Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-10-22 · Heft 85 (22.10.1896) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 85 (22.10.1896)
Date
1896-10-22
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448685--42710-2491724
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bei den jüdischen Einwohnern leicht Glauben und riefen überall die größte Bestürzung hervor. Was aber die Judenschaft besonders in Aufregung versetzte, mar die als sicher geltende, wie ein Lauffeuer sich in der Gaff^ verbreitende Nachricht, daß der „Nosch- Hakohol *) sammt den übrigen Kohelsleulen?) für kommenden Samstag Vormittag z un Bürgermeister in das Nathhaus vorgeladen seien. Der Umstand, daß diese Vorladung auck die Aufforderung enthielt, behufs Begleichung der Schuld an die Judengemeinde, den seitens der Stadt seinerzeit ausgestellten Schuldschein gewiß milzubringen, erweckte bei den leicht erregbaren Bewohnern des Judenviertels allerlei Vermuthungen. So erzählte man sich nämlich, daß die Vorladung des Vorstandes nur eine Falle sei, und daß ein Complott gegen „Kohol" behufs Einkerkerung oder vielleichtzur Ermordung des Vorstandes und Vernichtung des Schuldscheins seitens des Bürgermeisters im Werke sei. Abends vor dem Minchagebet wurde von den vor der Schuld stehenden Nädlech^) diese aufregende Nachricht eifrigst besprochen. Doch war die Stellungnahme zu dieser Vorladung eine verschiedene. Während die Einen der Meinung waren, daß die Koholsleute am Besten thäten, der Vorladung nicht Folge zu leisten, waren die Anderen entgegengesetzter Meinung, indem sie behaupteten, daß eine Nichtfolgeleistung noch viel üblere Folgen für den Vorstand und die ganze Preßburger Judenschaft nach sich ziehen könnte. Doch, daß diese Schrecken erregenden Gerüchte und Hiobsbotschaften im Judenviertel ciiculrren und überhaupt sich verbreiten konnten, daran trug niemand anderes die Schuld, als die klatschsüchtige Frau des damaligen Kohols-Schames^), die ihre Zunge niemals hüten konnte. Dieser, wohl ein in Ehren ergrauter und sehr verschwiegener Mann hätte um keinen Preis der Wt>lt etwas von den Vorgängen bei Kohol's Tisch, einem „Baal-Boos"«) verrathen, doch bei seiner Ehehälfte glaubte er eine Ausnahme machen zu dürfen, und dieser in besonders intereffanten Fällen, wenn auch nicht ohne die strenge Warnung, Niemanden etwas davon Mittheilung zu machen, von den Vorgängen bei „Kohol" zu erzählen. So machte er es auch mit der Vorladung des Gemeinde-Vorstandes zum Bürgermeister. Da die Frau eine solche intereffante Neuigkeit nicht für sich behalten konnte, so erzählte sie dieselbe ihrer Nachbarin, natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, diese sie unter derselben Bedingung weiter, bis schließlich das ganze 1) Vorstands-Präses. 2) Vorstands-Mitglieder. 3) Synagoge. 4) Gruppe von Gemeindemitglicdern. 5) Gemcindediener. 6) Gemeindemitglied. Judenviertel davon wußte und sozusagen die Spatzen auf den Dächern sie schon pfiffen, so daß sämmtliche jüdischen Einwohner Preßt>urg? dadurch allarmirt und in Aufregung versetzt wurden. * * * Der drückenden Schwüle des Tages folgte Nachts ein starkes Gewitter, begleitet von einem furchtbaren Sturme. Düster brannten in den spärlich angebrachten Laternen in der Judengaffe die Oellampen, deren Flammen vorn Winde hin nnd hergelrieben wurden. Die Gaffe war beinahe menschenleer, und passirte hie und da ein verspäteter Spaziergänger dieselbe, so trachtete er darnach, sobald als möglich sein Heim und ein schützendes Obdach vor dem in Strörnen fallenden Regen zu erreichen. Da, plötzlich, unt die Mitternachtsstunde konnte man eine Gestalt auftauchen sehen, die in einen Mantel gehüllt und den breiten Hut tief in das Gesicht gezogen hatte, so daß deren Gesichtszüge nicht mehr zu erk.nnen waren. Sie machte beim Hause gegenüber der Apotheke, dem Wohnhause des Rosch Hakohol und Urahn des berühmten Takts 7), Rabbi Koppel Theben, Halt. Nachdem sie ein paarmal leise, dann etwas kräftiger an dem Hausthor geklopft, wurde dasselbe geöffnet und der Unbekannte, nachdem er um sein Begehren befragt, eingelaffen. Derselbe wünschte den Rosch Hakohol in einer dringenden Angelegenheit sofort zu sprechen. Dieser wurde nun geweckt. Doch, wie erstaunte er, als er in dem nächtlichen Ruhestörer einen der vornehmsten Stadträhe, vor deren Oberhaupte, dem Bürgermeister, er des anderen Tages erscheinen sollte, vor sich sah. Doch der Gedanke, daß der ihn zu so ungewohnter Zeit Besuchende sein guter Freund und Gönner war, beruhigte ihn ein wenig. Auf die Frage, was diesen zu so später Nachtstunde ihn zu besuchen veranlasse, ei öffnete ihm derselbe, daß er, um das bedrohte Leben des Rosch Hakohol und deffen Vorstands- Collegeu zu retten, unter dem Schutze der Nacht hieher gekommen, ihn zu warnen, der Vorladung des Bürgermeisters Folge zu leisten, da sonst sein Leben und das der übrigen Vorstandsmitglieder im höchsten Maße gefährdet sei, daß nämlich in geheimer Sitzung die Einkerkerung und spätere „B e i sei 1 es ch affu ng" des jüdischen Vorstandes beschlossen worden sei. Zur besseren Ocientirung müssen wir die bereits oben ermähnte Thalsache des Näheren erklären, daß nämlich die Preßburger Stadtgemeinde zu damaliger Zeit an die jüdische Gemeinde, welche damals sehr reiche und angesehene Männer zu ihren Mitgliedern zählte, stark verschuldet war. Da die Stadtgemeinde in Folge schlechter Verwaltung immer mehr herunter- 7) Bci der Negierung einflußreicher Mann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.