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Der Israelit · 1896-10-26 · Heft 86 (26.10.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 86 (26.10.1896)
Date
1896-10-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IXSTU. Jahrgang. Arllagr ju M 86 des „Israelit". Leitender Artikel. Von den Ufern der Newa. (Original-Correspondenz des „Israelit.") Petersburg, 18. October. Wiewohl die russischen Judenfeinde sich seit Jahr und Tag bemühen, die russischen Unterthanen mosaischer Confession als Schädlinge und Blutsauger hinzustellen, das unerbittliche nackte Leben, das keine Compromisse kennt und der Zerstörung nicht huldigt, liefert jedoch täglich neue Beweise, welche die Verlogenheit dieser Behauptungen documentiren. Den Lesern des „Israelit" dürfte bekannt sein, daß in Rußland mit dem 1. Juli des laufenden Jahres das Branntweinmonopol eingeführt wurde. Diese Thatsache gab den russischen Judenverleumdern Anlaß, die alte Leier von der angeblichen Schädlichkeit der Juden neuerdings anzustimmen. Jur „Noworossiiskij Telegraph", deren Redacteur der bekannte Judenfresser Osimidow ist, wurde in langathmigen Artikeln und Correspondenzen erzählt, daß in Bessarabien und in der Krim, den weinreichsten Gegenden Rußlands, in Folge der Einführung des Branntweinmonopols große Freude herrsche, da durch diese Maßnahme die bäuerliche Bevölkerung, welche einzig und allein von dem Weinbau lebe, von der jüdischen Ausbeutung nunmehr befreit worden sei. Die Juden hätten früher die Weinbauern derart ausgebeutet, daß sie dem Ruine nahe waren; nunmehr aber werde der Staat als Abnehmer und Consumcnt der bäuerlichen Weinproducte fungiren, was wohl den Wohlstand der orthodoxen Bevölkerung sicherlich heben werde. So weit die Auslassungen der Judenfeinde. Aber kaum sind drei Monate verstrichen, da stellte es sich heraus, welche unermeßlichen Nachtheile der Bauernschaft in Bessarabieu und in der Krün aus der Entfernung der Juden aus den weinreichen Gegenden erwachsen sind. Die Bauern in den Dörfern der Bezirke Kischeuew, Akkermann u. v. A. beriefen Versammlungen, um die Rückberufung der Juden zu fordern. Es hat sich nämlich herausgestellt, daß die Bauern ihre heurigen Weinprodukte nicht verkaufen konnten, weil die Juden, welche ihnen stets gute Preise zahlten, zum Ankäufe von Wein in den Dörfern nicht zugelassen werden, während der Staat ihnen Preise bietet, die nicht einmal die Selbstkosten erkaufen würden. Daß die Lage der den Weinbau betreibenden Bauern in Folge der Entfernung der jüdischen Weinabnehmer thatsächlich unhaltbar geworden ist, erhellt aus der Petition, welche die Stände-Verwaltung von Theodossija kürzlich an das Ministerium des Innern gerichtet hat. In einem umfangreichen Memorandum schildert diese Stände- Verwaltung die Krise, welche die den Weinbau betreibenden Bauern gegenwärtig durchmachen, und konnnt zu dem Schlüsse, daß nur die Entfernung der Juden aus den Weinabsatzplätzen die Krise herbeigesührt habe. Die Stände-Verwaltung appellirt deshalb an das Ministerium, die Rückkehr der Juden nach den Dörfern Bessarabiens und der Krim zu gestatten, um die Bauern aus ihrer Nothlage zu befreien. Das Ministerium aber scheint auf dem Wege der Judenbedrückung bleiben zu wollen; es blieb sogar für die Nöthe der orthodoxen Bauern taub, um ja nicht den Juden gegenüber als gerecht zu erscheinen. Die Petition der Stände-Verwaltung von Theodossija wurde zurückgewiesen und Alles bleibt beim Alten. Was Wunder also, wenn die kleinen uttb kleinsten Regierungsbeamten in der Sache der Judenbedrückung einen solchen Eifer bekunden, der sogar von den orthodoxen Russen nlißbilligt wird. So haben dieSteuer-DirectorenderSüdwest-Gouvernenlents die christlichen Pächter ärarischer Branntweinbrennereien und Schnapsbuden verpflichtet, Juden in keiner, wie immer gearteten Stellung zu beschäftigen. Aber die Pächter selbst protestiren gegen diese erzwungene Verpflichtung und erklären Jedem, der es hören will, daß die Juden durch ihre Nüchternheit, Arbeitsamkeit und Ehrlichkeit die besten Beamten in ihren Etablissements seien. Doch in Rußland, diesem Polizeistaate, gelangt ja die Stimme des Volkes niemals zur Geltung, und so verhallen alle menschlichen Vorstellungen gegen die ungerechte und unbegründete Judenverfolgung wirkungslos. Daß dem so ist, erhellt aus dem Vorgänge in Cherson. In dieser am Dnjeper liegenden Gouvernements-Stadt besteht seit vielen Jahren ein Verein jüdischer Kausieute, welcher die Produkte, welche die Bauern täglich auf den Markt bringet!, ankaufen. Niemals wurde von den Bauern eine Klage über den Verein geführt; im Gegentheil, viele Bauern sprachen sehr oft dem Verein ihre Dankbarkeit wegen dessen ehrlicher Geschäftssührung aus. Nunmehr aber wurde es dem Vereine untersagt, den Bauern Vorschüsse auf Rechnung der Zukunstsprodukte zu verabfolgen. Motivirt wurde diese Verordnung damit, daß die Verabfolgung von Vorschüssen die freie Verkaufsaction der Bauern beschränke. Die Bauern jedoch erschienen beim Gouverneur und erklärten demselben, daß sie durch die Einstellung der Vorschüsse in harte Bedrängniß gerathen seien. Sie rühmten die streng redliche Ge-

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