Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 78-79 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
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1512 Haben. Im Gegentheil sei Friedmann in jeder Beziehung immer sehr freundlich und human gegen die Leute gewesen. Die Verlesung derAussagen nahmen einigeStunden inAuspruch. DieColonisten wurden, wie die Aussagen bekunden, in Krakau angesammelt und zunächst nach Suez gebracht. Bis zu diesem Zeitpunkte war Behandlung und Verpflegung derart, daß keine Veranlassung zur Klage vorhanden war. Ueber den Fall Nosnowitsch wird Folgendes berichtet: Eines Tages in der Wüste bemerkte Thiele — einer der Offiziere des Friedmann — wie Rosnowitsch dasaß und nicht arbeitete. Zur Rede gestellt sagte er, er könne vor Hunger nicht arbeiten: daraufhin soll ihn Thiele mit der Peitsche geschlagen haben. Ein großer Theil der Zeugen Halle den Eindruck, daß N wirklich arbeitsunfähig vor Ermattung war und nicht etwa blos faul. Abends erzählte dann Thiele dem Baron von Seebach von dem Vorfall, worauf dieser den N. aussuchte, ihn ebenfalls mit der Peitsche schlug und aus dem Lager jagte. Friedmann war hierbei nicht zugegen. Dasselbe Schicksal hatte Schwarz zu thcilcn, welcher zu Seebach sagte, daß wenn er den R. schlüge und fortjagte, so möchte er das Gleiche mit ihm thun. Am nächsten Tage kam Nosnowitsch wieder, fnl vor Friedmann in die Knie, bat um Verzeihung und flehte um Brod und Wasser. Als Antwort darauf trat Friedmann den vor ihm Knieendcn mit Füßen und ließ ihn wieder Hinaustreiben. Abends kam R. dann nochmals und zwar aus einem Kameel und erneuerte bei Friedmann seine slehendliche Bitte; auch diesmal erhörte ihn Friedmann nicht und ließ ihn durch Seebech und Thiele abführen. Diese nahmen ihn bei den Armen, führten ihn aus dem Lager fort und nach dem Gebirge zu. 'Was dann mit R. geschehen, will Keiner gesehen haben. Einer der Zeugen, die Schildwache, erzählte, daß einige Zeit darauf Seevach vom Gebirge her zurückgckommen sei, augenscheinlich sehr aufgeregt; er habe gesehen, wie Seebach einen Dolch von Blut reinigte. Ein Beduine erzählte dann noch den Leuten, wie er an dem Abend gesehen, daß Seebach und Thiele einen Leichnam in einen Sack steckten und ins Meer versenkten. Viele sagen, daß sie sich nie gegen Friedmanns Behandlung und dessen Leute auf elehnt hätten. An» Tage nach dem Verschwinden des Rosnomitsch rief sie Friedmann aus eigenem Antriebe in seinem Zelte zusammen und erklärte ihnen, sie hätten noch 4 Wochen zu marschieren, und sie sollten sich bis zum nächsten Tage schlüssig macken, ob sie ihm folgen wollten; wer ihm folge, hätte ihm jedoch unbedingt zu geborchen und wer sich über die Verpflegung beklage, werde todtgeschossen. Am nächsten Tage versammelte Friedmann wieder die Leute in seinem Zelt, um ihre Antwort zu hören; er hatte sich eine glänzende Uniform angezogen, vor ihm lag ein Revolver, neben ihm standen Seebach und Thiele. Als sie Alle erklärten, daß sie ihm nicht weiter folgen wollten, wurden sie aufgefordert, ein Schriftstück zu unterzeichnen, dessen Inhalt ihnen unbekannt war. Als Einige sich weigerten und den Inhalt wissen wollten, erklärte Thiele und Seebach: sie hätten zu unterschreiben, sonst würden sie todtgeschlagen. Die oben erwähnte Nahrung, die verabreicht wurde mar gänzlich unzureichend, um bei der anstrengenden Arbeit und der Hitze bei Kräften zu halten. Das ist im Großen und Ganzen der kurz wiedergegebene Inhalt der von uns beigebrachten Zeugenaussagen. Der Vertreter drS Vertagten, Herr RechtSanwalr Dr. L ö b, beginnt mit der Bemerkung, daß von dem großen philantropischen Projekte deS Herrn Friedmann nur ein Rattenkönig von Prozessen übrig geblieben, in denen Herr Friedmann allerorts seine Ehre zu repariren suchte. Derselbe widerlegt dann die Behauptung deS Gegners, daß die ganze Sache uns überhaupt nichts anginge. Wir seien nicht nur Mitglied deS hiesigen ComitöS zur Beförderung auSgewiesener russischer Juden gewesen, wir hätten auch den