Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 81 (8.10.1896)
- Date
- 1896-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1537 und gleichzeitig, mit gleicher Hingebung, die Jugend in die Quellenkennlniß des jüdisch-religiösen Schriftthunls einzuführen, ohne die nun einmal keine religiöse Begeisterung und keine religiöse Pflichttreue im jüdischen Leben zu erwarten ist. Nur durch den Erfolg war hier Anerkennung zu erzwingen, nach Innen und nach Außen. Tiefer, als man es sich jetzt vorzustellen vernrag, hatte jene Meinung, infolge der so lange geübten Vergewaltigung, Wurzel geschlagen, daß eine gewisse „Freiheit" in der religiösen Anschauung und im religiösen Leben, wenn auch beileibe nicht identisch mit Bildung, so doch deren Vermittelung, Aneignung und Pflege wesentlich erleichtere. Ganz wie die Beiträge für die Religionsgesellschaft, so wurden auch die für die Schule zunächst nur für fünf Jahre bewilligt. Man wollte sich nicht binden, glaubte auch vielleicht dies nicht zu dürfen — gleichviel, von übergroßer Zuversicht in das Gelingen zeugte diese zeitliche Beschränkung keirleswegs. Doch der große Meister und Führer ließ sich nicht irre machen, und noch weniger abschrecken. Er baute auf die gute Sache, er nnrßte, wessen Sache er führe. Und sein Vertrauen hat sich als kein trügerisches erwiesen! Mit welchen Empfindungen man aber in den leitenden Kreisen der „Hauptgemeinde" der Gründung dieser Schule entgegensah, das sollte sich bald in einer unsäglich traurigen Weise zeigen. Denn jetzt trat die Bekämpfung des gesetzestreuen Judenthunls von Seiten der Neologie in ein neues Stadium. Bisher war die Riederhaltung desselben nur durch die Beeinflussung der Staatsbehörde versucht worden. Diese vollzog sich im Stillen, hinter verschlossenen Thüren. Nachdem nun die Conftituirung jetzt erfolgt war, wurde der stille Kampf freilich fortgesetzt, um sie in der Entwickelung möglichst zu hemmen. Allein zu diesem Verfahren der fortgesetzten Verleumdung bei beit maßgebenden Stellen tritt jetzt ein womöglich noch gehässigeres. Die Bestrebungen, die man nicht im Keime ersticken konnte, suchte man jetzt vor der Oe ffent li chk eit zu d ise r ed itiren. Man scheute sich nicht, zu diesem Zwecke das Heiligthum des Gottesgesetzes, dessen Bewahrung die Ahnen mit ihrem Herzblute erkauft hatten, durch perfide Entstellung dem Gelächter der christl ichen M i t b tt r g e r preiszugeben. Man hoffte dadurch die Zaghaften davon abzuschrecken, sich der „kleinen gläubigen Heerde des Herrn Hirsch" anzuschließen und sich damit dem Gespötte, ihre Kinder aber dem „Rückschritte" und der Verdummung preiszugeben. Von zwei Seiten wurde der Angriff auf diesen so unbequemen Herrn Hirsch eröffnet, von den Vertretern nämlich der beiden Institutionen, die ganz eigentlich für die Propaganda des Abfalls geschaffen waren. Der Leiter der Gemeindeschule und der Inhaber der Gemeindekanzel theilten sich in die traurigen Ehren dieses Kampfes. Den Reigen eröffnete, wie billig und der Anciennetät entsprechend, der Director, oder wie er damals noch hieß, der Oberlehrer der Realschule der Israelitischen Gemeinde. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz. (Hospitalbau in Jerusalem.) Wie wir erfahren, interessiren sich immer weitere Kreise für dieses große Liebeswerk, das berufen sein soll, unsägliches Elend zu lindern und dem jüdischen Namen dauernd Ehre zu bereiten. Ein besonders erfreuliches Zeichen ist, daß die Sammellisten bereits jetzt über M. 100,000 an solchen Spenden aufweisen, deren kleinste Einzelgabe M. 500 beträgt. Auch haben verschiedene Wohlthäter den Betrag für eine Bettstiftung oder den für eine Gedenktafel im neuen Hospital, einige auf den eigenen Namen, andere auf den theuerer Heimgegangener, gespendet. Es ist anzunehmen, daß in wenigen Wochen bereits das zum Bau (derselbe schreitet rüstig voran) erforderliche Capital vorhanden sein wird. Hoffen wir, daß der an den verschiedensten Orten entwickelte Eifer für dieses wahrhaft jüdisch philantropische Werk anhält und immer größere Fortschritte macht, so wird auch in nicht allzulanger Zeit das für den dauernden Betrieb des Hospitals ausreichende Kapital durch die Wohlthätigkeit aller Juden aufgebracht sein. Berlin, 5. Okt. Ein mehr als seltsamer Prozeß hat dieser Tage hier vor dem Schöffengericht gespielt. Er betraf eine Anklage wegen groben Unfugs gegen den Redakteur des antisemitischen „Deutschen Gen.-Anz.", Karl Sedlatzek, die schon einmal das Gericht beschäftigt hat. Am 20. November v. I. erschien in des Angeklagten Zeitung unter der Überschrift: „Fleisch für die Gojim" ein äußerst gehässiger Artikel, worin mehrere Fälle erzählt wurden, daß jüdische Schlächter das für die Christen bestimmte Fleisch in der unappetitlichsten Weise verunreinigt haben sollten. Hieran wurde die Warnung geknüpft, Fleisch aus Judenläden zu genießen. Wegen dieses Artikels stellte der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" Strafantrag wegen groben Unfugs, und das Amtsgericht folgte dem Antrag, indem es gegen den Redakteur wegen groben Unfugs eine Gelvftrafe von 30 Mark sestsetzte. Hiergegen wurde richterliche Entscheidung beantragt. Wir lasten nun den Bericht Berliner Blätter folgen. Vor Gericht erklärte der Angeklagte, daß der beanstandete Artikel der „Hannov. Post'' entnommen sei, und daß er für den Inhalt den Beweis der Wahrheit antreten wolle. Er bat zu diesem Zwecke, daß der Gerichtshof sich die Akten gegen den jüdischen Schlächter Isaak Bonn zu Kleve kam-