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Der Israelit · 1896-11-02 · Heft 88 (2.11.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 88 (2.11.1896)
Date
1896-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1681 lich verbinden; i.ch habe meine in der Schule des Lebens gereiftem Ansichten, und wo immer ich eine derartige Mischehe sah, war sie getrübt, es gab kein reines Glück, kein echter Seelenfrieden! — Nun laß uns ab^c gleich," fuhr er, eine Thräne im Auge zerdrückend und den Sohn nochmals umarmend, fort, ,<d«-r Mutter schreiben, daß sich gottlob Alles zum <#uteu gewendet, ich habe ihr mit dem Brief, den ich ihr gestern absandte, das Herz gewiß recht schwer gemacht!" — Nachdem Wernau die Feder angesetzt, sagte er : „Nein, nicht schreiben; warum soll ich die Gute in Unruhe lassen, bis der Brief ankommt; wir werden der Mutter eine Depesche senden; komme Julius, zehn Arme lasse ich heut speisen, zürn Dank, daß Gott der Herr, mein Flehen erhört und Deinen Sinn gewendet hat!" Arm in Arm verließen Vater und Sohn das Haus, Beide glücklich, daß sie wieder wie ehedem in Frieden mit einander lebten. Wernau verblieb noch einige Tage in Wien und hatte eure rechte Herzensfreude, von Allen, die mit Julius in Verkehr standen, zu hören, daß er überall wohl gelitten sei und sich des besonderen Wohlwollens seiner Profefforen erfreue. Glücklich und beruhigt trat er die Heimreise an, nicht ahnend, daß Julius schon eine Stunde später in bcu Armen der Liebe Trost sitchte. Kathi hatte, um sicher zu fein, daß man sie nicht wieder zusammentreffe, ihre alte Amme zu überreden gewußt, daß sie ihr allabendlich eine Zusammenkunft mit Julius draußen in ihrem Häuschen vor der Linie gestatte. Die alte Barbara war ganz stolz, daß ihre liebe Kathi sie zu ihrer Vertrauten mache, und blieb stets in ihrer Küche, während die jungen Leute im Putzzimmer ungestört kosten und Schwüre ewiger Liebe tauschten. Julius brachte der Geliebten Geschenke, doch vermied er es sich mit ihr, da er sich von des Vaters Freunde beobachtet wähnte, öffentlich zu zeigen. So vergingen etliche Monate. Niemand ahnte, daß das Verhältniß fortbestehe. Kathis Vater, ein alter kränklicher Mann, der früher Magistrats-Beamter gewesen und jetzt von einer kleinen Pension lebte, hatte gerade an dem Tage, als Julius sich von ihm verabschieden wollte, um die Osterferien bei den Eltern zu verbringen, einen Schlaganfall erlitten. Kathi war trostlos als Julius kam, sich von ihr zu verabschieden. „Jetzt wirst Du mich doch nicht Verlusten, Julius," bat sie unter Thränen; „sieh', der Vater kann jeden Augenblick den Geist aufgeben und der Bruder ist fern; er würde nicht einmal Urlaub bekommen, wenn ich ihm auch depeschirte. „Kathi, sich muß reisen," sprach Julius; „Du weißt, die Eltern erwarten mich. Morgen ist Seder- Abend; es würde ihnen die ganze Festesfreude stören, wenn ich nicht zugegen wäre!" „Aber ich vergehe vor Angst," rief das Mädchen weinend; „denke, wenn der Vater stirbt! Der Arzt giebt ohnehin wenig Hoffnung! Thue mir das nicht an, Geliebter, utich in dieser schweren Zeit allein zu lassen." Sie warf sich schluchzend an seine Brust und schien verzweifelt. „Nur zwei Tage, Kathi, gieb mich frei," bat der junge Mann; „Du weißt nicht, wie die Eltern sich freuen, mich an den Feiertagen zu Haus zu sehen! Glaube mir, es muß sein! Ich darf ihnen die Festesfreude nicht stören! Die Mutter schreibt mir täglich, daß sie schon gar keine Ruhe mehr findet; wo gäbe es einen Entschuldigungsgrund, der —" „So schreibe ihnen die Wahrheit," fiel Kathi ein, „schreibe, daß Du das Mädchen, dem Du Treue geschworen, nicht allein am Krankenbette des Vaters zurücklasten kannst, daß — daß —" Thränen erstickten ihre Stimme. Vergebens suchte sie Julius zu beruhigen; sie schien bei dem Gedanken, ihn in dieser schweren Zeit nicht zur Seite zu haben, ganz fassungslos. „In einer Stunde geht der Zug ab, Kathi," mahnte der junge Mann, „sei standhaft! Mach mir den Abschied nicht so schwer!" Im Nebenzimmer hörte mau ein leises Röcheln. „Um Gottcswillen der Vater!" rief Kathi, die Thür aufreißend. Beide traten ein. „Kathi, mein Kind!" stöhnte der alte Mann; „es geht zu Ende! Reiche mir Deine Hand!" Weinend lehnte das junge Mädchen ihr blondes Lockenhaupt an die Brust des Vaters; sie sprach ihm Muth zu, wischte ihm mit dem Tuch die Schweißtropfen von der Stirn, da — ein letzter Seufzer — der alte Mann hatte ausgelitten. „Todt! todt!" rief sie in wildem Schmerze. „Todt, der geliebte Vater, der so treu und zärtlich für mich sorgte!" Julius suchte die ganz Fastungslose zu beruhigen, umsonst. Das junge Mädchen weinte und schluchzte, daß er fast daran verzweifelte, ihr durch seine Anwesenheit nützen zu können. Er sah auf die Uhr; noch 3<> Minuten bis zum Abgang des Zuges. Unmöglich, sie in dieser Aufregung an der Leiche des Vaters alleinzu lasten. Doch was würden die Eltern sagen, wenn er morgen am Seder-Abende fehltet Sollte er depeschiren? Nein, nein, die Depesche käme auch morgen noch zeitig genug. Weshalb die Eltern heute schon betrüben? Vielleicht, daß er morgen mit dem Frühzuge reisen konnte! Er würde dann zwar verspätet eintreffen, doch jedenfalls noch am ersten und^ zweiten Festtage bei den Eltern sein.

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