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Der Israelit · 1896-10-22 · Heft 85 (22.10.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 85 (22.10.1896)
Date
1896-10-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1617 zu lieb ging er wohl an den Feiertagen in die Synagoge, aber mit dem Herzen war er nicht bei den Gebeten, machte auch gar kein Hehl daraus, das; er, während die frommen Leute andächtig zu ihrem Gott flehen, an ganz was anderes denke; er kann, sagte er, nicht verstehen, wie man den alten Gott, der vielleicht den Urvätern vor vielen Jahren imponirte, noch heute als Urguell alles Guten und Bösen ansehe. Schwester Bertha, von den freireligiösen Anschauungen des Bruders beeinflußt, war in Bezug ans Frömmigkeit keineswegs die Beste, die die Eltern sich gewünscht hatten. Ihr Lieblingsthema war es, die Mutter zu überzeugen, daß man zweierlei Geschirr, milchig uub fleischig durchaus nicht nöthig habe, das; das Answässern des Fleisches dessen Nährgehalt beeinträchtige, das; man sich, um Rischns zu vermeiden, an den Feiertagen nicht putzen soll. „Du wirst weit kommen mit Deinen Grundsätzen," sagte Frau Wernau. Diese aber lächelte überlegen und sagte: „Mütterchen, Dil bist noch von der alten Zeit und mußt ein Wenig nachgeben'. Wir leben ja nicht mehr im Ghetto! Wozu das Absondern und nach alten Vorschriften leben? Es hat ja wirklich keinen Zweck!" „Schweig' Du naseweises Ding," pflegte dann kurz die Mutter zu sagen. „Dir geht es ,;u gut; Di; kennst den Ernst des Lebens noch nicht! Wüßtest Du, wie Einem zu Muthe ist, beut Gott der Herr nicht gnädig ist, Dil würdest anders reden und Gott dem Allmächtigen die Ehre geben!" Julius und Bertha kamen schließlich, mit Vorwürfe und unliebsame Auseinandersetzungen zu ver meiden, dahin überein, vor den Ellern eine gewisse Frömmigkeit zu heucheln. Als Julius, um seine Stildien zu vollenden, nach Wien nbersiedelte, wußte er sich bald außerhalb jeder Controlle, Bertha dagegen stets unter Aussicht der Mutter angehalten in Küche und Keller als streng religiöse Haustochter zu amtiren, fühlte, wie ihr der Zwang gar oft lästig wllrde unb beschloß, dahin zu wirken, daß Dante Sofie, die jüngere Schwester der Mutter, sie einlud, beit Winter bei ihr zu verbringen. Sofie Ler war die Gattin eines angesehenen Wiener Arztes, eine lebenslustige fesche Frau, die, selbst kinderlos, sich lebhaft für ihre Nichte interessirte und so oft sie bei ihr zu Besuch war, Alles aufbot, ihr das Leben angenehm zu machen. Bei Tante Sofie gab es kein Nlilchiges und kein fleischiges Geschirr, man war nicht gezwungen jeden Sabbat in die Synagoge zu gehen, man verkehrte mit Christen wie mit Juden und wollte den Menschen als Mensch, nicht als Jud' oder Christ beachtet leben. Der Ton im Hause des Doctors Ler war ein angenehmer, zwangloser. Jeder fühlte sich dort wohl und so kam es, daß ein reger Verkehr da stattfand daß Menschen der verschiedensten Alters-, Religions¬ und Gesellschaftsklassen dort zusammen kamen. Bertha machte im Hause der Tante die Bekanntschaft des jungen Doctor Korani, der einer frommen, jüdischen Familie elltstanlmend, seinen Stammnamcn Kohn in Korani unlgewandelt hatte. Er wollte es gar nicht verheimlichen, daß er Alles, was an seine semitische Abstammung erinnern konnte, abzustreifen willens war; iu dieser Richtung sympathisirte Bertha lebhaft mit ihm; auch sie meinte, inan müsse der Zeit Rechnung tragen, uralte Gebräuche fallen lassen. Doctor Korani ging noch einen Schritt weiter; nach seiner Attsicht war es gar kein Unrecht, den Glauben der Väter abzuschwören, wenn Ulan sich dadurch eine befiere Carriere eröffnen könnte. „Sehen Sie," sagte er einst zu Bertha, als sic in einer Fensternische stehend, beit Blick weit hinaus aus die Kahlenberger Höhen schweifeit ließ, „wer aufwärts steigen, Carriere machen will, muß den Ballast, mit dem die Religion uns beschwert, fallen lassen. Der Flug in höhere Regionen ist denen unmöglich, die sich kleinlich an der Urväter Hausrath festhatten und denselben auf unsere moderne Welt übertragen wollen. Das nützt Niemandem, das fördert mtr beit Antisemitismus, der längst ans der Welt geschafft wäre, wenn die Inden es verstäitden, beit Forderungen der Zeit Rechnung 51t tragen." „Was verstehen Sie unter Forderungen der Zeit?" fragte Bertha mit lebhaftem Interesse. „Daß mail nicht engherzig am konfessionellen Standpunkt festhält," erwiederte Doctor Korani, „daß man, um vorwärts zu kommen, um Carriere zu machen, sich der in Staat utld Gesellschaft geltenden und herrschenden Richtung anschließt, den allgemein menschlichen Satzungen eher als den religiösen beipflichtet, den Menschen als Menschen betrachtet, nicht frägt, welcher Religionsgemeinschaft er angehört, ihn nur dann gelten läßt, wenn er gut, edel, strebsam ist, sich für die großen Ideale, die unseren Geistesheroen vorgeschwebt, begeistern kann." „Sehr schön," sagte Bertha leuchtenden Auges, „Sie sprechen mir ganz aus der Seele; aber von diesem freireligiösen Standpunkte bis zum Uebertritt ist nur ein Schritt; würden Sie diesen Schritt wagen, um sich eine Stellung in der Gesellschaft zu erringend" „Wagens" fragte Doctor Korani ironisch. „Tranen Sie mir so wenig Muth 511? Was verliere ich? Was gebe ich auf? Was habe ich vom Judenthum? Ist es nicht ein Märtyrerthum, das wir auf uns nehmen, wenn wir uns, ohne Jemand zu nützen, in die Reihert der Bedrängten, der Verfolgten, der öffentlich Geschmähten stellen? Bei der heutigen Strömung muß der Jude tagtäglich gewärtig sein, in

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