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Der Israelit · 1896-10-22 · Heft 85 (22.10.1896) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 85 (22.10.1896)
Date
1896-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1613 Treue ist. So haben Zeichen nur Werth und Bedeutung für Den, der sie versteht und dem sie gelten. Nichts aber ist klüger, absprechender, allwissender, als — die Dummheit. Ein heiliges Epos ist aber das ganze Leben des Juden von der Wiege bis zum Grabe. Heilige Denkmäler der Erinnerung, heilige Zeichen der Pietät, heilige Pfänder des Gottesbundes umgeben ihn überall und immer, in jedem Augenblicke hat er die Liebe und die Treue gegen Gott und seiuen heiligen Willen zu bethätigen, der Geist durchdringt gestaltend sein ganzes Leben, und e r ist der geheime Zauber, der den ärmsten Juden reich, den gedrücktesten frei, den betrübtesten froh, den schwächsten stark und muthig macht und ihm die Kraft verleiht, alle Prüfungen zu bestehen, alle, auch die schwersten Aufgaben zu lösen. Werfet den Juden an den isolirtesten Seestrand, in die ödeste Wüste, in den vereinsamtesten Kerker: wo er geht, wo er steht, hat er seine Kirche, seinen Priester, seinen Altar bei sich, in sich; die zerfallenste Hütte wird ihm zum Tempel, der ärmste Tisch zum Altäre, Brod und Wasser wird ihm Opfer und Kelch, er selbst wird zum Priester und den Gottessegen und den Gottesfrieden gewinnt er überall und immer. Die Blume, die das jüdische Mädchen amSabbath nicht bricht, der Käfer, den der jüdische Knabe am Sabbath nicht fängt, bis hinan zur Kunst, zun: Gewerbe, die der jüdische Mann au: Sabbath nicht übt, sind ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Statur, sind eine Verkündigung des Weltenschöpfers. So oft der Jude, so oft die Jüdin den ganzen Sabbath hindurch ihre Hand zurttckhalten von jedem Wesen, an keinen: ihre Macht ausüben, keines zu ihren: Zwecke umbilden und verändern, legen sie dieses Wesen, diese Welt, ihre Welt, opfernd auf seinen Weihaltar und bekennen und verkünden und besiegeln durch That das Bckenntniß, daß diese Welt ihren Schöpfer und sie ihren Herrn und Meister haben, dessen Eigenthun: ein jedes Wesen, dessen Diener eine jede Kraft, dessen Dienst auch sie angehören und nur in seinen: Dienste nach seinem Willen ihre Kräfte zu üben haben. Jedes Stückchen Gesäuertes, das der Jude zu Ostern aus seinem Hause schafft, ist ein Protest gegen die Leugnung Gottes in der Geschichte, ist eine Verkündigung des Menschhcttgottes, dem kein Thron zu hoch ist, den: kein Sklave zu niedrig, der mit seinem Recht und seiner Liebe da ist, die Menschheit zu erlösen. Und die Laubhütte, die der Jude baut, sie baut das Bewußtsein, daß nicht nur in den großen welterschütternden, weltgestaltenden Epochen Gott da sei, daß Er auch fort und fort mit dem Menschen wandte, unter Seinen: Schutz die Hütten bauen lehre, n:it Seiner Wolken und Feuersäule auch durch Wüsteneien schirniend leite, und jede Hütte kenne, und in jeder Hütte jede Seele, und für jede Seele das Himmelsmanna zu spenden wiffe. Das sind einzelne Töne aus dem Einen großen Lebenshallelujah, von deffen äußeren Typen der Anonymus einzelne unzusammenhängende, unverstandene, ja sogar unrichtig wiedergegebene Bruchstücke zusammengewürfelt?) Nicht zu ihnen nur, zu den: ganzen thätigen jüdischen Leben, wie unsere und seine Väter es geübt, bekennen wir uns offen und frei, und wollen in ihm und für dasselbe unsere Kinder erziehen. Freilich werden wir und unsere Kinder dann so ungebildet bleiben müssen, unsere Bibel noch in einfältiger Wahrheit als wirkliches Gotteswort zu verehren; freilich werden wir dann unsere Kinder zu „Moses und den Propheten" hinführen und sie sich selbst überzeugen lasten, daß Moses und die Propheten allerdings nur ein solches Judenthun: gekannt, werden ihnen den I e s a i a S zeigen, der eben die verspottete Sabbathseier (Jes. 58, 13, 14) als die höchste, beseligendste Vollendung gepriesen, der (66, 17) so wenig Bildung hat, sogar von dem Untergang aller „Schweinefleisch, Gewürm und Nagethier estenden" Juden zu sprechen, werden sie den Jeremias hören lasten, der noch in der Stunde des Untergangs um den Preis eben der verspotteten Sabbathseier die Rettung des Staates verspricht (Jer. 17, 24 f.), werden ihnen den Daniel und seine Jugendgenosten zeigen, die so ungebildet waren, auf alle Gefahr hin die religiösen Speisegesetze mit ängstlicher Gewistenhaftigkeit zu halten, und dennoch in jedem Zweige der allgemeinsten Bildung alle ihre Zeit- und Altersgenosten überflügelten (Dan. 1, 8s.); werden ihnen alle die dann folgenden Heroen unserer talmudisch-rabbinischen Vergangenheit zeigen, die Alle in gleichem Sinne gelebt und gestorben, die keineswegs, wie die anonyme Unkunde wähnt, in ihren Klausen gebrütet, die sich mitten im Kreise des öffentlichen Lebens bewegt, mit klarem Blick das Leben gekannt und jeden Pulsschlag der Geschichte gefühlt und gewürdigt; werden ihnen auch einen S a a d i a s, eine:: M a i m o n i d e s, einen N a ch m a n i d e s, einen Arama, einen Gabirol, einen Abravanel, einen Je hu da Halevi, einen Albo, ebendie philosophisch gebildeten spanisch-arabischen Rabbinen zeigen, von denen nur eine anonyme Unwissenheit einen vergeblichen Kampf gegen das rabbinifche Juden- *) Für die ausführliche Darstellung und die wissenschaftliche Begründung des hier in wenigen flüchtigen Zügen ailgedeutctcn Geistes de? jüdischen Lebens ist hier ui > t der Olt. Die Schrift, aus welcher der Anonymus seine Bruchstücke zusammengelesen, hat ganz eigentlich bcn Zweck, den auf Grund ernster wissenschaftlicher Forschung geschöpften Geist des praktischen jüdischen Lebens darzutege». An diesen! Geiste gcht freilich Anonymus vorüber. ^ene Bruch stücke hätte er in jedem jüdischen Hause fiudeu können

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