Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 87 (29.10.1896)
- Date
- 1896-10-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1657 „Vater," unterbrach Julius leidenschaftlich, „verurtheile mich nicht, eh' Du mich gehört, erwäge, daß mein Lebensglück auf dem Spiele steht, daß —" „Schwärmer," fiel ihm der Vater in's Wort; „Dein Lebensglück ist ganz wo anders zu suchen! Bedenke, daß Du der einzige Sohn bist, daß Deine Eltern all' ihre Hoffnungen auf Dich gesetzt, daß Du ihnen schuldig bist in ihren: Sinn und Geist zu leben, und Deine Studienjahre dem Studinnl, nicht aber faden Liebeleien, die Dich vom Wege der Pfficht entfernen, zu widmen." Julius schwieg. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er jetzt den Vater ohne Gruß, ohne Handschlag von sich gehen sah. Er wollte ihm Nacheilen, ihn scsthalten, ihn bitten wieder gut zu sein, ihnt seine Liebe nicht zu entziehen; aber unfähig auch nur einen Fuß ztt heben, stand er wie angewurzelt an der Stelle, tieftraurig, indem er sich vergegenwärtigte, wie der Kampf zwischen Pflicht und Neigung all seit! Denken und Fühlen lähmte. Was nun thun? Eine Eisesrinde legte sich um fein Herz. So sollte der Vater, den er ein Jahr lang nicht gesehen, von ihm gehen! Nie zuvor hatten Meinungsverschiedenheiten zwischen Vater und Sohn bestanden und jetzt — er mochte den Gedanken nicht ansdenken! Wohin sollte — mußte dieser Zwist führend Hubbic Mutter, was würde sic leiden, wenn sic hörte, daß er ein Verhältnis; mit einer Nichtjüdin angeknüpft, sie die fromme, gottessürchtige Frau, die noch mit allen Fasern ihres Herzens am alten Glauben hing! Schon wollte er dem Vater Nacheilen, Alles versvrechcn; da legte sich eitle weiche Hand auf seine Schulter und sich umwendend, erblickte er Kathi Helveti. „Du hier?" fragte er halb unwillig. „Ich habe Euch an der Endstation der Zahnradbahn erwartet und bin Euch hernach gefolgt, ohne daß Ihr es gesehen," sagte das Mädchen. „Mußt ich doch wissen, was Du mit Deinem Vater verabredet! Ich hätte gar keine Ruhe zu Haus gefunden." „Ruhe! Ruhe!" sagte der junge Mann uiuvillig. „Ruhe wird es jetzt auch für mich nicht gebeil!" Sie nahm, ohne daß er cs hindern konnte, seinen Arnl und ging niit ihm, mehr führend als geführt, den Schottenring entlang. Der Znfall tvollt es, daß Wernall, nachdenl er sich voll seinem Sohne getrelmt, fcittcu Jugendfreund Lendt traf, der ihn einlud, mit ihm in sein Büreau zu kommen; so machte er kehrt und war llicht wenig erstaullt, unweit der Börse feinen Sohn Julius Arm in Arm mit jenenl Mädchen zu sehen. „Schon wieder zusammen!" ries er imwillig. „Was ist Dir?" forschte Lendt; „mäßige Dich! Du siehst ja ganz dunkelroth vor Zorn aus!" „Soll man da gleichgültig bleibell," fuhr Wernau fort, „wenn einem der einzige Sohn so aus der Art schlägt!" Und dem Freunde erzählend, was ihn nach Wien geführt, wie er seinen Sohn hier getroffen, ließ er die Beiden, die jetzt in eine Seitengaffe einbogen, nicht aus den Augen. Er sah, wie sie ein Kaffeehalls betraten und sich gemüthlich an eitlem nllweit des Eingangs stehenden Tisch niederließen. Wernau lvollte gleichfalls hineingehen, doch Lendt hielt ihn zllrück. „So wirst Du mit dem Herrn Studiosus, wie ich ihn kenne," sprach er, „nichts ausrichten. Zwinge ihn nicht von dem Mädchen zu lasten, suche ihn durch Vernunstgründe zll überzeugen, daß er das Verhältlliß lösen, feilte Studien lieben müsse!" „Habe ich das nicht versucht?" erwiederte Wernau. „Glatlbe mir, hier wirkt nur der Zwang! Er muß Wien verlaffen; sie wird sich sonst wie eine Klette an ihll hängen, ihn nicht frei geben!" „Es fragt sich nur, ob er Wien aufgeben will", sagte Lendt. „Er lvird es inüffcu, wenn ich ihm fein Geld mehr sende." „Ueberlasse es nlir," sprach Lendt, „auf Julius einzuwirken; ich lverdc ihm ruhig und sachlich beweisen, was er sich ltub Euch schuldig ist; ich möchte nicht, daß es zwischen Euch zu einem Eonfliet konlmt. Er ist lloch jung und lenksam, er wird einsehen, daß -" „Gilt," llnterbrach Wernau deil Freund, „ich überlasse ihll Dir; vielleicht war ich zu heftig, aber lver kanll da feilte Ruhe bewahren, wenn man —" „Ich verstehe Dich vollkonlillell," fiel Lelldt ein; „Du hast in leicht verzeihlicher Aufregung gehandelt; aber glaube mir, Freund, falscher konntest Du gar llicht zu Werke gehen, als Du gethan. Ich werde Julius morgell zu mir bitten; Du kannst im Nebenzimmer — ohne daß er ahnt, daß Du da seiest — Zeuge unserer Unterredung sein; hoffentlich gelingt es mir, nuferen Don Juan zu der tteberzeugung zu brillgell, daß er ben Verkehr mit jenem Mädchen anfgeben milß. Dalin wirst Du eintreten und Alles lvird wieder zwischen Euch wie ehedem sein." „Das gebe Gott!" sprach Wernau tief aufseufzend. Des andern Morgens erhielt Dvctor cand. Julius Wernau zwei Briese, einen von Kathi Helveti, den er zllerst öffnete, einen von Victor Lendt. Kathi schrieb: „Geliebter! - „Ich habe mir die Sache reiflich überlegt. Welln Dein Vater seine Geldsendungen einstellt, kannst Du Deine Studien nicht beendigen und