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Der Israelit · 1896-10-05 · Heft 80 (5.10.1896) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 80 (5.10.1896)
Date
1896-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1528 Schiltzky war als Zeuge vorgeladen, jedoch nicht erschienen. Der Staatsanwalt beantragte deshalb die Vertagung der Verhandlung, wogegen der Vertheidiger bemerkte, daß er wohl gegen die Vertagung nicht ankämpsen kömre, jedoch den Eindruck habe, daß der Zeuge wohl nur ungerne erscheinen würde, da es ihm schwer fallen dürfte, als Zeuge vor Gericht auch zu behaupten, daß sich das Spucken und das ttnverständliche Geflüster des alten Juden auf die Statue des heiligen Johannes bezogen habe. Jedenfalls bitte er um Enthaftung des Angeklagten. Der Gerichtshof vertagte die Verhandlung unb verfügte die sofortige Enthaftung des Angeklagten. Rußland. Petersburg, 38. Sept. In der Ortschaft Diatlowka im Gouvernentent Grodno haben sich kürzlich in Folge eines Streites zwischen einem Bauern und einem Juden neuerdings antisemitische Excesse ereig- UCt. Im Verlaufe des Streites erlitt der Bauer, welcher epileptisch ist, einen Anfall seiner Krankheit und als er hinfiel, begannen die Bauern des Ortes, welche glaubten, daß ihr Genosse von dem Juden getödtet worden sei, sofort eine regelrechte Judenhetze, indem sie alle Gefchäftsladen der Juden plünderten. Die Wuth der Bauern nahm bald so große Dimensionen an, daß sie sich auch gegen die behufs Nuhestiftung erschienenen Polizei-Agenten und ihren Anführer, den Polizeikommissar Russanow, zur Wehre setzten. Sie griffen den Kommissär selbst an, eilt rissen ihnr seinen Säbel, so daß sich dieser nur durch die Flucht in einen Kaufmannsladen retten konnte. Von dorkonnte er das Dach eines benachbarten Hauses erreichen, aber auch da war er vor der Wuth der Bauern nicht sicher. Sie wollten ihn steinigen und thatsächlich wurde er am Kopse durch einen Stcinwurf verletzt. Er wurde schließlich nur dadurch gerettet, daß eine Anzahl besonnener Leute das betreffende Haus umgaben und ihn dann, trotz aller wilden Verwünschungen seitens der anfgereizten Menge, sicher nach Hause brachten. Nun begannen die Bauern seine Wohnung zu belagern und nur ein zufälligerweise eingetretener Regenguß, der sic zwang, den Platz zu verlassen, verhinderte ein größeres Unglück. Ritssanow muß mm das Zimmer hüten, da er nebst seiner Kopstvunde sich auch bei dem Sprunge voll dem Dache des Hauses, aus welches er sich geflüchtet hatte, einen Fuß verstaucht hat. Die Verhandlung gegen die Ruhestörer, deren Zahl siebzig beträgt, wovon fünf die Anstifter der Unruhen waren, wird demnächst vor dem Gericht in Grodno stattsinden. Friedrichstadt, (Kurland.) Kürzlich starb hier der russische Geistliche Waßily Charitanowöky, mit deffen Tod die Sache der Bürgereintracht und oer Nächstenliebe einen ihrer wackersten Vorkämpfer verloren hat. Der Heimgegangene war ein wahrer Geistlicher: er begnügte sich nicht damit, von der Kanzel herab Liebe zu predigen, sondern war stets bemüht dieselbe auch im Leben zit bethätigen. Kein Armer, ob Jude oder Christ, hat vergebens an seine Thüre geklopft, keiner ihn erfolglos um Hülfe angegangen. Seine Gesinnungslauterkeit hat er vor einigen Jahren in einer Stadtverordneten-Versammlung offenbart. Vierzig arme jüdische Familien, welche, weil sie aus Lithauen gebürtig sind, von hier auSgewiesen werden sollten, halten sich an die Stadtverwaltung mit der Bitte gewendet, beim Gouverneur für ihr Verbleiben zu petitioniren. Einige Stadtväter beantragten diese Bitte abzuweisen, da der Stadt durch das Verbleiben von 40 armen jüdischen Familien kein Nutzen erstehe. Diesem Antrag trat nun Priester Chartinowsky mit folgenden Worten entgegen, deren Wiedergabe uns als das schönste Ruhmesblatt, das wir auf der Bahre des Heimgegangenen niederzulegen vermögen erscheint: „Gerade weil sie arme Juden sind, müssen wir sie hier behalten. Wären sie mit Mitteln versehen, würde es ihnen nicht schwer fallen, anderswo ein Unterkommen zu finden. Aber Unglückliche, aller Mittel baar, in die weite Welt hinausjagen, entspricht das der Predigt: „Liebet Euch Einer den Anderen?" Nicht ausweisen, sondern unterstützen müssen wir sie! . . ." Wie der Dahingeschiedene bei seinem Leben keinen Unterschied zwischen den Bekennern der Religionen kannte, sondern in den Menschen, nur den Menschen sah, so wird auch sein Andenken in den Herzen Aller über das Grab hinaus fortleben. England. London. Das vornehmste Tagesblatt der englischeil Arbeiterpartei „Daily Chroniele" bringt an der Spitze des Localberichtes eine recht interessante Notiz, welche für das vortreffliche Einvernehmen zwischen christlichen und jüdischen Bürgern in England bezeichnend ist und weite Beachtung verdient. Gestern Abend, heißt es da, begann das Neujahrsfest unserer jüdischen Gemeinde, denn heute ist der erste Tischri des Jahres 5657. In allen Synagogen und in vielen Räumlichkeiten, welche für diese Tage verwandelt werden, haben sich Juden zum feierlichen Gottesdienste eingefundeil. Bei dieser Gelegenheit erhalten wir von Mr. Simon Cohen im Namen des Beth- Hamidrasch Lomdi Thora folgenden lieben Gruß: „Zmn jüdischen Neujahre gedenkt die kleine jüdische Gemeinde dieses Bethauses der großmüthigen Unterstützung und Theilnahme, welche der „Daily Chroniele" allen das Judenthunr betreffenden Fragen entgegenbringt und drücken daher den Eigenthümern und Herausgebern dieses Blattes ihren besten Dank aus; zugleich wünschen sie ihnen zum neuen Jahre Gesund-

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