Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 81 (8.10.1896)
- Date
- 1896-10-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448681--42615-2491625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1541 77Ü7?., .■■•«■f/sz'y 7-'?r«7Z^^ r-—.rr“ Zur Unterstützung dieser Ansicht verwerthete Manaffe das ihm zugänglich gewordene Material von Beobachtungen. Werthvoller aber war ihm der aus der Bibel gewonnene Trost und die dort ankernde Hoffnung. Hatten sich nicht die Fülle der Verheißungen von Strafe und Heimsuchung bewährt — warum nicht auch jene? Und Manasies glühende Begeisterung loderte auf all den heiligen Worten der Propheten. Aber, bei aller Schwärmerei, doch niemals der Wirklichkeit entrückt, führte er auch als Faktoren seiner Rechnung die Opfer der Inquisition in Spanien und in der neuen Welt auf, um die Schlußfolgerung daraus zu ziehen, daß wie die gehäuften Leiden, sich auch die so fest verheißene Erlösung und Wiedergeburt des Gottesvolkes erfüllen werde. Die lateinische Bearbeitung der zllerst spanisch abgefaßten „Hoffnung Israels" überreichte Manaffe einer hochgestellten unb gelehrten Persönlichkeit in England, um sie dem Staatsrath vorzulegen. Alls dem Geiste jener schwärmerischen unb doch auch wieder auf politischem Gebiet höchst konseguent bewegten und energischen Zeit, ist jenes berühmte Begleitschreiben zu verstehen, worill der Amsterdamer Rabbiner seine geniale und praktisch werthvolle Idee allseillandersetzte, daß der Rückkehr der Juden in's Stammland, wozu doch die Zeit so nahe sei, ihre allgemeine Zerstreliung vorangehen liiüsse. Diese Zerstreuung solle nach den Worten der Schrift von einem Ende der Erde bis zum anderell stattsinden, darunter sei die Insel England zu verstehen, welche im ällßersten Rorden der bewohnten Welt liege.") So möge denn der Staatsrath unb das Parlament den Jilden die Erlaubniß ertheileil nach England überzusiedeln, dort freie Religionsübung Hallen und Synagogen bauen zu dürfen.'^) Manaffe deutete in seinem Schreiben an, daß er entschlossen sei, nach England zu kommen, um die Angelegenheit zur Uebersiedelung der Juden persönlich zu betreiben. Sein Gesuch und seine Wtdmungsschrift wurden vom Parlament günstig aufgenommen. Lord Midduser, wahrscheinlich der Vermittler, salldte ihm ein Dankschreiben zu mit der Ueberschrift: „Meinem theueren Bruder, dem hebräischen Philosophen, Manaffe B. Israel." Auch ein Paß zur Reise nach England wurde ihm zugeschickt. I Jcr. 3. P. 18. In jenen Tagen gehet das Haus Jchuda sammt dein Hanse Israel und komnien miteinander aus dem Lande des Nordens in das Land, das ich eueren Vätern als Erbe gegeben. **) Höret das Wort des Ewigen, Völker, und meldet in den fernen Eilanden und sprechet: „Er, der Israel zerstreuet, sammelt cs und hütet es, wie ein Hirt seine Heerde. (Jer. 31. V. 10.) Der englische Gesandte in Holland, Lord Olivier Saint John, ein Verwandter Cromwell's, zeigte ihm an, er wolle die Amsterdamer Synagoge besuchen und gab zil verstehen, daß England geneigt sei, die lang gehegten Wünsche der Juden zu befriedigen. Jubel, Musik und Hymnen empfingen den Engländer, der erstaunt in den freundlich hellen Räumen, worili sich die ernste, dem Charakter des Landes eigenthümliche Prachtliebe in kunstvoll gewaltigen Schränken und der ganzen köstlichen Ausstattung zeigte. Das waren freilich nicht die Juden, die Marlolve ilnd Shakespeare für die starknervige Gelleration der Elisabethischeu Zeit auf die Bühne gebracht hatten, auch nicht griesgrämige Gestalten, wie sich die Pllritaner in England zu zeigen liebten. Rein, die vornehme portugiesische Gemeinde in Amsterdam hatte durch ihre luxuriöse südländische Tradition, die sich dem soliden Ernst der holländischen Republick im Laufe der Zeit immer mehr anzupaffen gelernt hatte, nur gewonnen. Und so schied der vornehme englische Besuch mit dem besten Eindruck. Indessen vergingerl noch Jahre, bis Manaffe seinen Lieblingsplan ausführen konnte. England und Holland geriethen in einen leidenschaftlichen Krieg, welcher die Verbindung zwischen Amsterdam und Londoll unterbrach. Eine Spannung mit seinem älteren College» Saul Morrcira und dem Vorsteher da Costa hatte Manaffe sogar den Aufenthalt in Amsterdam verleidet. Rachdenr ein leidliches Verhältniß zwischen den beiden Chachams wieder hergcstellt war, fehlte Manaffe doch die freudige Stimlnung ebensowohl wie die günstige Gelegenheit, feinen immerhin abenteuerlichen Plan wieder aufzunehmen. Jndeffen aber gewannen die Verhältnisse in England ein für Manaffe's Plan noch günstigere Gestalt. Cromwell hatte „das lange Parlament" aufgelöst, die Gewalt vollständig an sich gerissen und war auch geneigt mit den Generalftaaten Friede zu schließen. Die „Heiligen" des neuen Parlaments (das sogenannte kurze oder Barebone-Parlament) puritanische Prediger, biblisch gesinnte Offiziere, Schwärmer des tausendjährigen Reichs, die allen Ernstes altjüdische Ordnung, selbst das mosaische Gesetz für England einführen wollten — wenn diesen Männern auch politisches und praktisches Verstündniß abging, waren doch gewiß nicht als Gegner anzusehen. Das Parlament sandte Manaffe einen Paß zur Reise nach England. Dennoch schob Manaffe, da der Krieg zwischen England nnd Holland fortdauerte, die Reise auf eine künftigere Zeit auf. Diese schien gekommen, als nach der Auflösung auch dieses Parlaments, Cromwell unter dem Titel „Protektor" königliche Gewalt erhielt und im April 1654 Friede mit Holland schloß.