Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 81 (8.10.1896)
- Date
- 1896-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXYIX. Jahrgang. Erste Keilage M M 81 des „Israelit“. Leitender Artikel. Mein Religionsbuch. Von Bezirks-Rabbiner D r. E h r m a n n in Baben (Schweiz). lX. An bestimmten Tagen des Jahres der festlichen Bedeutung derselben durch dieHallel-Hymne Ausdruck zu geben, das ist in unserer Zeit der Chöre und Gesänge etwas so zeitgemäßes, daß sich kein noch so modern angehauchtes Gemüth daran stoßen kann. Am Purimsest die geschichtliche Urkunde desselben zu verlesen und so die Bedeutung des Tages allen, die ihn feiern, präsent zu halten, kann gebildeten, denkenden Menschen auch nicht als ein großes Jntcllektopfer erscheinen. Aus dem Anzünden des Chanuka- und Sabbatlichtes wird man auch nicht auf Dunkelmänner schließen können, so wenig man aus der Pflicht die Hände vor dem Brodgenuß zu waschen, etwas Unlauteres wittern kann. Cs bliebe dann höchstens noch die Pflicht vor jedem Genüße Gottes durch Beracha zu gedenken. Aber die Vergeistigung und Verklärung, die der sinnliche Genuß durch diesen Weiheakt erhält, kann doch kein irgendwie religiös gesinnter Mensch bemängeln und als etwas ungebührliches bezeichnen wollen, selbst wenn ihm die Beracha vor jedem Genuß in praxi lästig scheinen sollte! Daß endlich dieErubin- Jnstitutionen eine Erleichterung und keine Erschwerung bedeutet, ist bereits erwähnt. Daß diese rabbinischen Gebote aber nicht von Rabbinen, im gewöhnlichen Sinne des Wortes herrühren, daß wir z. B. und eh* rb'vs nach der Ueberlieserung keinem Geringeren als dem Weisesten der Weisen, dem König Salomo verdanken, der somit auch unter „unsere Rabbinen" zählt, das dürste den Gebildeten unter ihren Verächtern es doch wohl der Mühe werth erscheinen lassen, der Bedeutsamkeit dieser Institutionen nachzuforschen. Und welche Fülle von religiösem Fond erschließt sich dem, der diesen rabbinischen Institutionen näher tritt und sich in ihre tiefe Bedeutsamkeit versenkt. Eine eingehende Würdigung gerade dieser pm mato bleibt daher ein sehr dankenswerthes Unternehmen. Was speziell die Erubin-Jnstitution betrifft, so habe ich dieselbe bereits eingehend in einer früheren Abhandlung darznstellen versucht und gestatte mir auf dieselbe zu verweisen. (Jahrg. 1883. Nr. 34 s. s. „Das Verbot des Tragens am S a.b b a t.") Als Anleitung, wie eine Besprechung dieser psn mo so reich an Momenten für die religiöse Bildung sich erweist, möge hier ein kurzer Excurs über die andere salomonische Institution, über eh* rftnw mo folgen. Die Ausdehnung der ursprünglich nur für Opfer und für durch das Gesetz geheiligte Spenden getroffenen Anordnung des Händewaschens auch auf den gewöhnlichen Brodgenuß erhebt das tägliche Brod zur Höhe der Heiligthümer, und der Jude, der kein Stück Brod zunr Genuffe ergreift, ohne vorher die Hände zu waschen, wiederholt sich durch diese symbolische Handlung Tag für Tag die Mahnung, daß die Hand rein sein müße, die ein Stück Brod dem Leben abgerungen hat, um es nun zu genießen. Die diese symbolische Handlung begleitenden und deutenden Segenssprüche heben daher den Gottessegen hervor, der nicht etwa in dem Waschen an und für sich — eh* nrn-s — sondern in der dadurch zum Ausdruck gelangten „Erhebung" der Hände eh* r6*aj sich ausspricht. Während sonst der Genuß nicht zur Erhebung, sondern zur Ueberhebnng und Überschätzung der menschlichen Hand und Kraft führt, wiederholt sich der Jude vor dem Genüße gerade des täglichen Brodes, die tröstliche Wahrheit, daß er dasselbe nicht menschlicher Intelligenz verdanke, sondern, „daß Gott es ist, der das Brod aus dem Schooße der Erde hervorbringt." Wer vermöchte die beseligende Trostesfülle dieses einen Gedankens in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zu schildern, wenn er in allen seinen Eonsequenzen begriffen und verwirklicht würde. Vor dem Bewußtsein, daß derselbe Gott, der das Leben gewährt, auch die Mittel zum Leben reicht, schwände die Sorge um Erhaltung des Lebens, die Millionen zu Boden drückt und ihres Daseins nicht froh werden läßt. Die Sorge überließen sie Gott und nur die eine, nicht niederbeugende, sondern das Haupt freudig erhebende füllte jede Brust, die Hand rein und würdig zu erhalten, um das von Gott gereichte Brod hinzunehmen. Vor diesem Gedanken senkte sich die zum Kampfe ums Dasein erhobene Bruderhand, denn in dem Lichte dieses Gedankens erschiene der Bruder nicht länger als Coneurrent und Nebenbuhler. Er niiinnt kein Brod, er gibt keines; die Erde, die alle trägt, ernährt auch alle. Nicht wir sind es, Gott ist es, der das Brod aus ihrem Schooße hervorbringt. Dieses Bewußtsein würzt das kärglichste Stückchen Brod und prägt dem gewöhnlichen Genuß das Gepräge der Göttlichkeit auf. Es wandelt jedes Haus in einen Gottestempel, jeden Tisch in einen Gottesaltar und jedes Stück Brod in ein von Gott gewährtes und im Dienste Gottes zu genießendes