Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 87 (29.10.1896)
- Date
- 1896-10-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1652 preiszugeben, wie betr. Verhüllung des Haupthaares der jüdischen Ehefrau, des Nichtscheerens in der Sephira und in den drei Wochen u. a., um dann triumphirend an seinen christlichen und jüdischen Leserkreis die rhetorische Frage zu richten: „Und für dieses Judenthum soll die Jugend begeistert werden?" Wir dürfen den Manen des seligen Collegen noch nach Decennien dankbar sein. Erstens für die rückhaltlose Offenheit in der Darlegung seiner religiösen Prinzipien. Sodann aber weil er dadurch, daß er sich bei der ersten Antwort nicht beruhigte, seinengroßen Gegner zu einer zweiten veranlaßte, die gleichfalls ein wahres Juwel ist. Sie ist ein solches Meisterwerk vornehmer Polemik, vor Allem aber kennzeichnet sie so sehr die damaligen Verhältnisse und ist auch für die Gegenwart noch von so unmittelbarem Interesse, daß wir darauf verzichten, bloß das eine oder andere aus ihr anzuführen, vielmehr des Dankes weitester Kreise gewiß sind, wenn wir auch sie hier ganz zum Abdruck bringen. Sic erschien in Nr.!)5 des Intelligenz blattes vom 22. April 1853. Das rabbinische Judenthum und der Herr Dr. H e ß. Der Schleier der Anonymität ist gefallen, Herr Dr. Hetz, Oberlehrer an der hiesigen israelitischen Gcmeindeschule, hat sich genannt, hat sich offen als Feind des rabbinischen Judenthums, als Feind unserer jüngst in'S Leben getretenen Schule bekannt, hat offen sein Glaubcnsbckenntniß abgelegt — demgegenüber haben wir in der That hiermit ein letztes Wort. Von der ersten Stunde, da mich das nachsichtsvolle Vertrauen „der kleinen Heerde", wie der Herr Doctor uns nennt, hierher berief, hatte ich es klar als meinen einzigen Beruf erkannt und bekannt, das Prinzip des unverkümmcrten väterlichen (Glaubens, für welches der kleine Kreis mit so vielem Ernst, mit so vieler Hingebung sich erhoben, in der Mitte dieses Kreises aufzubauen, nickt aber durch feindseliges Bekämpfen der entgegenstchenden Richtung den bejammernswerthen Riß der Gemüther nock klaffender zu gestalten. Wie vornehm auch der Herr Doctor auf diese kleine Heerde und ihr Bestreben nicderblickt, er wird sie doch nicht durch feilte Leidenschaftlichkeit, durch seinen Fanatismus, durch seine Intoleranz zu gleicher leidenschaftlich-fanatischer Intoleranz hervorstacheln. Nicht seine Persönlichkeit, nicht seine Inveetivcn, nicht seine Expectorationcn — seine Stellung in der Gemeinde ist der Schirm, der ihn vor unserer künftigen Erwiderung schützen wird. Wir überlassen ihm die traurige Fertigkeit, mit dem Munde „die volle Berechtigung der pharisäisch-rabbinischen Partei anzuerkennen, ihre Glaubensansichten geltend zu machen, ihre Jugend in denselben zu e> ziehen, ihren Gottesdienst nach denselben zu gestalten", und dieses Bekenntnitz doch in der That durch ganz unprooocirte, ausfallende Feindseligkeit Lügen zu strafen. Wie sollen wir von ihm, unserem kleinen finstern, ungebildeten Häuflein gegenüber eine größere, redlichere Consequenz erwarten, als er seinem Gotte und seinem Glauben gegenüber an den Tag legt! Und dieses Glaubensbekenntniß selbst, das er mm unverhüllt gegeben, ist der zweite, nicht minder starke Schtrm, der ihn schützt. In unseren ersten Worten, zur Verständigung, hatten wir hingewiesen, welch' eine große Lüge es sei, wenn man dem unkundigen Publikum vorspicgcle, „Moses und die Propheten" selbst hätten kein anderes Judenthum gekannt, als das in der