Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 82 (12.10.1896)
- Date
- 1896-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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handelt, indem wir diesen alten Bau verbessern und verschönern wollten. Eine höhere Macht hat denselben so aufgebaut und so errichtet, wie er heute noch ist und sie duldet nicht, daß daran nur im Geringsten gerüttelt werde. Er besteht und bleibt, so wie er ist, von jetzt bis an das Ende aller Tage. Meine Freunde! Die Nutzanwendung dieser Erzählung brauche ich Ihnen wohl nicht erst mitzutheilen, sie ergiebt sich aus dem Gesagten fast von selbst. Der alte herrliche Bau, der seit Jahrtausenden unangetastet in seiner Pracht vor uns steht, das ist unsere alte Tefillah, durch deren herrliche Gebete Geschlecht auf Geschlecht die Jahrhunderte hindurch sich erquickt und an gerichtet hat, und zwar ohne an dem Wortlaute derselben auch nur die geringste Aenderung vorzunehmen. Die drei alten Baumeister, die den Plan dazu entworfen, das sind unsere Stammväter Abraham, Jizchak und Jacob, von denen der Eine das Schachrithgebet, der Andere das Minchah- und der Dritte das Maarivgebet eingesetzt haben. Die Maurer und Zimmerleute, die nach dem Entwürfe der Künstler den Bau errichtet und Stein an Stein kunstvoll gefügt, das sind die r6nn ross nwx die Männer der großen Synode, die das Siddur in seiner jetzigen Ordnung uns überliefert haben. Nun kam in unseren Tagen eine Generation, die glaubte, daß der alte Bau, das alte Siddur nicht mehr „zeitgemäß" sei, sie fingen an zu streichen, zu modernisiren und zu egalisiren, so daß die alte Tefillah kaum mehr zu erkennen war. Aber ihre Mühe war vergebens, fast über Nacht entstand dieser schöne „Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judenthums in Westfalen" und baute rasch wieder auf, was muthwillrg eingerissen wurde. Die alte Tefillah ist wieder in ihrer alten Pracht in Westfalen neu erstanden und kein Mensch kann das festgefügte Gebäude derselben, das so viel Stürmen und Zeiten getrotzt, zum Wanken bringen. O, möchten doch unsere Brüder aus dem anderen Lager ebenfalls recht bald einsehen lernen, daß eine höhere Macht es ist, die unseren alten Bau des Judenthums schützt und ihn immer wieder aufrichtet, wenn widrige Stürme an ihm zu rütteln versuchen. ♦ ensem w rin epi^x rv>n ex '3 m px ZettungSnachrtchtert und Correfpvndenzen. Deutschland. Berlin. In der Ge genwart haben die Freunde des religiösen Fortschritts einige Aehnlichkeit mit den Schülern HillelS. Warum nun machen die Freunde des religiösen Fortschritts so wenige Fortschritte? Es scheint, weil sie nicht duldsam genug sind, weil sie oft die Spuren HillelS verlassen. Schon das eigeneVerlang en zu begründen, ist ihnen oft zu viel; nun gar sich in die Ansicht der Alt- und Strenggläubigen zu vertiefen, den Gründen derselben nachzuspüren, das scheint ihnen vollends ein überflüssiges Bemühen. So zu lesen in der jüngsten Nr. 39 im Spitzenaufsatz der Dr. Philippson'schen Judenthumszeitung! Das sind werthvolle, wenn auch etwas verspätete Geständnisse. Hätte sie dieselben nur fünfzig Jährchen früher gemacht, zur Zeit als sie noch eu vvKue war, als sie noch Leser hatte, die sie als religiöse Wetterfahne verehrten, als sie in jugendlicher, festlicher Stimmung urbi et orbi die Dogmen ihrer nagelneuen unparteiischen Religion verkündete, damals hätte sie mit diesem Bekenntniß dem Kampfe manche Bitterkeit nehmen und ihn wirklich unparteiischer gestalten können. Aber jetzt „zum Schluß der Feste" ist es, wie gesagt, etwas spät und hat mehr elegisches, literar-hisiorisches, als praktisches Interesse. Aber insofern sind Stoßseufzer dieses Kalibers heute noch von ganz acutem Interesse, indem sie einen Maßstab für die Zerfahrenheit und die Deroute im eigenen Lager abgeben. Von diesem Gesichtspunkte nimmt man gern die Verdrehung und Verballhornisirung der talmudischen Sprüchlein in Kauf, in welche sich diese Aschermittwoch- Betrachtungen kleiden. Wir erfahren unter vielem Köstlichen auch Folgendes: „Wer um den Beifall der Gottesstimme, der „Volks stimme wirkt, der muß in den Pfaden „der Hilleliten wandeln und sanft und demüthig „sein und deutlich erkennen lassen, daß er die U ber- „zeugungen anderer achtet und sorgfältig geprüft, „bevor er der seinigen folgt." Ohne Zweifel rangirt sich die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" auch unter die Hillelrten, wie sie sich dieselbe zurechtlegt und zustutzt. Sie wird auch Scharfsinn genug haben, einzusehen, daß sie mit Bekenntnissen dieser Art ihren Hintermännern keine Schmeicheleien sagt, daß sie damit mehr dem Geschmack der „Alt- und Strenagläubigen" dient, wie sie die Orthodoxie, die Juden sans phrase hier charakterisirt. Ihre Freunde des religiösen Fortschritts müssen ihr durch piöi N83N quantitativ und qualitativ sehr wenig imponiren, wenn sie ihnen solche Wahrheiten sagt; sie müssen nicht nur wenig Fortschritte, sie müssen Rückschritte und zwar nicht zu vertuschende gemachthaben, wenn sie dort nicht mehr um die Volksstimme wirbt. Wir begnügen uns für heute mit der Thatsache, daß der beredte Anwalt der Fortschrittsfreunde selber deren mangelhafte Duldsamkeit anklagt, ihnen vorwirft, daß sie ihr eigenes Verlangen nicht begründen und daß ihnen eine Vertiefung in die Ansichten der Alt- und Strenggläubigen ein überflüssiges Bemühen erscheint. Das ist genug, rowu rn»» nH H nx Q. e. d.