Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 82 (12.10.1896)
- Date
- 1896-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448682--42634-2491645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
XXXVII Jahrgang. M SS. Der Israelit. Ein Kentrak-Hrgan für das orlfiodoXe Zudenthum. Begründet von Nr. Lehmsrnn in Wt«inz Montag, de« 12. Oetober 5657 (1896). Leitender Artikel. Das neue WMStischr Gedttdach. (Ein Gleichniß.*) Mainz, den 9. Okt. „Im Abendlande lebten vor grauer Vorzeit drei ehrwürdige Greise, welche die geschicktesten Baumeister weit und breit waren. Als der König von ihnen erfuhr, ertheilte er ihnen den Befehl, für ihn den Plan für ein neues herrliches Schloß zu entwerfen. Alsobald machten sich die drei Meister an die Arbeit und nach kurzer Zeit ■ überreichten sie ihrem Könige den Entwurf zu einem Palais, wie es herrlicher und schöner kannl der Phantasie der bedeutendsten Dichter hätte entspringen können. Da waren Thürmchen und Kuppeln von so reizender Gestaltung, Zinnen und Balkone von so fein durchdachter Arbeit, Säle mtb Gemächer von so künftlericher Ausstattung, daß sie das Entzücken und die Bewunderung des Herrschers hervorriefen. Doch nun galt es, nach dem vorhandenen Plane auch die Allsführung des Balles zu bewerkstelligen. Dazu konnte man nicht die ersten bestell Arbeiter verwenden. Die Zimmerleute und Maurer, welche sich an dieses Werk heranwagen wollten, mußten lauter Künstler ersten Ranges sein, *) Aus der Versammlung, welche die Gesetzestreuen in diesem Frühjahre in Dortmund abgehalten haben, gab Herr Provinzial-Rabbiner Dr. bahn aus Fulda einige vorzügliche noch wenig bekannte Gleichnisse des „Dubnocr Maggid" zum Besten. Es erhob sich hierauf der Herausgeber dieser Zeitschrift und. bemerkte dazu, daß wenn der Dubnoer Maggid heute noch leben würde, er auf das Westphälische Gebetbuch wohl ein „Moschol" wie das obenstehende ersonnen haben würde. welche die Ideen der großen Baumeister sich ganz zu eigen zu machen verstanden. Lange Zeit hindurch suchte der König nach den geeigneten Kräften, doch endlich waren auch diese gefunden und der Bau erhob sich nach kurzer Frist stolz und mächtig, weithin in die Lande ragend und von aller Welt ob seiner Pracht angestaunt und bewundert. So solide und fest gegründet war das Schloß, daß es Jahrtausende überdauerte und jedes neu Heranwachsende Geschlecht ergötzte sich an dem Meisterwerke der Alten. Jndeß sollte auch einmal eine Zeit eintreffen, welcher der Silin und das Berständniß für wahre Kunst abhanden gekommen war und es entstand eine junge Generation, die die Werke ihrer Vorfahren als veraltet und der Neuzeit nicht entsprechend, gering achtete. Da wurden die Thürmchen und Kuppeln als überflüssiger Ballast vom alten Schlosse abgetragen, die herrlichen Wandgemälde wurden mit weißer Farbe übertüncht und die kunstvollen Schnitzereien an Decken und Treppen beseitigte man als lächerliches Beiwerk. Man wollte das Schloß praktisch einrichten, so daß Jedermann, hoch und niedrig, drinnen wohnen könne, ohne sich an den hervortretenden Schnitzereien zu stoßen, und ohne daß das Auge durch allerhand bunten Krimskrams belästigt würde. Es wurde renovirt und modernisirt und Alles hiibsch egal und glatt gemacht." „Doch da ereignete sich plötzlich etwas Wunderbares. Alles, was man bei Tag eingeriffen imb zerstört hatte, das wurde bei Nacht von unsichtbaren Händen wieder aufgebaut und hergerichtet, und als der Morgen dämmerte, da standen die Thürmchen unb Erker wieder in ihrer ursprünglichen Schönheit da, die alten Gemälde erglänzten wieder in ihrem früheren Farbenschmuck und das Palais erschien, als wenn niemals eine Hand daran gerührt hätte. Da sahen sich die Leute erstaunt einander an und Einer sagte zu denr Anderen: Wir haben thöricht ge-