Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 88 (2.11.1896)
- Date
- 1896-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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auch zu den Kriterien des landläufigen Religionsunterrichts und seiner Religionsbücher. Doch davon .soll hier nicht die Rede sein, so wenig wie von der eigentlichen Bedeutung unserer Fasttage und der religionsgesetzlichen Verpflichtungen, welche sich an sie knüpfen. Dieser Gegenstand der Behandlung gehört selbstverständlich in jedes jüdische Religionsbuch,° die Behandlung des Gegenstands aber bleibt Sache der Virtuosität des Lehrers. Die geschichtliche Veranlassung, welche dem bis zu Grunde liegt, ist aus den Cap. 4<>, 41, 42 des Buches Jirmijahu und aus den Schlußsätzen des 17. Buches der Könige bekannt. Danach hatte Nebuchadnezar nach der Eroberung des heiligen Landes, die Elite seiner Einwohnerschaft nach Babylonien verbannt und über den zu rückgelassenen Rest Gedalja lben Achikam als Statthalter eingesetzt. Dieser wnrde -von hohen, jüdischen Männern aus königlichem Geblüt meuchlings ermordet, und der Fasttag des dritten Tischri ist dem Gedächtniß dieser Mordthat gewidmet. Welch' eine Fülle von Gedanken und Anregungen birgt diese knappe Notiz, wenn man sich in ihren geschichtlichen Hintergrund vertieft! Welche Hochachtung gebietende Erscheinung muß Gedalja repräsentirt haben, wenn ihn der Eroberer seines Heimath- . Landes zum Statthalter über dasselbe einsetzt! Um den Kindern klar zu machen, muß man es an Vei- ,spielen aus ihnen näherliegeuden Vorgängen veranschaulichen. Als Deutschland Anfang der siebenziger Jahre Frankreich Elsaß und Lothringen abgenommen hatte und es sich nun darum handelte, die eroberten Provinzen durch einen Statthalter verwalten zu lassen, so hätte kein halbwegsvernünftiger Mensch den Vorschlag gewagt, einen Franzosen oder gar einen Elsaß-Lothringer auf diesen verantwortungsvollen Posten zu berufen. Der bloße Gedanke auch nur an die Möglichkeit einer solchen Wahl, war für jeden mit den Verhältnissen Bekannten von vornhinein ausgeschlossen. Wie wäre es auch nur denkbar gewesen, die neuerworbenen Lande durch eine solche Wahl zu einem fortgesetzten Heerde von Revolutionen und Empörungen gegen die verhaßten Eroberer zu machen! Hätte ein solcher beim besten Willen und den festesten Vorsätzen den Einflüsterungen der Revanche, des Chauvinismus, und all der Leidenschaften, die ilnter diesen Umständen als Tugenden gefeiert werden, für die Dauer sich ablehnend verhalten können? So gewiß eine solche Wahl ungemein zur Beruhigung der erregten Gemüther beigetragen hätte, so gewiß müßte sie als Utopie erscheinen, da man sich vergeblich um eine Persönlichkeit umgeschaut hätte, welche mit dem brennenden Schmerz der Niederlage seines Volkes in der Brust, die Bürgschaft für eine loyale Fügung in die neuen Verhältnisse verbunden hätte. Ein solcher Mann wäre nicht zu finden gewesen, man ist deshalb gewiß nie auf den Gedanken verfallen, danach auch nur zu suchen. Und Gedalja war ein solcher Mann, den Nebuchadnezar ohne Bedenken als Statthalter über sein eigenes, aus tausenden Wunden blutendes Volk einsetzte! Niemand wußte es besser als der fremde Eroberer, daß sein eingesetzter Stellvertreter mit zahllosen Fäden an den zertrümmerten Idealen seines Landes, seines Gottesheiligthums, seiner eingebüßten nationalen Selbstständigkeit hing, und doch vertraute er der Ehrenhaftigkeit Gedaljas, daß sie sich stärker als der Schmerz erweisen werde, der in seinem Busen wühlte. Die gefürsteten jüdischen Häupter, die sich an Gedalja herandrängten, haben es gewiß nicht an Versuchen fehlen lassen, seine Stellung zur Abwerfung des verhaßten, schwer auf dem Volke lastenden Joches zu mißbrauchen. Gedalja blieb fest, und seine Festigkeit hat ihm den Tod durch Meuchelmörder gebracht. Braucht man auch die Anhänglichkeit gegen Staat und Fürsten zum Gegenstand religiöser Belehrung zu machen, bei einem Volke, das die unverbrüchliche Treue selbst gegen einen gewaltthätigen Eroberer noch nach Jahrtausenden alljährlich durch einen Fasttag feiert? Wo auf weitem Erdenrund selbstlose Thaten politischer Ehrenhaftigkeit gefeiert werden, äußert sich dieselbe in der Errichtung von todten Denkmälern, in Banketten, d. h. durch Effen, Trinken und lautes Gelage. Aber daß ein ganzes, in allen Richtungen der Windrose zerstreutes Volk, die mit dem Tode besiegelte Ehrenhaftigkeit seiner Großen, durch Entsagung von Speise und Trank feiert, hat man das außerhalb des jüdischen Kreises schon einmal gehört? Ihre Andreas Hofer, ihre Winkelried, ihre Freiheitskämpfer, alle feiern die Staaten und Völker bankettirend ltitb mit zur Schau getragenem äußeren Prunk, unb der Jude fastet an dem Todestag des Edlen, der den Meuchelmördern erlegen, weit ihm die Treue gegen seinen harten, heidnischen König höher stand, als die höchsten, heiligsten Anliegen, in welchen doch die Sehnsucht seines ganzen Lebens aufging! Was liegt doch in dieser bloßen Zusammenstellung des nw'7! und mar! Mensch und Bürger! Der tiefe Gegensatz, der zwischen diesen beiden Begriffen besteht, er wird durch diese bloße Rebeneinanderstellung ausgeglichen und in vollendeter Harmonie aufgelöst. Die Gedanken der Gleichheit aller Menschen, Völker und Staaten vor Gott, die der rusyn twn uns in die Seele redet und uns so mit der großen Gesammtheit verbrüdert, schließt deshalb doch nicht das tiefe Verständniß und die innige Anhänglichkeit für die treue Hingebung an die höchsten