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Der Israelit · 1896-10-15 · Heft 83 (15.10.1896) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 83 (15.10.1896)
Date
1896-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1576 treffen können! — von den im Chaurew angeführten Paragraphen des Schulchan Aruch, natürlich nur solche, die dem nichtjüdischen Leserkreise ohne die im Chaurew gegebene, aber wohlweislich unterdrückte, Erklärung höchst auffällig erscheinen mußten! Nachdem er sich des Weiteren über die Entfernung des Gesäuerten aus dem Hause am Peßach, über die Verbote: Würmer, Blut, Unschlitt, Newela und Teresa zu essen, Verbote, die er für rabbinische Anordnungen hielt, weidlich luftig gemacht hatte, fragte er sodann die jüdischen Eltern, die Mitglieder der Religionsgesellschaft, im Angesichte ihrer nichtjüdischen Mitbürger, ob sie denn wirklich ihre Kinder für eine solche Religion erziehen laffen wollten! Es war ein förmlicher Wuthausbruch der Neologie, die sich in ihren heiligsten Rechten schwer gekränkt und in ihrem Besitzstände ernstlich bedroht fühlte. Es war ja auch eine unerhörte Anmaßung von den Orthodoxen, gleichfalls intelligente und gebildete Menschen sein und heranbiloen zu wollen! Das war ja, so hatten es seit fünf Decennien die israelittschen Apostel mit dem Brustton der Ueberzeugung in allen Tonarten männiglich verkündet, das ausschließliche Vorrecht der „Aufgeklärten," der Anhänger der „Reform"! Und diese Apostel hatten sich aus allen Fakultäten rekrutirt. Rechtsanwälte und Aerzte in der Gemeinde hatten für diesen Zweck getreulich Schulter an Schulter gekämpft und gewirkt mit deren Theologen und Pädagogen. Und nun kommt Samson Raphael Hirsch und will in Frankfurt, dieser Metropole der Aufklärung, jüdische Menschen erziehen, die mit gründlichem Wissen auf allen Gebieten der allgemeinen Bildung ausgerüstet werden sollen! Und noch dazu: nicht obgleich, sondern weil sie zu gesitzesrreuen Juden erzogen werden sollen! Eine Höhe der Anschauung, von oer, wie wir in Parenthese bemerken, auch bis auf unsere Tage ein gewisser Chassidismus noch keine blaffe Ahnung, geschweige denn ein klares Verständniß hat. In den Augen der damaligen Kämpen der Neologie aber war das ein förmliches mimen laesae majestatis, eine Beleidigung der Majestät der Reform. Da hieß es: prinoipii« obsta, sofort schneidig entgegentreten. Nicht umsonst verstanden sich die Herren auf die ganz gewöhnliche Mache, wie inan der Maffe imponirt. Da genügt es in der Regel, die Furcht vor dem Gegner unter der Maske tiefster Geringschätzung zu verbergen, um ihn vor der Oeffentlichkeit zu discreditiren. Und wirklich, hätte ein Anderer an der Spitze des kühnen Unternehmens gestanden, so wäre ein solcher Angriff in solcher Stunde dem im Entstehen begriffenen Werke sehr hinderlich, wenn nicht geradezu verhängnißvoll geworden. Aber sie sahen sich einem Samson Raphael Hirsch gegenüber. Er gehörte nicht zu denen, die vor ihm und nach ihm aus der Roth eine Tugend machen und im Bewußtsein der eigenen Impotenz bei solchen Gelegenheiten die Parole des Schweigens ausgeben, damit, wie es in der Regel heißt, nicht noch Aergeres Nachkomme. Gewiß wußte er, daß es auch riwni? ny, eine Zeit gibt, in der das Schweigen angezeigt ist — wie glücklich wäre mancher, wenn er auch nur das verstände! — Allein er wußte auch: -a-£ ny, wann es an der Zeit war, zu reden. Und wie keinen Andern fand ihn jeder solcher Zeitmoment auf dem Posten, er stand stets in der Bresche. Er nahm deßhalb auch hier den aufgezwungencn Kampf sofort auf. Er antwortete vor demselben Forum der Oeffentlichkeit; er sah fiJ) veranlaßt, seine Erwiderung nicht im Frankfurter Journal, sondern in dem „Frankfurter Jntellingenzblatte" zu veröffentlichen, in Nr. 86, die atu 8. April erschien. Es war ein wahrhaft classischer Artikel, d. d. 5. April 1856, in welchem er vor den Augen der christlichen Mitbürger und der in den ganz entgegengesetzten Anschauungen herangewachsenen großen Mehrzahl der jüdischen Brüder die Sache des gesetzestreuen Judenthums vertrat, den wahren Charakter der Schmähungen darlegte und die Nichtigkeit der über es ausgestreuten Verdächtigungen nachwies, Nicht der Schärfe, sondern der Sachlichkeit seiner Ausführungen verdankte er den Erfolg. Eine solche Sachlichkeit war freilich nur ihm möglich, der die streng wissenschaftliche Erforschung des Geistes der Gesetze zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Ec verstand es, mit einigen flüchtigen Strichen auch oem Fernstehenden wenigstens eine Ahnung davon aufvämmcrn zu laffen, daß diesen alten jüdischen Gesetzen, wie der Heilighaltung des Sabbaths, dem Verbote des Gesäuerten, der Erfüllung der Sukkapflicht, eine tiefe Bedeutung für jede Gegenwart innewohne, und daß ihre Lehren noch von keiner Zeit überholt seien. Vor Allem aber imponirte weiteren Kreisen auch die vornehme Ruhe, die spielende Ueberlegenheit und der köstliche Humor, mit dem er die hohle Phrasenhaftigkeit der Angriffe ausdeckte und den Angreifer zurückwies. Doch statt eines Auszuges halten wir es für bester, den ganzen herrlichen Aussatz mitzutheilen. Er ist weiteren Kreisen der jüngeren Generotion wenig bekannt und ist leider auch jetzt noch von höchster Actualität.

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