Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 86 (26.10.1896)
- Date
- 1896-10-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1641 rmm tuerbcr fest zu halten, so blieb ihnen 'Nichts übrig, als in fremden Häusern das bittere Brod der Abhängigkeit zu essen. Eine Stelle als Gesellschafterin, als Stütze der Hausfrau, Krankenpflegerin :c., war eben nicht nach Kathi's Geschmack und so that sie alles Mögliche, im Verkehr mit jungen Leuten ihre Vorzüge in'S beste Licht zu setzen. Wie alle auf derartigen Männerfang dressirte Mädchen, tiahm sie es nicht gar so genau damit, wie sie Julius von ihrer Zuneigung überzeugen könne; Worte, wie: Mein Schatz! mein Ideal! waren gar nichts Seltenes; vertraulich lehnte sie, wenn er an ihrer Seite saß, den Kopf an seine Schulter, ihre Hand sttchte die Seinige und ehe er sich Rechenschaft geben konnte, wie cs geschehen, hatten sich seine Lippen den ihrigen genähert mtb Mund an Mund und Herz ail Herz erbebten sie unter dein Wonneschauer der ersten Liebe! Gar bald war es in den Kreiserl der Studenten kein Geheimnis;, daß Julius Wernau Bela Hevetis Schwester den Hof mache. Man sah die Beiden Abends Arm iu Arm im Stadtparke, im Volksgarten, sie besuchten Theater und Conzerte zusammen mib schienen nur für einander zu leben. Wernau vernachlässigte dadurch seine Studien, verabsäumte es sogar diesmal zu den Festtagen nach Hanse zu fahren. Das fiel den Eltern unangenehnr auf. Seiner! Studiert zu lieb, das sagten sie sich, blieb er sicher rricht in Wien, es galt also Nachforschungen zu halten. Papa Wernau entschloß sich kurz, selbst nach Wien zu fahren. Da er den Sohn nicht in seiner Wohnung fand, fragte er die Iran Roller, bei der Julius ein Ziririner gemiethet, wo er ihn wohl antreffen könne. Ahnungslos sagte Frau Roller, daß er mit Fräulein Kathi eine Parthie nach dem Krapfenwaldl gernacht; er werde wohl erst gegen 1«) Uhr zurückkehrerl. „Mit Fräulein Kathi e" fragte Wernau erstaunt. „Ja, die Braut des jungen Herrn!" erwicdcrte Frau Roller, der erst jetzt in ihrer Herzenseinfalt klar wurde, daß sie eine nicht gut zu machende Dummheit gesagt. Wernau aber verstand es, indem er ihr versprach, dem Sohne nichts von ihrer Mittheilung zu sagen, sie zu beruhigen und alsdann redselig zu stimmen. So erfuhr er denn, daß Julius täglich mit Fräulein Kathi größere Parthien gemacht, daß das vertrauliche „Du" bereits zwischen ihnen gelte, daß Fräulein Kathi ihm vorige Woche ein größeres Bild verehrt, das sie ihm auch zeigen könne, es liege in Julius Schreibmappe ober! auf. Wernau betrachtete das Bild mit steigendem Unwillen. Auf der Rückseite las er die Worte: „Bis in den Tod, Deine Dich liebende Kathi." Er blätterte weiter in der Mappe, fand rnehrere veilchenduftende Briefe von Kathis Hand, auch einen, in dem sie schrieb: Geliebter! „Gieb doch den dummen Plan auf, nach Hause zu reisen! Deine Eltern werden die Feiertage auch ohne Dich feiern können, was aber thäte die Kathi ohne ihren Julius? Wenn Du mir wirklich gut bist, bleibe hier! Du wirst ja einen Vorwand finden, die alten Leute glauben zu machen, daß eine Prüfung oder Derartiges vorliege. Ich erwarte Dich heute Abend bestimmt und hoffe, daß Du meine Bitte erfüllst. Mit tausend Küffen Deine Kathi." Wernau war cS, als stünde sein Herz still; also hatte das fremde Mädchen es über ihn vermocht, daß er die heiligen Festtage fern dern Vaterhause verlebt, die Eltern in banger Sorge wiffend. Er erkarmte den Ernst der (Situation und beschloß, keine Minute zu versäurnen,um eineAenderungherbeizuführen. Der nächste Zug mit der Zahnradbahn ging in einer halben Stunde ab; Wernau verabschiedete sich von Frau Roller, nahrn einen Fiaker und kam gerade noch zurecht, um den um vier Uhr abgehenden Zug zu benutzen. Als man in Station Krapfenwaldl angelangt war, sah er in weiter Ferne auf dern Wege, der zun: Kahlenberg hinaufführte, ein Paar, das seine Aufmerksamkeit erregte. Der junge Marin hatte seinen Arm um die schlanke Taille des blonden Mädchens gelegt und, indem sie querfeldeii! und sich unbeachtet glaubten, tauschten sie Küffe, blieben zeitweise stehen, ließen sich dann engumschlungen auf dein Rasen nieder. Zuerst zweifelte Wernau, jetzt aber, da er die Beiden en face sah, war es ihm zur Gewißheit, daß er den Sohn mit der fraglichen Braut gerade irr dem Augenblick erwischt hatte, als sie das Krapfenwaldl verließen, um unbeachtet ein Schäferstündchen zu feiern. „Soll Euch gut bekommen," brummte der Alte, seinen Stock in den Boden stemmend und überlegend, was er jetzt zu thun habe. Schnell entschlossen ging er über die Wiese, direct auf das Paar zu; die aber waren so mit sich selbst beschäftigt, daß sie sein Kommen nicht bemerkten. Als er dicht vor ihnen starrd, wandte Julius den Blick und den Vater erkennend, sprang er wie electrisirt auf und wußte kaum, ob er es wagen durfte, dem zürnend vor ihm stehenden Vater die Hand zum Gruße zu bieten. „So studirt man?" fragte der alte Mann, nur mühsanr seine Empörung niederkämpfend. „So verbringt man seine Zeit in den Armen einer Dirne und versäumt es, die heiligen Festtage bei den Ettern zuzubringen." „Vater," rief der junge Mann, indem ihm die Zornader hoch altschwoll, „Vater, vergiß nickt, daß sie ein achtbares Mädchen ist, der —" „Achtbar!" unterbrach Wernau hohnlachend, „achtbar und wälzt sich hier mit Dir im Grase?