Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 81 (8.10.1896)
- Date
- 1896-10-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1545 Emigration gezwungen wurden. Die Hauptopfer dieser Legislative sind die jüdischen Colonien Bessarabiens. Diese Flüchtlinge sind ehrliche Familienväter und intelligente, thätige Arbeiter, zum größten Theile Kunsttrschler. Tausende von ihnen sind in den Fabriken von Faubourg St.-Antonie beschäftigt. Seitdem jedoch die Maßregeln gegen die Juden von den russischen Behörden ein wenig gemildert wurden, kehrten viele zu ihrem heimatlichen Boden zurück, dem sie noch immer leidenschaftlich ergeben sind. Türkei. Koirftantionpel. Die 70 Familien russischer Emigranten, welche aus den Kolonien des Baron Hirsch in Argentinien zurückgekommen sind, lagern noch immer hier außerhalb der Stadt in einer jämmerlichen Situation. Bekanntlich weigern sich die russischen Kapitäne, so wie diejenigen der andern nach Rußland verkehrenden Dampfer, diese Leute aufzunehmen, weil sie durch ihre Auswanderung das russische Staatsbürgerrecht verloren haben. Die Vertreter der 70 Familien haben sich an das russische Ministerium gewendet und unter Berufung auf das Krönungsedikt vom 14. Mai gebeten, ihnen die Rückkehr zu gestatten. Obwohl schon viel Zeit seit dieser Eingabe verstrichen ist, haben die armen Leute noch keine Antwort erhalten und befinden sich infolge dessen in äußerst bedrängter Situation. Dänemark. Kopenhagen, 5. Okt. Ein neuer Polizeiskandal erregt hier große Erbitterung. Ein russischer Jude Namens Jtelsohn, der vor einigen Jahren aus Moskau vertrieben worden war und seitdem in Berlin lebte, kam vor vierzehn Tagen nach Kopenhagen, um dem Zaren während seines Aufenthalts in Bernstorff eine Bittschrift zu überreichen, des Inhalts, daß man ihm erlauben möge, nach Moskau zurückzukehren. Er hatte beim hiesigen russischen Gesandten, dem Grafen Murawjew, eine Audienz und dieser überzeugte sich davon, daß er es mit einem ehrlichen Manne zu thun habe. Der Gesandte rieth jedoch Jtelsohn davon ab, seinen Plan, sich vor den Wagen des Zaren auf der Straße zu werfen und die Bittschrift zu überreichen, auszuführen, sondern forderte ihn auf, dieselbe mit der Post nach Bernstorff zu senden, was er auch that. Am folgenden Tage wurde der Mann verhaftet, nach Verlauf von acht Stunden von der Polizei wieder nach seiner Wohnung gebracht und in seiner Stube bewacht. Am nächsten Morgen stellte die Polizei ihm die Wahl, entweder ausgewiesen zu werden oder ins Gefängniß zu wandern. Der arme Mann, der seine Unschuld vergebens betheuerte, zog das erstere vor, und wurde dann von der Polizei nach Warnemünde eskortirt. Worin bestand denn nun sein Verbrechen? Die Polizei wußte, daß er den Plan, sich vor den Wagen des Zaren zu werfen, aufgegeben habe, sie konnte ihm gar nichts vorwerfen, er war mit vorzüglichen Zeugniffen versehen, seine Papiere waren in Ordnung, und er besaß hinreichende Geldmittel, um hier zu leben. Dennoch fand die Polizei es für geboten, ihn auszuweisen! Das Verhalten der Polizei in dieser Affaire hat so große Entrüstung hervorgerufen, daß für Mittwoch eine große Entrüstungsversammlung zusammenberufen worden ist, um gegen die skandalösen Polizeizustände zu proteftiren. Amerika. New-Nork. Ahlwardt, der deutsche Reichtagsabgeordnete, der sich noch immer hier aufhält, ohne sein Mandat niederzulegen, hat ebenfalls in den Wahlkampf eingegriffen. Er hat Versammlungen abgehalten gegen Mae Kinley, dem republikanischen Kandidaten für die Präsidentschaft, weil derselbe angeblich nur eine Puppe der jüdischen Finanzen New-Aork sei. Die Republikaner haben von dieser Stellungnahme Ahlwardt sofort Nutzen gezogen, indem sie Massenversammlungen der Juden arrangiren, um deren Stimmen für Mac Kinley zu gewinnen. Die Juden bilden in New-Dork den fünften Theil der Stimmberechtigten und waren bisher vorzugsweise auf Seite der Demokraten, die aller Wahrscheinlichkeit nach nun die Unterstützung der Juden durch Ahlwardts Einmischung verlieren werden. Egypten. Kairo, 1. Okt. Ueber die Entführung eines jüdischen Mädchens behufs UebertrittS zum römischen Katholicismus berichtet die „Egyptian Gazette": Die junge Rachel Roufeh, die in Kairo eine Klosterschule besuchte, war Ende August aus dem elterlichen Hause verschwunden. Die Nachforschungen, welche die Familie mit Hilfe der Polizei anstellte, blieben einige Wochen fruchtlos, bis sich ergab, daß das Mädchen in dem Kloster der Schwestern vom heiligen Vincenz von Paula untergebracht sei. Dort hatte man sie veranlaßt, an ihre Eltern einen aus Beirut datirten Beschwichtigungsbrief zu richten. Der Aufenthalt in Alexandrien war durch einen gewissen Pater Jerome auf das Drängen der Polizei hin bekannt geworden. Die Angehörigen des Mädchens wurden auf das französische Consulat gerufen, wo man ihnen vorschlug, oas Mädchen unter der Bedingung ausliefern zu lassen, daß der angestrengten gerichtlichen Klage keine weitere Folge gegeben, daß der Ort, wo das Mädchen verborgen gehalten worden, nicht genannt würde, sondern daß die Verwandten angeben würden, sie sei bei Verwandten zu Besuch gewesen Die Angehörigen wollten nicht darauf eingehen, bevor sie nicht mit dem deutschen Consul Rücksprache genommen hätten, da das Mädchen eine