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Der Israelit · 1896-10-01 · Heft 78-79 (1.10.1896) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 78-79 (1.10.1896)
Date
1896-10-01
Page
– (sequence 29)
Language
German
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1515 entschloß Rab Aschi, das Oberhaupt der Hohen Schule zu Sura, alle Besprechungen und Entscheidungen aus Halacha und Agada, welche durch aufeinander folgende Geschlechter in den letzten 300 Jahren zu einer stets anwachsenden Masse von Traditionen angesammelt waren, zu sichten, alsdann abzuschließen und zu einem großen, aber geordneten Gebäude zu formen. Während 30 Jahren kamen aus allen -Gegenden Babyloniens die Gelehrten zwei Monate des Jahres zusammen. Da wurden alle Sentenzen aus Rabbi Jehuda's Mischna noch einmal besprochen und zwar in ihrem Zusammenhänge zu der Thora und zu der organisirten Entscheidung. Nicht nur wurde das ganze halachische Material behandelt, auch die Agada wurde dort gesammelt, poetische Herzensergießungen, Allegorien, Verserklärungen, Gleichnisse, merkwürdige Vorkommnisse, ja alles, was aus dem Gebiete des jüdischen Studiums und jüdischen Gefühlslebens bedeutsam war. Dies alles um die Mischna gruppirt, bildete eine Riesenarbeit, aber ausgeschrieben wurde es nicht. In Palästina ging man noch rascher als in den babylonischen Schulen dazu über, die Halacha regelmäßig aufzuschreiben. Ein halbes Jahrhundert noch nach dem Tode Rab Aschi's währten in Babylon diese Besprechungen, die Zusammensetzung des Talmuds. Ungefähr im Jahre 500 fing man unter Rabina, er war der Letzte der Amoraim, an, das Riesenwerk abzu-- schließen, das Ende dieser lebendigen Protokolle eines Geisteslebens dreier Jahrhunderte — aber niedergeschrieben wurden sie nicht. Es wird auch dieses in der Thal in Erstaunen setzen, aber der Talmud ist ein Buch, welches nicht gemacht wurde, sondern entstanden ist, welches als geschloffenes Geisteswerk im Gedächtniffe lebte, ein Jahrhundert, bevor eS schriftlich erschienen war. Erst in einem späteren Zeitalter, in dem der „Saburaim" ungefähr int Jahre 600, wurde der Talmud niedergeschrieben. Es kamen 87 Bücher zu Stande, worin das ganze Geistesleben der aufeinander folgenden Geschlechter der Ueberlieserer der mündlichen Tradition enthalten ist. Alles, was diese Gelehrten entschieden, erklärt und erzählt hatten, ihre Gesetze und Entscheidungen, ihre Gedanken und ihre Lebensweise, ihren Scherz und ihren Ernst, wie sie dachten in der Arzueikunde und Naturbetrachtung, über Geschichte und Mathematik, über Astronomie und Metaphysik, was sie dem Volke predigten, ihren Schülern lehrten, das alles findet ihr da, und es ist durchdrungen vom Geiste des Judenthums nach der schriftlichen Lehre und mündlichen Ueberlieferung Israels. Wohlan, dieses große Buch mit seinen 37 Theilen, in welchem die nv by'zw mm, Israels mündliches Gesetz enthalten ist, woran man 4 Jahrhunderte lang gearbeitet hat, dieses Werk, diese zur Handschrift gewordene Tradition, diese zum Buch geworden Schule, das ist mein Haus, meine Familie, das ist die mw, der Talmud, das sind die 37 Brüder, von denen ich die Ehre habe, der Erste zu sein. Ich, alte nivrmm bin ein Exemplar des ersten Theils des Talmuds. Nicht wahr, ihr Leute, ihr bringt mir jetzt doch einen ehrerbietigen Gruß in Gedanken, wäre es nur allein aus Achtung für meine hohe und edle Abkunst, für meine Würde, meinen Stand, für das ehrwürdige Alter meines Hauses, welches vor 1400 Jahren entstanden ist. Aber, hochgeachtete Leser, wie viel größer würde eure Ehrerbietung sein, wenn ihr erst die Annalen meines Hauses kennen würdet! Wahrlich, ich wollte euch gern erzählen, was der rrivr seit ihres 1400 jährigen Bestehens bis auf diesen Tag geschehen ist. Stunde um Stunde würde verrinnen, euere Augen würden sich vor Müdigkeit schließen, ihr würdet matt eure Köpfe hängen lasten, und ich würde noch lange nicht zu Ende sein mit meiner Erzählung. Kein Buch kann aber auch so viel erzählen, nicht allein von Ehre und Würde, die ihm widerfahren, nein, auch von Unglück uttö Schimpsi welche es auszuhalten hatte. Einerseits wurden wir Talmudbücher mit Ehrfurcht begrüßt, mit Liebe und unbeschreiblichem Eifer Tag und Nacht studirt, anderseits sahen wir uns tief verachtet und bitter erniedrigt. Hier wurden wir in Saffianleder gebunden und mit vergoldeter Einfassung und glänzenden Schlöffern geschmückt, dort wurden wir in Stücke zeriffen, verbrannt, mit Füßen getreten. Hier wurde unser Lob mit Kraft verkündet, dort wurde es als der Fluch und das Verderben des Judenthums ausgeschrieen. Doch hört selbst einiges aus meiner Familienchronik! Im 7., 8, 9, und 10 Jahrhundert wurde der Talmud in den babylonischen Ländern, in Arabien, Syrien, unter Leitung der Gaonim als der Boden des Judenthums angesehen, als ein hehres Banner geehrt und hochgehalten. Und wenn auch die Karaiten aufstanden und die Göttlichkeit der Ueberlieferung und den Werth des Talmuds leugneten, ja, wenn auch einige Nationalisten sich ihnen anschloffen, es schadete der Größe des Talmuds nichts, er ist das Band des ganzen, über Asien, Afrika und Europa, verbreiten rabbinischen Judenthums. Etwa im Jahre 1000, als der Glanz des asiatischen Judenthums verblaßt war, und Israels Geistesleben sich nach Europa verpflanzte, da steht in Frankreich, Deutschland, Spanien das Studium des Talmuds in hoher Blüthe, er bildet die Kette des geistigen Lebens in allen Gemeinden Israels. Bei dem Jahre 1070 findet sich eine mit einem Kranz geschmückte Seite im Talmuo. Zu dieser Zeit erschien der kostbare, unentbehrlich gewordene Kommen-

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