Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-10-01 · Heft 78-79 (1.10.1896) · page 28

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 78-79 (1.10.1896)
Date
1896-10-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448679--42586-2491594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1514 wurf nicht erspart werden, daß er sein Material, mit welchem er die Kolonie gründen wollte, schlecht gewählt hatte, es scheinen fast alle träge, arbeitsscheue Leute gewesen zu sein, welche zu murren begonnen, alS sie sahen, daß sie nicht in einem Lande wo Milch und Honig fließt, als sie zur ersten wirklichen Arbeit angehalten wurden. Es drohte durch Rosnowitsch und Schwarz ein Aufstand im Lager zu entstehen, man mußte sie so schnell als möglich aus demselben entfernen. Daß man in der Wüste keine Mittel hat, einen Menschen unschädlich zu machen, wie in Berlin u. s. w., ist sicher. Aber der Vorwurf ist Friedmann zu machen, daß er den R., als er zurückkehrte und um Verzeihung bat, ohne einen Bissen Brod oder einen Schluck Wasser fortschickte. Zur Verjährung sei bemerkt, daß der Israelit auch in Egypten gelesen wird, aber nicht öffentlich, hauptsächlich im israelitischen Klub, daß F. in diesen ging, ist nicht anzunehmen, wohl aber, daß er erst in Europa Kenntniß von den Artikeln erhielt. Da die Artikel für F. sehr unangenehme Folgen hatten — die Erhebung einer Anklage wegen Mordes, — eine kleine Geldbuße den Angeklagten nicht treffen würde, wird dieselbe auf 50 Mk bemessen, die Veröffentlichung des Ur Heils im „Israelit" in demselben Druck und an derselben Stelle, wo der Artikel gestanden, verfügt. * * * Aus dieser Verhandlung dürfte, trotzdem wir nun schon der so und so vielste Redacteur sind, der auf Veranlassung Friedmanns wegen Beleidigung verurtheilt ist, zur Genüge hcrvorgegangen sein, daß das Friedmann'sche Unternehmen wohl durch dessen eigene Schuld vollkommen mißlungen und gescheitert ist, sowie, daß es von vornherein als ein verfehltes und unmögliches Project betrachtet werben mußte, dem wohl eine guie Absicht zu Grunde lag, das auch mit großer Opferwilligkeit in's Werk gesetzt wurde, aber einen durchaus phantastischen Charakter hatte. Diese Thatsachen wurden durch die Unzahl von Preßprozessen, die Herr Friedmann beharrlich zu führen beliebte, nicht nur nicht aus der Welt geschafft, sie wurden im Gegentheil durch dieselben dem Publikum immer wieder in's Gedächtniß gerufen. Feuilleton. Ais den Mewsttkll einet alten Knochss-Gkwon. Von ihr selbst erzählt. Von T. Tal, Oberrabbiner im Haag. (Autorisirte Ueberfetzung aus dem Holländischen von Alexander Baum, Berlin.) ^Nachdruck verboten.^ II. Als nach dem zweiten Fall Jerusalems, Israels Glaubensgesetz allein die Kraft und die Stütze des Fortbestandes des Volkes Israel bildete, fingen die Anhänger des Judenthums an, die organifirte Erklärung in systematisch-deutlichen Gesetzesartikeln auszudrücken, denn die Erklärung war hier und da in ihrer mündlichen Ueberlieserung unsicher geworden, daher die Diskussionen. In neueren Fällen war die organifirte Erklärung die Quelle neuer Komplikationen und Bestimmungen. aber führten oft zu Zweifeln und Streitigkeiten zwischen den Schriftgelehrten. Es war mehr als hundert Jahre, nachdem Titus, der Feldherr Roms, den zweiten Tempel hatte verbrennen lasien, ungefähr im Jahre 180 unserer Zeitrechnung, also jetzt über 17 Jahrhunderte, daß einer der angesehendften Gelehrten Israels, „Rabbi Jehuda der Fürst," die neu geordnete Erklärung zum organisirten Gesetzbuch bildete, zu einem großen Ganzen, die Mischna, genannt, ein Buch in sechs Theilen und 63 Unterablheilungen oder Traktate. Der erste Theil, ayn tib mro, handelt von Lobsprüchen, Gebeten und Gesetzen über den Landbau Der zweite, -wb y-o, von der Sabbbatfeier und den Festtagen, der dritte, bmm *hd, von den Heirathsgesetzen, der vierte, ppnj mo, von civilen und criminalen Rechts - sprüchen, der fünfte, nnsnp -no, von den Opfern und Heiliglhümern, der sechste, rwiiv v®, von rein und unrein. Ich denke, viele unter euch kennen wohl zum Mindesten von Ansehen diesen alten Erzvater meiner Familie, „die Mischna." Was besonders die große Kraft der Mischna bildete, das war ihre allgemein anerkannte Autorität und Bedeutung. Tie Schriftgelehrten, welche nach dem zweiten Tempel lebten, wenn auch vor dem Ende der Ausarbeitung, und deßhalb zu dem Entstehen der Mischna direkt oder indirekt mitgewirkt hatten, werden die Tannaim genannt, die entscheidenden Lehrer Israels. Diejenigen, welche nach der Ausarbeitung auftraten, um nun willkürlich an dem Zustandekommen des Talmuds milzuarbeiten, heißen die Amoräim, die besprechenden Lehrer Israels. Das Studium der organisirten Erklärung lebte jetzt mit erneuter Kraft wieder auf, hauptsächlich auch im babylonischen Lande. Es entstanden Vereine, Lehrhäuser und hohe Schulen, und alle kamen, Groß und Klein, Arme und Reiche, der einfache Handwerker und der weise Denker, um zu lernen. Man studirte und dispuürte in Versammlungen, zu Hause und auf der Straße, man stellte stets, die Mischna als Leitfaden betrachtend, die Grundsätze des organisirten Gesetzes fest und zog daraus weitere Folgen. Man sprach dabei über allerlei Wiffenschaften, über Geschichte, Naturgeschichte, auch der Scherz fand seine Rechnung. Man hielt gelehrte Vorträge, stellte Lehrsätze auf, vertheidigte dieselben, verirrte sich auch dabei oft auf andere Gebiete, oder fern liegende Gegenstände.Nun, das alles ist der Talmud. Bald jedoch hätte ich, geehrte Leser, vergessen, euch auf einen sehr wichtigen Umstand aufmerksam zu inachen. Ich sprach von dem Buche der Mischna, diese war aber nicht ausgeschrieben, sondern lebte im Gedächtniß der Gelehrten. Wenn auch dieser oder jener für sich eine Reihe von Sentenzen aufnotirt hatte, so änderte das an der Thatsache nichts, denn die Mischna, als autorisirte Grundlage der Halacha, wurde nur auswendig gelernt und gelehrt. Mit den Besprechungen, welche den Talmud bildeten, war es auch so. Vor ungefähr 1500 Jahren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.