Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 86 (26.10.1896)
- Date
- 1896-10-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1644 schäftsgebahrung des jüdischen Vereines, erklärten sich bereit, die Vortheile, welche ihnen der Verein stets gewährte, durch ziffermäßige Daten nachzuweisen und baten schließlich um Rückgängigmachung des Verboten. Der Gouverneur wies jedoch die bäuerlichen Petenten zurück, und so wurde die wahre Stimme des Volkes rücksichtslos mißachtet. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß nur die Judenfeinde ihren Hexensabbath feiern, während Recht und Gerechtigkeit geknebelt daniederliegt. Die russiche Judenschaft, insbesondere aber jene des Weichselgebietes, hat einen ihrer geistreichsten Vertheidiger und talentvollsten Führer verloren. In Warschau ist dieser Tage der Herausgeber und Chef-Redaeteur des in polnischer Sprache erscheinenden Journals „Jzraelita", Samuel Pell in, im Alter von fünfundsechzig Jahren gestorben. Mit ihm schied ein muthiger Kämpfer für die unterdrückte Judenschaft im Czarenreiche aus dem Leben, der in zahlreichen Schriften und Broschüren der antisemitischen Strömmung in Rußland Trotz bietete und Bildung und Aufklärung unter den Juden verbreitete. Der Verblichene verdient deshalb, daß seine Thätigkeit ausführlicher gewürdigt werde. Peltin wurde im Gouvernement Suwalk im Jahre 1831 geboren. Schon in früher Jugend bekundete er eine große Liebe zu seinen Glaubensgenossen, und damals reifte in ihm der Entschluß, sein Leben dem jüdischen Volke in Rußland zu weihen. Bereits als zwanzigjähriger Jüngling verfaßte Peltin eine polnische Grammatik für die jüdische Jugend im Weichselgebiete. Er ging vom wichtigen Standpunkte aus, daß Bildung und Kenntniß der Staatssprache die Juden aus ihrer erniedrigenden Stellung befreien würden. In den Sechziger-Jahren ergriff Peltin die publieistische Laufbahn, indem er in der damaligen Zeitschrift „Jutzzenka" (Morgenröthe) eine Reihe von Artikeln über die jüdische Frage veröffentlichte, welche allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Im Jahre 1865 gründete Peltin das Journal „Jzraelita", welches seit mehr als dreißig Jahren mit bewunderungswürdigem Eifer und großer Hingebung für die Juden in 'Rußland kämpfte und die Ausfälle der Judenfeinde muthig zurttckwies. Von umfassender europäischer Bildung und großer talmudischer Gelehrsamkeit erschien Peltin in seinen geistreichen Artikeln als Prediger der Verbrüderung der Juden mit den Polen und den Russen, und focht für die Verwirklichung dieser erhabenen Idee bis zu seinem nunmehr erfolgtet: Tode. Sogar seine schwere Krankheit hielt ihn nicht ab, den Kampf fortzusetzen, und noch auf dem Krankenbette dietirte er einen flammenden Artikel zu Gunsten seiner Glaubensgenossen, der mm zu seinem Schwanenlied wttrde. Einige Früchte seiner unermüdlichen Thätigkeit erlebte Peltin, zu sehen: Die Aufklärung unter den Juden im Weichselgebiete machte große Fortschritte. Auch für die Errichtung von Schulen und Ackerbau- Colonien that der Verstorbene Vieles. Peltin schrieb auch anmuthige Novellen aus dem Leben der Juden in Congreßpoletr und übersetzte die Werke Kompert's ins Polnische. In seinem 'Rachlasse wurde eine vollendete „Geschichte der Jtlden in Polen" vorgcfunden, die demnächst in Druck gelegt werden dürfte. Durch den Tod Peltins ist in den Reihet: der Kämpfer für die jüdische Sache eine rniausfüllbare Lücke entstanden. Nebst diesem Verluste haben die Juden des Weichsetgebietes noch einen anderen, nicht minder schweren Verlust zu verzeichi:en. Wir meinen den Grafei: S ch u walow, den General-Gouverneur von Warschau, welcher in Folge des kürzlich erlittenen Schlagattfalles gezwungei: ist, fein Amt niederzulegen. Graf Schuwalow war der Typus eines jener russischen Aristokraten, tvelche ihr politisches Programm durch Humanität, Liebe ltub Achtung der Person ohne tlnterschied der Confessio:: und der socialen Stellung verwirklicht sehen wollen. Er hat auch die Juden in: Weichselgebiete denigemäß behandelt, so daß sein Scheidei: aus den: An:te die hiesige Judenschaft mit Besorgniß erfüllt. Wollte nur Gott, daß kein zweiter Gnrko die Erbschaft Schuwalow's übernehme; eine:: zweiter: Schuwalow bekonrmt 'Warschau sicherlich nicht. Argus. Zeitungsnachrichten nnd Correfpondenzen. Deutschland. Berlin. Dell: Berichte des „Vereins zur Unterstützung ackerbautreibender Juden in Palästina und Syrien" (Esra) eutneimer: wir: Die Zahl der Mitglieder, welche sich über 261 jüdische Geineinden Deutschlands vertheilen, ist auf 2166, die Höhe der Jahresbeiträge auf 8158 Mk. gestiegen. Wir dürfen in diesen Erfolgen neben der Steigerung der materiellen Leistungsfähigkeit des Vereins zugleich den verheißungsvollen Beweis erblicken, daß seine idealen Bestrebungen, das Bemühen, unsere beüuathlosen Brüder dem Ackerbau auf dem Boden Palästinas zurückzugewinnell, in immer weiteren Kreisen unserer Glaubensgemeinschaft Verständrriß und thätiges Interesse finden. Der „Esra" darf einen Theil des Verdienstes für sich in Anspruch nehrnen, daß die bestehenden viernndzwanzig jüdischen Dörfer mit einer einzigen Ausnahme, in ihrer stetigen, normalen Entwickelung so kräftig gediehen, daß sie fremder Hilfe entrathen können. Es durfte deßhalb zu der Anlegung neuer Ansiedelungen geschritten werden, wo die bereits früher auf den Kolonien thätigen Taglöhner die Möglichkeit zur Bethntigung des landwirthschaftlichen