Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 83 (15.10.1896)
- Date
- 1896-10-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1577 Zeitungsnachrichten und Carresponderizen. Deutschland. Berlin. Die neu erschienene Kriminalstatistik weist eine auffallende Steigerung der Bestrafung von Juden auf. Dieselben sind von 3801 Fall, im Jahre 1882 auf 4260 Fälle in 1893 zugewachsen. Zwar sind die Bestrafungen im Allgemeinen auch gestiegen, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie die Verurtheilung von Juden. Es ist dies natürlich eine sehr auffallende Erscheinung läßt sich doch gar nicht annehmen, daß die Juden von einem Jahr zum andern ihre Moralität so bedeutend verschlechtert haben sollten. Eine nähere Prüfung der einzelnen Positionen lehrt denn auch, daß dies nicht der Fall ist, vielmehr die außergewöhnliche Steigerung der Bestrafungen der Juden auf äußerliche Ursache zurücksühren ist. Es hat nämlich im Berichtsjahr eine bedeutende Verschärfung der Gewerbeordnung stattgesunden, insbesondere der Bestimmung der Sonntagsruhe. Infolge deffen sind die Bestrafungen wegen dieses Deliktes vervielfacht und da Störungen der Sonntagsruhe und Zuwiderhandlungen der Gewerbeordnung naturgemäß vorzugsweise von Kaufleuten begangen werden, unter diesen aber die Zahl der Juden bekanntlich viel größer ist, als in der Gesammtbevölkerung, so mußte auch ihr Prozentsatz bei diesem Vergehen eine große Steigerung erleiden. Tatsächlich ist allein bei den Delikten 4 F, 4 G, 4 H und 4 I eine Steigerung von 210 auf 626, das heißt um 4!6 Fälle zu constatiren. Dadurch ist die Steigerung der Gesammtbestrafung von Juden, welche 459 Fälle ausmacht, zur Genüge erklärt. Es würde aber falsch sein, auf diese Erscheinung besonder» Werth zu legen, denn ganz unzweifelhaft wird sich, sobald sich das Publikum an die neue Art der Vorschriften gewöhnt hat, wieder ein großer Rückgang in den Bestrafungen wegen dieses Deliktes eintreien. Zudem handelt es sich um ein ganz leichtes Vergehen, das immer mit geringen Geldstrafen gesühnt wird. Bei allen schweren Vergehen ist auch jetzt noch wie früher das Verhältniß außerordentlich zu Gunsten der Juden, wie denn überhaupt auch das Gefammtverhältniß immer noch für die Juden sich sehr günstig stellt. Nach dem Prozentsatz der Bevölkerung sollten es sein 4950 Bestrafungen von Juden, es sind aber nur 4260 vorgekommen, gleich 80 Prozent. Obwohl infolge der Umstände, die wir auseinander gesetzt haben, der Vergleich für die Juden nicht so günstig ansfällt, wie in früheren Jahren, so ist doch auch jetzt noch iinmer ein Vergleich der Kriminalität zwischen Juden und Christen, durchaus zu Gunsten unserer Glaubensgenossen. fttauffuti a. M., 11. October. Es ist dem Mühen der bedeutendsten Aerzte bis jetzt nicht gelungen, ein wirksames Drittel gegen Lungenkrankheit zu finden. In Ermangelung eines solchen sieht man hauptsächlich in dem Aufenthalte der Kranken in reiner Gebirgsluft und in geeigneter guter Pflege die Möglichkeit, den entstehenden Krankheitskeim zu tluterdrücken und in vorgeschritteneren Stadien des Leidens durch körperliche Kräftigung die Widerstandsfähigkeit des Patienten zu erhöhen. So sehen wir in unserer Zeit, die im Allgemeinen Humanitären Schöpfungen reiches Interesse entgegenbringt, allerwärls Sanatorien entstehen. Eine solche Heilstätte, deren segensreiches und rühmenswerthes Wirken schon öfters in diesen Blättern erwähnt wurde, ist die „Israelitische Kuranstalt zu Bad Soden im Taunus." Während des verflossenen Sommers wurden in dieser Anstalt nicht weniger als 226 Kranke (gegen 200 i. I. 1895) unentgeltlich verpflegt, die zum Theil als wesentlich gebessert entlassen werden konnten. Man bedenke, welche Summe von Lebenskraft und Lebensmuth eine solch' stattliche Zahl von ganz oder theilwcise Genesener darstellt, die meistens kleininüthig und betrübt, ja manchmal als Verzweifelnde Ausnahme fanden und zum großen Theil freudig und hoffnungsvoll die Anstalt verließen. Freilich noch mehr Leid Hütte gemildert werden können, wenn die Mittel für die Unterhaltung der Anstalt noch reicher geflossen wären, denn sehr viele Aufnahmsgesuche mußten unberücksichtigt bleiben. Ein größeres Geschenk, das die bekannte Wohlthäterin Frau Baronin v. Hirsch in Paris der Anstalt überwies, hat allein es ermöglicht, daß in diesem Jahre mehr Patienten als im vorigen in der Anstalt verpflegt werden konnten. Es wäre daher sehr zu wünschen, daß auch weitere Kreise durch Beiträge und Geschenke sich an dem großartigen Hilfswerke betheiligten, zumal ja die Anstalt Kranken aller Länder ihre Pforten öffnet. Nachdem am ersten Oktober die Somiuerkur, d. h. die unentgeltliche Verpflegung, geschlossen wurde, ist seitdem die Winterkur eröffnet. Es können während des ganzen Winters Patienien gegen Vergütung des Selbstkostenpreises Aufnahme finden. Wer es weiß, wie schwer es ist, selbst gegen gute Bezahlung für einen wirklich Kranken oder einen solchen, der nur der Ruhe und der Erholung bedarf, einen geeigneten Aufenthaltsort zu finden, wo er bei streng ritueller und gleichzeitig in jeder Hinsicht vorzüglicher Verpflegung, sowie luftiger, schöner Wohnung die erwünschte Stärkung und Genesung erlangen kann, der wird es gewiß auf's Freudigste begrüßen, daß die Sodener Kuranstalt diese Einrichtung getroffen