Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 85 (22.10.1896)
- Date
- 1896-10-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1612 Veredlung des Herzens wenig Vorschub damit geschehe, mit der einen Hand der Jugend die Bibel als Gottes Wort zu reichen und mit der anderen den Stab des Leichtsinnes darzubieten, mit vermessenem Leichtsinn sich über Gottes Wort hinwegzusetzen und seine heiligen Gebote und Gesetze sich nach den Bedürfnissen der Mode und der Bequemlichkeit wegzudeuteln; waren so einfältig zu glauben, daß gerade die vom rabbinischen Judenthum gepflegte Durchgeistigung und Verklärung des ganzen menschlichen Lebens, die von demselben rabbinischen Judenthume gepflegte und anerzogene gewissenhafte, auf Gott beziehende Würdigung aller kleinsten und größten Lebensmo>nente zugleich die sicherste Garantie für die allgemeinste sociale Erkenntniß und Gewissenhaftigkeit biete, alio, daß der wahrhaft gebildete rabbinische Jude zugleich der wahrhaft tüchtigste Bürger werden müsse. Alles dies haben wir in unserer rabbinischen Einfalt geglaubt und haben daher, um unsere Jugend der sittlichreligiösen Verwahrlosung zu entreißen, und sie einer mit echt socialer Bildung gepaarten Religiosität zu bewahren, eine Unterrichtsanstalt ins Leben gerufen, welcher der erste rabbinische Grundsatz als Wahlspruch zum leitenden Prinzipe dient: ohne Religion keine sociale Bildung, ohne sociale Bildung keine Religion. Zu spät leider — unsere Anstalt ist bereits eröffnet, und eine für den Anfang nicht geringe Zahl jüdischer Eltern hat ihr bereits ihre Kinder anvertraut — leider zu spät belehrt uns jetzt der Anonym mus eines Andern, zeigt uns zu spät, daß mir in rabbinischer Einfalt einen ganz falschen Begriff von socialer Bildung gehabt. Social gebildet — meint der Anonymus — sei nur, wer den Sabbath keck entweihe, an Feiertagen sich körperlich anstrengende Thätigkeit nicht versage, von Gewerbe und Geschästsleben an Festtagen sich mindestens unterhalte. Der social Gebildete — meint der Anonymus — müsse, wie er, so unwiflend in der Bibel sein, daß er die Entfernung des Gesäuerten am Osterfeste, das Verbot, Würmer, Blut, Unschlitt, gefallene und lödtlich verletzte Thiere zu essen, für rabbinische Anordnungen halte, dürfe nicht misten, daß dies für denjenigen Juden ausdrückliche Gottesworte sind, dem überhaupt die Bibel als Gotteswort gilt. Wer im Sommer nicht Milben ißt, — meint der Anonymus, — wer gefallene und kranke Thiere nicht genießt, — wer den Genuß des Blutes und des Unschlitts meidet, — wer gar s o roh ist, vor dem Esten sich die Hände zu waschen, und bei dem Esten die Berührung der verhüllten Theile des Körpers zu vermeiden, — der — meint der Anonymus — könne unmöglich zu den social Gebildeten gezählt werden! Wir können nicht helfen. Der Anonymus muß sich beruhigen. Der Anonymus hat Jugendträume. Die Zeit kehrt nicht wieder, wo der Ruf der Bildung im jüdischen Kreise so leichten Kaufs und wohlfeil war, wo religiöse Unkenutniß, wo freche Verspottung des eigenen väterlichen Glaubens und väterlicher Sitte, wo die Cigarre mit Sabbath und ungenirtes Gasthof- und Tafel-Leben der geschätzte Stempel der Bildung war. Die Zeit ist unwiederbringlich dahin. Das können und üben heutzutage die Ungebildetsten schon. Einen anderen Ernst, eine andere Geistes- und Herzensbildung gilt es in unserer Jugend wachzurufen, sie zu begeistern gilt cs für ihr jüdisches ewiges Gotteserbtheil, mit dem Lichte des Gottesgeistes, mit der Klarheit ihrer Väter-Weisheit ihr Auge zu erleuchten, mit der Gluth des GottcSwortes, an dem Lebensmuster ihrer Abneu ihr Herz zu erwärmen, auf daß sie mit gottschanendem und menschheitliebendem Sinne Gott und Welt und Menschheit, und in der Menschheit die Gottessendung ihres Stammesberufes und im Stamme ihren eigenen begreifen, achten und lieben, mit freudigster Hingebung alle, alle ihre Pflichten als Mensch und Jude und Bürger üben, und für diese Hebung sich rüsten lernen mit aller Weisheit der Gotteslehre und aller Kenntniß des klar bewußten Menschengeistes. Und wenn sie dann die ganze Fülle des jüdischen Berufes, für alles Edle und Gute, für alles Menschliche und Göttliche, mit aller Energie des Geistes und Herzens bethätigen werden, dann wird man sie achten, nicht obgleich, sondern weil sie Juden sind, wird sie als die treuen, wackern, brüderlich gesinnten Menschenbrüver und Staatesglieder achten, und wenn sie auch nicht — im Sommer Mi'ben esten, und wenn sie auch nicht Blut und Unschlitt zehren, und wenn sie auch an Sabbath und Festtagen die Gottesfeier durch das Opfer des Gewerbes bethätigen und am Versöhnungstage die Versöhnung mit Gott und Menschen feiern. Freilich, wer so, wie der Anonymus, außer dem Judenthume steht und mit solch' entfremdetem Sinne das Judenthum anschaut, dem ist eben das Judeuthum, und nicht das rabbinische nur, dem ist das Judenthum überhaupt ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch. Er sieht Zeichen, aber er kennt nicht ihre Deutung, und kennt nicht und begreift nicht die Beseligung, mit der sie durchdringen. So sieht der Barbar nur krause, verschnörkelte, ihm nichts sagende Züge und begreift das Entzücken nicht, mit dem sie den Homer lesenden Griechen erfüllen. So sieht der Blasirte nur werthloses graues Haar, wo die Pietät des Sohnes die greise Locke vom Heimgegangenen Vaterhaupte an die Lippen drückt. So wirft der Wüstling den Ring zum Trödler, der dem Reinen das theuerste Pfand der Liebe und der