Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 88 (2.11.1896)
- Date
- 1896-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1679 findet, welche wirklich unschuldsvoll aus ihrer Heimath entführt und in's Toleranzhaus der Schande preisgegeben wurde. Meistentheils handelt es sich um Frauenspersonen, die schon zu Hause einen leichtsinnigen Lebenswandel führen oder direkt Prostituirte waren. Ich stelle Ihnen, Herr Redakteur, anheim, von diesen Mittheilungen mit Nennung meines vollen Namens und der Aufforderung an die Kenner Argentiniens, mir zu widersprechen oder meine Angaben zu bestätigen, Gebrauch zu machen und versichere Sie meiner vorzüglichen Hochachtung. Dr. Theophil Wechsler. Rußland. Petersburg. (Die Juden im russischen Heer.) Die panslavisüsche „St. Petersburgskia Wjedomosti", ein halboffiziöses und sehr angesehenes Blatt, veröffentlichte unter dem Titel „Eine ernste Frage" eine Reihe von Artikeln, welche, sehr maßvoll UNd streng sachlich gehalten, ohne sonderliche Judenfreundlichkeit, aber auch ohne gehässige Voreingenommenheit die „Judenfrage" behandeln. Der vierte Artikel beschäftigte sich mit der Erfüllung der Militärpflicht durch die Juden in Rußland; es heißt darin unter Anderem: „Die schwerste und weitaus ernsteste Anschuldigung, welche gegen die Juden erhoben wird, ist zweifellos die, daß sie sich der Militärpflicht entziehen. Wenngleich die Juden in ihren Rechten äußerst beschränkt sind, niuß sie doch der Besitz der Rechte, welche ihnen noch gewährt sind, die Erfüllung des Militärdienstes, als Pflicht erkennen lasten, und die Frage, ob sie dieser allerschwersten, aber auch allerheiligsten Bürgerpflicht sich wirklich entziehen, verdient eine ernste Prüfung. Zweifellos gäbe es Gründe genug, falls die Juden sich der Militärpflicht zu entziehen suchen sollten. Sie sind Städtebewohner, gehören dem Handelsstande an, und diese Volksklasten pflegen, gleichviel welcher Confession sie sind, nie gern in die Reihen des Militärs einzutreten. So war z. B., wie bekannt, nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1874 der Handel mit Recrutirungsquittungen, die den Besitzer vom persönlichen Dienst befreien, gerade in den Gouvernements mit griechisch-orthodoxer Bevölkerung ganz besonders im Schwange und wurden von den russischen Kaufleuten für eine derartige Quittung 8- bis 10,000 Rubel geboten und gezahlt. Sehr belehrend nach dieser Richtung ist die Thatsache, daß sogar nach der amtlichen Publikation über das Ergebniß der Aushebung in Jahre 1890 im Moskauer Gouvernement allein mehr Rekrutirungs-Quittungen zur Befreiung vom Militärdienst vorgezeigt wurden, als in allen 26 Gouvernements (Polen inbegriffen), in denen die Juden das ständige Aufenthaltsrecht haben, zusammengenommen. Das Moskauer Gouvernement weist 26 Quittungen vor, in allen jenen 26 Gouvernements aber fanden sich nicht mehr als 21 Personen, welche auf diese Weise von der Militärpflicht sich zu befreien suchten. . . . Als noch wesentlicherer Grund zur Erklärung der Antipathie der Juden gegen den Militärdienst könnten die Rechtsbeschränkungen angeführt werden, denen die Juden in dieser Dienstsphäre im Widerspruche mit dem Grundgedanken des Gesetzgebers und des Schöpfers der allgemeinen Wehrpflicht, welcher „Gleiches Recht für Alle" forderte, ausgesetzt sind. Der bekannte Spruch des größten Feldherrn der neueren Zeit, daß „der ein schlechter Soldat ist, der nicht in seinem Tournister den Marschallstab trägt ", wurde in Bezug auf die Juden nicht berücksichtigt: russisch-jüdische Soldaten werden nicht einmal zum Examen für die allerniedrigsten Militärchargm zugelassen. Somit wären wohl triftige Gründe für den Widerwillen der Juden gegen den Militärdienst zu finden, aber es ist überflüssig, nach einem Grund zu suchen, und zwar einfach deßhalb, weil dieser Widerwille gar nicht cxistirt, weil die Anschuldigung, daß die Juden sich dem Militärdienst entziehen, eine plumpe Erfindung der jndenfeindlichen Preffe ist. Davon überzeugt uns auf's Neue der im „Negierungsboten" veröffentlichte Bericht über die Erfüllung der Militärpflicht im letzten Jahre. Wir werden die wahre Sachlage mit Beispielen aus zwei Gouvernements, einein nordwestlichen (Litthauen) und einenr südwestlichen (Wolhynien und Podolien), darthun. Wie bekannt, werden in vielen Gouvernements von den örtlichen statistischen Comitees Denkschriften mit offiziellen statistischen Angaben über Zahl und Beftandtheile der Bevölkerung herausgegeben. Diese offiziellen Publikationen geben die sichersten und zuverlässigsten Daten und Aufklärungen über die jüdische Bevölkerung und auf Grund dieser Zahlen läßt sich leicht berechnen, wie groß das von der jüdischen Bevölkerung zu stellende Recrutencontingent im Verhältniß zu der übrigen Bevölkerung des betreffenden Einberufungsdistricts sein sollte. Nun betrug im Grodnoer Gouvernenient die Zahl der männlichen Gesammtbevölkerung ohne Unterschied der Confession nach offizieller Zählung im Jahre 1887: 699.913. im Jahre 1888; 729.992, im Jahre 1889: 741.749; jüdische Personen männlichen Geschlechts waren nach offiziellen Zählungen in dem betreffenden Gouvernement im Jahre 1887: 138.415 oder 19.77 Procent, im Jahre 1888: 140.444 oder 19.23 Procent der männlichen Gesammtbevölkerung, im Jahre 1889 aber reducirte sich die Zahl der Juden männlichen Geschlechts auf 139.918 oder 18.86 Prozent der Gesammtbevölkerung. Die Durchschnittszahl der jüdischen männlichen Bevölkerung betrug in den genannten Jahren 19,29 Prozeot der männlichen