Sitzungen des Frankfurter CentralcomitöS beigewohnt und mit dem Berliner Comitö in eifriger Korrespondenz gestanden. Da wir nun so an der Spitze der humanitären Bewegung standen, welche die Auswanderung der Unglücklichen in die richtigen Bahnen leiten sollte, so wäre eS für uns von höchstem Interesse gewesen, dafür zu sorgen, daß nicht etwa ein Unberufener Versuche anstelle, welche den Mißerfolg an der Stirne tragen und hierdurch die Schleusen der Wohlchäiigkeit, welche damals in außerordentlichem Maaße in Anspruch genommen werden mußten, zu verstopfen. Er machte demgemäß den Schutz des § 193 für uns geltend. Die ehemaligen Friedmann'schen Kolonisten sind dann auch thatsächlich dem genannten Comitö zur Last gefallen. Einige sind nach Amerika, einige anderswohin geralhen. Lehmann hat das vorausgesehen. Redner weist dann die Unterstellung zurück, man habe Friedmann lächerlich machen wollen, eS seien nur Thatsachen behauptet worden. Das Ganze war ein ungeschicktes abenteuerliches Projekt. Ein solches Unternehmen, das den Keim sein? 8 Mißlingens in sich trug, mußte man als rin Abenteuer ansehen. Der Beklagte hatte mehrere Artikel von christl. Seite gebracht, in denen alles gelobt wurde, die Leiter und die Ansiedler; da war keine Rede von arbeitsscheuem Gesindel, es waren lauter gesittete und anständige Menschen. Nachher kommen dem Herausgeber aus Alexandrien andere Nachrichten, er stand vor der Frage: „Aufnehmen oder nicht." Endlich kommt der Artikel von einem Manne in Alexandrien, der schon mit dem Vater des Angeklagten in Verbindung stand, den er schon seit 30 Jahren als angesehen, anständig und ehrenwerth kennt, er muß den Bericht auch als wahr betrachten, dessen Darstellung zu bringen hielt er sich verpflichtet. Er hat demselben nichts hinzugesetzt, keine persönliche Gehässigkeit, oder Aehnliches hineingetragen, das geschah am 4. Febr. Was nun kommt, sind Zeitungsstimmen, größteniheils auS der „Neuen Freien Presse." Sie sind nicht einseitig, auch das, was zu seinen Gunsten spricht, wird erwähnt, von beleidigender Absicht kann nicht die Rede sein; nur Thatsachen werden berichtet. Der Beklagte war Comitämitglied, als solches berechtigt, zu berichten, wie er gelhan; sein Blatt wirkt gerade für die betreffenden Kreise. Wenn man berücksichtigt, daß es ihm nicht darum zu ihnn war, dem Unternehmen zu schaden, daß eS ihm subjectiv nur darum zu thun war, Thatsachen wiederzugeben, fehlt die Absicht zu beleidige«. War Beklagter überzeugt, der Wahrheit zu berichten, muß Freisprechung erfolgen. Den Wahrhesisbeweis glaube ich vollständig erbracht zu haben. Man muß einen Unterschied machen zwischen den Zeugen, welche dabei waren und denen, die aus der Ferne beobachtet haben. Es sind von denen, die dabei gewesen, meistens Lager- und Wüstensceneu berichtet. Bon dem Arzte Landmann, welcher den Dingen und Ereignissen ferner gestanden, sind eine Reihe von Briefen verlesen. Allmählig hat sich sein Urtheil sehr verlchoben. Erst schildert er Friedmann als einen der „edelsten, milbthätigsten" Menschen, dann kommt er zu dem Urtheil, daß Friedmann ein nervöser, aufgeregter Mensch ist und kann Manches nicht billigen, was Friedmann gemacht hat. Merkwürdig ist, daß Thiele und von Teebach nicht als Zeugen geladen sind; die Zeugen, die selbst theilgenommen, sind nur Juden, natürlich sehen die Dinge ganz anders aus in der Nähe, wie in der Entfernung, namentlich, je nachdem man dabet Hammer oder AmboS ist. Thiele und Seebach waren zuerst im Deutschen Colonialdienst, sie scheinen nicht gerade die besten Kräfte zu sein, daß sie sich in Privatdienst begaben; sie hatten mit Schwarzen Verkehren gelernt, aber hier hatten sie mit ganz anderem Menschenmaterial zu thun Friedmann hatte sich erinnert, daß Moses die Juden 30 Jahre in der Wüste behalten hatte, um eine andere Generation heranzubilden. aber er vergaß, daß die Leute nicht in 5 bis 6 Wochen zu anderen Menschen zu machen sind. An Stelle der Aufmerksamkeit, welche er den Leuten auf dem Bahnhofe zu Berlin