Anschauung des Herrn Doctors von allem positiven Gehalte verflüchtigte Judenthum, haben darauf hingewiesen, wie man unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den verschrieenen Rabbinismus in der That Moses und die Propheten verläugnet. Der entschleierte Anonymus sucht sich zu retten. Er wisse wohl, daß Moses und die Propheten, daß die Bibel ein solches Judenthum lehren, allein er sehe die Bibel mit dein Auge des kritischen Blickes und der Rckormgelüste an. — Und dem kritischen Auge mit der für Reform geschlissenen Brille und dem laxen biegsamen Gewissen sei ja alles möglich. Dem kritischen Auge müsse erst noch erwiesen werden, ob denn auch Alles von MeseS sei, was von Moses gelte, und mindestens in einer Anmerkung zu fragen erlaubt sein, ob denn überhaupt auch das sogenannte Eercmonialgesctz — cs sind dies mehr als °/xo aller biblischen Gesetze — noch außer Palästina Geltung habe Dies zu entscheiden sei Sache der Wissenschaft. Aber, obgleich diese Entscheidung noch nicht liquide, der Lehrer der Jugend habe doch vorweg schon das Resultat zu lehren, und dürfe sich rühmen, als Erzieher eines großen Theils der jetzigen Generation, sich redlich bemüht zu haben, ihnen die gründlichste BerachtllNg ihrer väterlichen Religiorr beiznbringen, sie gel hrt ZN haben, daß man an der Anthcnticität der Bibel noch zweifeln dürfe, daß d^r jüdischen Gesetze antiqnirt, und wenn man nur recht kritisch-wissenschaftlich gebildet sei, sich die Abfindung mit allem Ucbrigen ans die leichteste Weise fände. Mail beute eben das Bibelwort — der Herr Doktor verzeihet — wie cs bequem ist; er gibt uns ja die Probe. E h a m c z, Maclamezeth heißt allgemein Gesäne> - tcs — das ist unbequem, so heißt cs gesäuertes Br od -- von Bier ist ja keine Rede! „.Lein Feuer sollt ihr anzi'mdcn cmi Snbbath!" lehrt freilich die Bibel - allein die brennende Eigar re ist ja nicht genannt! Den Genuß der Würmer hat allerdings die Bibel verboten; aber nun im Sommer nachzusehen, ob die Frucht keine Würmer habe, ist ja lächerlich! Blut zu essen ist verboten, aber Fleisch von Blut ,;u reinigen mehr als Kinderei! Die Feier des S abba ths steht freilich in den jüdischen Jchngedoten, aber das Iiinbcit ja nicht, den von Gott geweihten S a b b a t h, der größeren Bequemlichkeit halber, ans ben Sonntag zu verlegen, „damit der Ruhetag ein allgemeiner sei und nicht mit dem Leben in beständigen Eonsliet gerathc." Ist ein solches Glaubensbekenntnis; nicht nur eines Lehrers, eines Juden, ist cs eines jeden rechtschaffenen, redlichen Mannes würdig? Für uns gibt cs keine andere Alternative. Ist das Verbot göttlich, so ist die Vorsicht Pflicht, so ist. was der Herr Doctor minutiöse Observanzen schilt, nichts als reine Eonseqnenz der redlichsten Gewissenhaftigkeit, und so ist die Leichtfertigkeit, mit der er das Verbot behandelt, inehr als sträflicher Leichtsinn. Darf man aber so leichthin mit dem Verbote spielen, so kann, so darf es nicht göttlich sein, kann und darf seine Quelle nicht als Gotteswort gelehrt werden, ohne mit demselben Leichtsinne die Grundlage alles auf Gott beruhende« Pflichtgefühls zu erschüttern. Für den redlichen Mann gibt es keine andere Wahl. Vergebens ruft der Herr Doctor die Manen unserer großen Hingeschiedenen spanisch-arabischen Rabbincn an, vergebens die Manen der Hingeschiedenen großen Rabbinerversairlmlirngett. Jene philosophisch-gebildeten Rabbincn standen mit Leib und Seele im Judenthum. Der große Maimonides, dessen „Führer der Verirrten", wie der Herr Doctor erzählt,