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Der Israelit · 1896-10-05 · Heft 80 (5.10.1896) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 80 (5.10.1896)
Date
1896-10-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1528 land und in einem Theile Frankreichs besonders blühte das Studium üppiger denn je. Die Schüler mehrten sich, Gelehrte schrieben Talmud-Erklärungen und Responsen. „Chidduschim" und jrcrBrn entfließen den Federn großer Männer aus Israel. Jeder Vater lehrt seinen Sohn, oder schickt ihn 511 einem Lehrer .... Nein, Israel stirbt nicht, 1111b der Talmud, seine Lebensqnelle, bleibt mit ihm bestehen . Ich will nun die Chronik schließen, und glaubt nicht, daß ich die wunderbaren Schicksale, welche meine Familie erlebt haben, zu weitschweifig erzählt habe. Erlaubt mir daher jetzt, von mir selbst 311 erzählen, und den Staub der Vergessenheit von einigen Begebenheiten, die meine Persönlichkeit betreffen, abzuwischen. HI. Da ersteht vor dem Auge meiner Erinnerungen eine mächtige Stadt, die weltberühmte Gemeinde, die ruhmreiche Kehilla — Amsterdam. Wie ein Nebel zerfließen und verschwinden die 246 Jahre, welche die Stunde meiner Geburt von den: heutigen Tage trennen. Ich sehe mich wieder zurückversetzt in die Straßen und in das Haus, wo ich das Licht der Welt erblickte. Ich sehe an meiner Seite die Gestalten berühntter Männer. Es war an einem Dienstag, vier Uhr Nachmittags. Ein heißer Sommertag war es, dieser 21. Menachem-Ab 5404 oder der;25. August 1644. Die Sonne brannte heiß hernieder, das hinderte aber einen Mann nicht, eiligen Schrittes soeben nur die Ecke der „Qude-schans" *) zu biegen, um sich über das hölzerne Brückchen nach der „Sint Anthonies Breestraat"2) zu begeben. Einen Augenblick blieb er nun stehen, lüftete etwas den breiten, dreieckigen Hut s) und wischte sich mit dem baumwollenen Taschentuch die Schweißtropfen von der hochgewölbten Stirn ab. Er schien in den mittleren Jahren zu stehen, denn seine vollen, langen Locken sielen bereits etwas ins Graue, dennoch war ihre blonde Farbe unverkennbar. Blond war auch der lange, breite Bart, der dem ganzen Antlitz etwas Ehrwürdiges gab. Die gebogene Nase, der kräftige Mund, das spitze Kinn, besonders aber die braunen tiefliegenden fingen Augen zeugten von Verstand und Geisteskraft. Er war nicht groß, seine Gestalt war vielmehr etwas gebeugt, doch flößte sie Ehrerbietung ein. In Gedanken vertieft, betrat er soeben die hölzeren Brücke. „Einen guten Tag, Rebbe", sprach ihn plötz- 1) Alte Schanze. 2) St. Antonius Breitestraße. 6) Eine Art Napoleonhut, der jedoch heute nicht mehr in Holland getragen wird. (Anmerk. d. Uebers.) lich eine tvohllautende Baßstimme an und eine kräftige, fleischige Hand, streckte sich ihm entgegen. Es sah auf. „Guten Tag, Reb Anschel," antwortete er ruhig, „Habt Ihr was Neues? Ihr lacht so?" „Was Neues"! rief Reb Anschel, ein kräftiger, gesetzter Mann, mit breiten, wohlwollenden Zügen und eineni .kleinen Bärtchen. „Was Neues. Ihr fragt noch, ob ich was „Neu's" Hab'. Bewadde Hab' ich was Neues, und Ihr gewrß und der Sennor Beuveniste auch, und Kol Jisroel dazu. Was Neues, Wie heißt! Maseltof sag ich Euch; Jisk« lerow Mizwos, Rebbe, noch viele Mizwohs sollt Ihr thun, und beösras Haschem all' die anderen Gemores und noch viele andere Seforim helfen mauzie leaur fein." Der gesprächige Reb Anschel schüttelte dem Manne kräftig die Hand. „So," sagte dieser, mit ruhigem, freundlichen Lächeln. „Ihr sprecht voin neuen Schas. Ja, heute morgen ist dieGemore broches fertig gestellt worden. Ihr habt schon davon gehört? Von wem denn?" „Gehört? Bewadde Hab' ich es gehört, Reb Oeri Pheibes hat mirs erzählt. Unsere ganze Kille weiß's schon. Jeder ehrliche Jehudi is sich mesameiach belew wenefesch. Die erste G emo re gedruckt in Amsterdam! Nach hundert Jahren wird man noch an den Kaf-ollef-Menachem denken. Und wir haben alle große Hanno-eh davon, daß unser Rebbe Awroom, Gott soll Euch maarich jomim weschonim sein, der Haupt nvv ist. Der Sesardi hat doch einen Lamden von uns haben müssen. Ich Hab' noch heut' morgen darüber gesprochen mit einem Reb Schimmon. „Ja, das ist auch wahr," siel der gesprächige Mann sich selbst in die Reoe, „wißt Ihr schon, daß gestern morgen drei Balbattinr aus der Oldenburger Gegend hierher gekommen sind mit Frauen und Kinder?" „Nein," antwortete der würdige Rabbi Awrohom lebhaft, „wie so?" „Wie so", wiederholte Reb Anschel, „was heißt: „Wie so?" Wie ihr und ich, wie wir alle. Ein Srore, ein Porez auf einem großen Ritterschloß hat sie fortgejagt, erst Geld weggenommen und geschlagen, dann fortgejagt. Sechs Wochen haben dann die armen Menschen unter dem freien Himmel gelebt, in kein Haus hat man sie hineingelassen, lleberall hat man se fortgejagt. Ein Kind ist ihnen gestorben vor Hunger. Die arme Mutter hat gestern Abend noch geweint, bidmoaus mar, aber doch hat sie dann gesagt: „Haschem jisborach hat's genommen, es is gut so." .... Und wo geht alles hin? Nach Holland, nach Amsterdam. Nun, boruch Haschem dafür. Ich geh' afille gerade hin nach die „Buitenkant" *) *) Anlegestelle der Hafenschiffe (Anm. der Uebers.)

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