Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 85 (22.10.1896)
- Date
- 1896-10-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1616 öffentlicher Versammlung gedehmüthigt, beleidigt, der gemeinsten Handlungen fähig erachtet zu werden, er findet keinen Schutz bei der Obrigkeit, er muß dulden, in Demuth das Unglück tragen, daß er dem jüdischen Stamm angehört. — Sagen Sie selbst, ist diese Demuth nicht mit Einfalt identisch?" „Sie gehen zu weit, Doctorsagte Bertha entschieden. „Können Sie glauben, daß Sie wirklich glücklich sein werden, wenn Sie dem väterlichen Glauben entsagt haben?" „Und weßhalb nicht? Ich gehe jetzt, wo ich noch Jude bin, in keine Synagoge, lebe nicht rituell, halte keine Feiertage rc. — Ich würde hernach eben so wenig in die Kirche gehen, wie ich die christlichen Gebräuche befolgen würde. Die Religiosität besteht nach meiner Auffassung in ganz was Anderem. Hilfreich und gut sein, auf der Bahn des Wissens fortschreitend, sich ein fühlend Herz für die Armen und Dürftigen bewahren, das heißt religiös sein. Das kann ich ebenso gut, wenn ich Christ, wie Jude bin, ja ich glaube, daß Diejenigen, die weder Christ noch Jude sind, sondern nur den Idealen des Wahren, Guten, Schönen nachstreben, den religiösesten, Gott wohlgefälligsten Wandel führen." „Gott?" fragte Bertha erstaunt. „So erkennen Sie bei all Ihrer Freigeisterei doch einen Gott an?" „Welcher denkende Mensch wollte Gott leugnen? Ist das Weltall aus dem Nichts erstanden? Wir sind, wie klug und weise wir uns mich dünken, mein Fräulein, immer noch zu einfältig, um uns einen Begriff von der Allmacht des Weltenschöpfers zu machen, der nach uralten, ewigen Gesetzen die zahllosen Welten lenkt, vor dem wir, die wir uns gar oft als Mittelpunkt der weltbewegenden Ideen dünken. gleich winzigen Sandkörnlein im Wüstenmeere verschwinden." Derartige Gespräche hatten für das junge Mädchen, die in sich selbst einen Gährungsprozeß durchmachte, viel Anziehendes. Sie fühlte sich Doctor Korani geistig verwandt, schätzte ihn wegen seiner Strebsamkeit, ließ sich auch wohl von seinem hübschen Exterieur bestechen. Er war ihr von all' den jungen Leuten, die im Hause der Tante verkehrten, der angenehmste und mit Ungeduld erwartete sie den jedesmaligen Freitag, den ,,joui" der Tante, sicher, unter den vielen ihr vollständig gleichgiltigen Menschen auch Dr. Korani anzutreffen. Der junge Mann sah wohl, daß Bertha sich für ihn interessirte, indeß war er viel zu sehr von seinen Berufsgeschäften in Anspruch genommen, um Zeit für müßige Liebeständelei zu finden; so blieb ihr Verkehr ein rein freundschaftlicher und als Doctor Korani etliche Monate später in Prag eine Kanzlei eröffnete, nahnlen sie herzlichen Abschied von einander, der aber jede Idee an intimere Beziehungen ausschloß. Dennoch konnte Bertha den Wunsch nicht bannen, Korani wieder zu sehen. Er war ihr lieber, als sie sich einzugestehen wagte. — Wem durfte sie sich anvertrauen? Der Tante? Die hatte nun einmal gar kein Berständniß dafür, daß ein Mädchen von 16 Jahren schon an die Zukunft denken dürfe; in ihren Augen war Bertha noch ein halbes Kind, das man allenfalls in den Kreisen der Erwachsenen duldete, das aber nur Sinn für seine Studien haben dürfe. — Es galt also warten, der Stimme des Herzens Schweigen auferlegen. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal, Montags and .Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch G F. Steinacker, Fettig, Roßplatz!6. — Inserate 25 Pfennig die4spaltige Petitzeile oder deren Raum. 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Rußland: Warschau. — Personalien. — Vermischtes. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland : Gießen. Türkei: Konstantinopel. — Personalien. — Vermischtes. Belletrist. Beilage r Jüdische Sagen und Alterthümer in Preßburg. Von Hermann Löwinger. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schcn Hofbnchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu drei Beilagen. Mim?