Wir nehmen von der Sache nur Notiz, um an der Hand derselben darzuthun, wie wenig sich diese unberufenen Rathgeber denn doch auf die öffentliche Meinung verstehen, um deren Gunst sie so angelegentlich buhlen. Es fühlt heute jeder doch zu empfindlich den Druck von außen, der uns an unsere alten Heiligthümer preßt. Ihnen verächtlich den Rücken zu kehren aus solchen Gründen, wie sie hier vorgeführt werden, hieße dasjenige gedankenlos preisgeben, was uns noch Schutz und Halt gewährt, da wo sich alles treulos erweist, auf das viele so leichtsinnig und zuversichtlich vertrauten. Wir vertrauen deßhalb dem gesunden, nüchternen Sinn unserer Glaubensgenosten, der diese destructiven Bestrebungen zu würdigen misten und über sie stillschweigend zur Tagesordnung übergehen wird. Rußland. Petersburg. (Die Thaten des Gouverneurs von Cherson.) Ein mir vorliegendes Circular des Gouverneurs von Cherson vom 12. Oet., welches dieser an die Behörden des ihm unterstehenden Gebietes gerichtet hatte, kann als Beleg dafür dienen, wie unhaltbar die Lage der Juden in Rußland auch unter Nikolaus II. ist. Dieser diensteifrige Gouverneur verfügte nämlich in seinem Cirkular, daß der Aufenthalt von Juden in Dörfern, und sei er von noch so kurzer Dauer, unter keinen Umständen geduldet werden dürfe. Warum aber der Gouverneur plötzlich das Bedürfniß empfand, seine administrative Gewalt auf den Juden zu erproben, erklärt sich durch folgende Thatsache. In neuester Zeit haben viele Dorfgemeinden int Gouvernement Cherson von ihrer unmittelbaren Obrigkeit erwirkt, daß den Juden vorübergehender Aufenthalt in den Dörfern gestattet wurde, um den Bauern Gelegenheit zu geben, ihre Producte vortheilhaft zu verkaufen. Andererseits hatten die Behörden der in einigen Ortschaften des Gouvernements vorhandenen Wasser- und Bäder- Heilanstalten kranken Juden erlaubt, zum Curgebrauch diese Ortschaften besuchen zu dürfen. Dieses kam nun zur Kenntniß des Gouverneurs, der sich beeilte, den Behörden einzuschärfen, daß der Aufenthalt von Juden in den Dörfern unter gar keinen Umständen geduldet werden dürfe. Und mit beispiellosem Cynismus bemerkt noch der Gouverneur in seiner Verfügung, daß weder die Krankheit noch das Bedürfniß eines Juden, seine auf dem flachen Lande wohnenden Eltern zu besuchen, den Behörden Anlaß geben dürfe, den Aufenthalt von Juden in den Dörfern zu dulden. Wir wollen diese, jedweder Gerechtigkeit und Humanität hohnsprechende Verfügung nicht commentiren; sie macht ja jeden Commentar überflüssig, aber als Beweis für die unhaltbare Lage unserer Glaubensgenossen im Czarenreiche dürfte diese Verfügung schlagend sein. Argus. Feuilleton. *>^<§8 Cbmmtmn Iißurin Eine Erzählung 5) von Ma Barber, Wien. Welche Freude im Wernau'schen Hause, als Julius dennoch, wenngleich verspätet, zu den Festtagen eintraf! Der Vater hatte es ihm zwar sehr verübelt, daß er am heiligen Jomtof gereist, doch Julius wußte es ihm so glaubhaft zu machen, daß er tags zuvor nicht hatte kommen können, da eine schwierige Operation, von der das Leben des Patienten abhing und die seine Anwesenheit erheischte, gerade vorgenommen werden niußte. Die Eltern, glücklich den geliebten Sohn bei sich zu sehen, forschten nicht weiter, ob Alles auf Wahrheit beruhe, ihnen genügte, daß Julius nun doch gekommen und stolz erzählte Mutter Wernau all' ihren Bekannten, mit denen man Besuche tauschte, wie tüchtig ihr Julius sein müsse, da sein Professor keine Operation ohne ihn, den er seine rechte Hand nenne, vornehme. Julius beabsichtigte, gleich nach den ersten Festtagen abzureisen, indeß die Eltern waren dagegen; die Sehnsucht.nach Kathi gab ihm keine Ruhe. Er hatte Stunden, in denen es ihm, trotz all' der Liebe, mit der ihn die Seinigen umgaben, gar bang wurde,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.