Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 82 (12.10.1896)
- Date
- 1896-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1563 die Spitze getriebenen System der Centralisation in der Verwaltung, just das Gegentheil erreicht wird, das heißt, daß ein jedes Ressort selbstständig vorgeht und sich eines um das andere gar nicht kümmert. Zu den neuesten Verfolgungsmaßr geln gehören unter Anderem folgende: Der Kriegsminister Wannowski (bekanntlich ein Antisemit reinsten Westers, der auch die zu seinem Reffort gehörige Militär-Medicinische Akademie für die Juden hermetisch geschloffen hat), hat den Kriegsconseil veranlaßt, eine Gesetzesänderung zu beantragen, daß den im Militärdienste befindlichen Juden während der ihnen zu ertheilenden Urlaubszeit der Aufenthalt nur in den Gouvernements zu gestatten sei, die zu dem jüdischen Ansiedlungsrayon gehören. Eine derartige Beschränkung exiftirte bis jetzt nicht, und dem General Wannowski gebührt das Verdienst, dieselbe unter dem Regime Nicolai II. ins Leben gerufen und die kaiserliche Sanktion erlangt zu haben. Während der Kriegszeit ist es dem jüdischen Soldaten vergönnt, überall sein Blut zu vergießen, auch außerhalb des Ghettos, selbst jenseits der Grenzen des heiligen russischen Reiches, wie es z. B. in dem letzten russisch-türkischen Kriege der Fall war, wo sich jüdische Soldaten durch außerordentliche Tapferkeit und Unerschrockenheit ausgezeichnet und viele von ihnen mit dem Georgienkreuz, der höchsten militärischen Auszeichnung, freilich gegen den Willen und die Intentionen mancher Chefs bedacht wurden; im Frieden aber darf der jüdische Soldat das Ghetto nicht überschreiten. Selbst die kurze Zeit des so karg zugemeffenen Urlaubs wird dem jüdischen Soldaten dadurch verkümmert, daß man ihm das Ausenthaltsrecht beschränkt und ihn dadurch in den Augen seiner Kameraden erniedrigt. Selbst das halbbarbarische, islamitische Persien kann in Bezug auf religiöse Toleranz mehr Ansprüche erheben, als das civilisirte christliche Rußland. Die russische Zeitung „Koszij" bringt, wie Dr. Blochs „Wochenschr.", der wir diese Zeilen entnehmen, berichtet, aus Teheran einige Mittheilungen überden „neuen Curs" in Persien. Noch vor seiner Abreise aus Tabris hatte der neue Schah sich kategorisch für absolute Duldsamkeit in Glaubenssachen ausgesprochen. Noch neulich wiederholte er öffentlich in Teheran diese seine innerste Ueberzeugung : Ihm sei es ganz gleich, zu welcher Religion sich seine Unterthanen bekennen, wenn sie nur loyal gesinnt und ihrem Vaterlande aufrichtig ergeben seien. . . Freilich ließen sich letzthin auch bei uns ähnliche humane Ansichten verlauten, und selbst ein so fanatischer Obscurant, als der Redacteur des „Graschdanin", Fürst Meschtscherski, konnte nicht umhin, denr Geist der Zeit, der nicht ruhet und nicht rastet, den ihm gebührenden Tribut zu zahlen. Gelegentlich der Unduldsamkeit^ welche die Regierung in Bezug auf die katholische und polnische Bevölkerung Polens und Litthauens bekundet (fast sämmtliche Blätter — die ultranationalen nicht ausgenommen — verurtheilen mit ungewohnter rücksichtsloser Schärfe die repressive Politik der Regierung in Bezug auf die Polen und Katholiken), macht Fürst Meschtscherski unter Anderem folgende höchst bedeutsame Bemerkung: „Sollten wir in der That uns noch in der Periode geistiger Entwicklung befinden, in welcher ich einen Jeden, der in irgend welch' einer Frage mit meiner Ansicht nicht einverstanden ist, zur Polizei oder zur Procuratur schleppen soll, um ihn des Lanvesverrathes zu beschuldigen und seinen Tod zu fordern? In der polnischen Frage sind wir fast so weit gekommen. Und während deffen sollte doch allein das Factum, daß 33 Jahre nach dem Regime des Terrors des Grafen Murawjew wir in Bezug auf die Polen uns genau in derselben Position befinden wie dazumal, die berechtigte Frage erwecken: Ist es nothwendig, im Namen der Russisicirung die Polen zu erdrücken, zu Hetzen und zu verfolgen, und wäre es nicht zielentsprechender, den Prozeß der Russificirung friedlich zu vollziehen und blos das Schlechte und die Schlechten zu verfolgen. Sollten wir überhaupt nicht mehr Duldsamkeit in Bezug auf Andersgläubige bekunden?" Die vom Fürsten Uchtomski redigirte „Petersburgskije Wjedmosti" polemisiren mit ihren Moskauer Collegen, welche die religiöse Unduldsamkeit auf ihre Fahne schreiben und sagen unter Anderem: „Besondere Umsicht und Delicateffe ist in Fragen religiösen Charakters geboten. Der Uebereifer seitens der Russificatoren, welche die religiösen Gefühle Andersgläubiger beleidigen, wirkt sehr schädlich auf die Assimilirung unserer Grenzmarken ein. Daher auch die unteren Administrativorgane, welche die religiösen Gefühle der Bevölkerung verfolgen, in dem Wahne, damit der Sache Rußlands zu dienen, gemaßregelt werden müßten." Das sind Alles unstreitig sehr schöne Worte, denen aber bis jetzt noch keine Thaten gefolgt sind. Der Jude ist noch immer rechtlos; der jüdische Jurist wird der ihm laut Gesetz unbestreitbaren Rechte gewaltsam beraubt und seine Proteste verhallen unbeachtet; der jüdische Arzt wird zur Ausübung seiner Function in kein Hospital zugelaffen: sobald aber ein Krieg ausbricht, wird er unter Androhung härtester Strafen gezwungen, in den Militärdienst zu treten in welchen er zu Friedenszetten unter keiner Bedingung zugelaffen wird, sein Leben aus den Verbandplätzen, auf den Schlachtfeldern, im Kampf mit Jnfectionskrankheiten auf's Spiel zu setzen, Hingebung und Opfermuthigkeit zu bekunden, um dann nach Friedensschluß wieder an die Luft gesetzt und ins Ghetto zurückgeschickt zu werden. Die Regierung bekundet bis jetzt keine Neigung,