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Der Israelit · 1896-11-05 · Heft 89 (5.11.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 89 (5.11.1896)
Date
1896-11-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1693 alle sammt bestrebt sind, in ernstem Wetteifer in der Entfaltung des herrlichsten Menschenthums, in der Förderung des Edlen und Guten, sowie in gewissenhafter Erfüllung aller vaterländischen Pflichten, inmitten unserer nichtjüdischen Mitbürger an der Lösung der Aufgaben, die die Zeit an Jeden stellt, in treuer Hingebung unseren Beitrag zu leisten. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, 4. Nov. Unter Anfangs schwacher, später stärkerer Betheiligung hielten diesen Sonntag die Antisemiten, oder wie sie sich nennen, die: „Deutschsoziale Reformpartei" in der „Stadthalle" eine Wählerversammlung ab. Wir schicken voraus, daß es weder eine antisemitische Partei, noch eine größere Anzahl Antisemiten hier giebt. Herr Liebermann von Sonnenberg wurde auf Veranlassung von drei hiesigen Gymnasiallehrern, eines Rechtsanwalts und eines Richters, die sich aber alle dagegen verwahrt haben, daß sie der „Antisemitischen Partei" angehören, hierherzitirt, weil, wie die Herren sagten, sie auch einmal diesen Herrn gerne hören möchten. Nach der Eröffnung der Versammlung mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser, fühlte Herr Liebermann von Sonnenberg zunächst das Bedürfniß, zu erklären, daß er nicht hierhergekommen sei, um Judenhetze zu treiben. Wer lacht da nicht? Dann protestirte er dagegen, daß die Männer, welche. die Eingabe an die Stadtverwaltung wegen Ueberlassung der Halle unterzeichnet, als Antisemiten bezeichnet werden. Es seien dies Männer aus allen Gesellschaftsklaffen gewesen und er hoffe nicht, daß den mitunterzeichneten Lehrern irgend welche Nachtheile daraus entstehen würden, vielmehr sei zu erwarten, daß der Staatsanwalt sich die „Judenpresse", welche jene Leute beleidigte, einmal näher ansehe. Nach dieser geschmacklosen Einleitung trat man dann in die Tagesordnung dieser, in ihrem Verlaufe an die wüsten Berliner Hetzversammlungen erinnernde Wähler-Versammlung ein. Der mit dem eisernen Kreuz geschmückte Herr Liebermann von Sonnenberg schien sich bei den oft von ihm provocirten stürmischen, ja tumultarischen Scenen wohl zu fühlen, denn er ging auf jeden gemachten Zwischenruf ein und reizte durch seine dreisten, witzig sein sollenden Bemerkungen zu immer neuen Unterbrechungen. Meistens gewannen die Versammlungstheilnehmer der Sache die komische Seite ab; man schien vielfach zu glauben, . sich in einer Carnevals-Sitzung zu befinden, denn sehr oft wurde der Wunsch nach dem „Narrhallamarsch" laut. Der Referent schilderte zunächst die Entstehung und Entwickelung seiner Partei. In ihrem 18 Punkte umfassenden Progranlm, sei nur in einem Punkte von den Juden die Rede. Sie wollten nicht deren Unterdrückung, sondern nur Gleichberechtigung, damit es nicht mehr vorkomme, wie geschehen, daß z. B. hier in Mainz die Judenschaft der Behörde vorschreibe, ob sie die Stadthalle seiner Partei vermiethen dürfe oder nicht. Bis dahin gab es schon einige Zwischenrufe, die Herrn Liebermann zu der Bemerkung veranlagten, daß diejenigen, denen es in der Halle nicht gefalle, dieselbe verlassen und die von den Juden erhaltenen Biergroschen wo anders in Ruhe verzehren sollten. Als die Ruhe wieder hergestellt, fuhr Referent in seinen Ausführungen fort. Sie hätten ihrem Programm Forderungen aller Parteien einverleibt, was sie von denselben als Recht anerkannt hätten, ständen aber in Treue und Liebe zum Vaterland und glaubten auf gesetzlichent Boden die vorhandenen Ungerechtigkeiten zu beseitigen, nicht wie die Sozialdemokraten, die alles Bestehende Umstürzen wollten. Erneute Zurufe, Pfeifen. Herr Liebermann ersucht die Polizei die radaumachenden Anhänger der „Judenschutztruppe" hinauszuweisen. Zwei Schutzleute greifen einen Mann aus der Menge heraus, geben denselben aber wieder frei, als festgestellt wird, daß dieser ruhig war. Ein vor dem Podium sitzender junger Mann, der zu Gunsten der Geschmähten seinem Herzen Luft machte, was wir ganz begreiflich fanden, wird wegen eines Zwischenrufes auf Drängen der Parteigenossen Liebermann's von dem überwachenden Bezirkskommiffar aus dem Saale geleitet und dessen Namen feftgegestellt. Nach dieser stürmisch verlaufenen Szene fährt Referent fort. Es sei nicht wahr, daß sie dem Volke das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Sie wollten möglichst rasch demselben Besserung bringen, während andere Parteien, selbst solche, welche mit ihnen auf dem Boden des Vaterlandes stünden, zu lange erwägten, was zu thun wäre. Die deutsch-soziale Reformpariei, aus den Antisemiten hervorgegangen, wolle nicht, wie ihr jüdische Soldschreiber vorwerfen, den konfessionellen Frieden stören. Stürmische Unterbrechung, die sich fortsetzte, als Referent erklärte, die Juden gehörten nicht unter die Bezeichnung „Confessionen", als solche wären — wie man bei Schopenhauer Nachlesen könnte — nur Christen gemeint. Die Juden seien nur eine Religionsgemeinschaft. Seine Partei treibe keine Hetze, ließe sich aber auch nicht hetzen, und sei in jeder Beziehung tolerant Lachen und Zurufe). Die Juden könnten in ihren Synagogen treiben, was sie wollten, sollten sich aber nicht um Andere kümmern, was zu thun sie aber die Frechheit hätten. (Unterbrechung). An den bestehenden unhaltbaren Zuständen seien die Juden zwar nicht völlig, aber doch größtentheils Schuld. Die Juden seien die Könige der Zeit, der gemeinsame Feind der christlich-arischen Menschheit und ihre Presse beherrsche alles. Daß die Sozialdemokraten sich den Namen „Arbeiterpartei" zulege, sei eine Anmaßung. Vom Kaiser bis zum letzten Straßen.

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