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Der Israelit · 1896-10-01 · Heft 78-79 (1.10.1896) · page 25

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 78-79 (1.10.1896)
Date
1896-10-01
Page
– (sequence 25)
Language
German
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XXXVII. Jahrgang. Dritte Keil, j# M 78 i 79 des „Israelit". Leitender Artikel. Die „erfolgt" Du MkDmM-CoIMc. (Prozeß des Herrn Paul Friedmann gegen den Herausgeber des „Israelit".) Mainz, im September. Die geehrten Leser des „Israelit" haben gewiß schon zum großen Theil aus den Tagesblättern erfahren, daß der von Herrn Paul Friedmann gegen uns vor 41/* Jahren angestrengte Beleidigungsprozcß nunmehr sein vorläufiges Ende erreicht hat und zwar mit der Verurtheilung des Herausgebers dieser Blätter zu einer Geldbuße von 50 Mk. und Publication des Urtheils im „Israelit". Zur Orientirung der geehrten Leser über die so weit zurückliegenden Thatsachen sei Folgendes mitgetheilt: Im Sommer des Jahres 1891 wurde die jüdische Oeffentlichkeit durch die Mittheilung überrascht, daß Herr Paul Friedmann in Berlin die hochherzige Absicht habe, einen Theil der heimathlosen russischen Juden in dem alten Midian an der Ostküste des rothen Meeres anzusiedeln. Herr Friedmann hatte in einer besonderen Schrift die Vorzüge des von ihm in Aussicht genommenen Eolonisationsgebietes hervorgehoben und zugleich mitgetheilt, daß er die Kosten des Unternehmens vollständig aus eigenen Mitteln bestreiten werde. Kenner der geographischen Verhältnisse jenes Küstenstriches hegten allerdings ernste Bedenken, ob derselbe sich für Ansiedelungszwecke eigne, ob speciell die russischen Juden den ihrer dort, am Saume der Wüste, in sonnenverbrannter, unwirthlicher Steppe, harrenden Strapazen gewachsen sein würden, und endlich, ob die vorwiegend in Aussicht genommenen, ja fast allein möglichen Betriebe, Fischzucht und Perlenfischerei, die Gewähr für ein lukratives Gedeihen und somit für einen dauernden Bestand der Niederlassung zu bieten vermögen. Vergegenwärtigt man sich jedoch den Ernst jener Tage, in der die brennende Sorge, wo für die gehetzten Brüder Heimstätten gefunden werden könn>n, im Vordergründe des öffentlichen Interesses stand, so wird es begreiflich, daß auch die ängstlichsten Skeptiker davor zurückschreckten, durch vo zeitige Kritik ein Unternehmen zu gefährden, über dessen Verwirklichungsmöglichkeit und Prosperität sie vielleicht doch im Jrrthum waren. Diese Zurückhaltung schien um so ernstere Gewissenspflicht, da Herr Friedmann mit bewundernswerther Hingebung nicht nur reiche Mittel in den Dienst seines Projektes zu stellen sich bereit erklärte, sondern in beschwerlicher Reise Untersuchungen an Ort und Stelle vorgenommen hatte und dann allen irgend in Betracht kommenden Instanzen, welche an der Emigrationsfrage führend Antheil nahmen, der Alliance israölits universelle, der Anglo Jewish Assosiation rc, über seine Intentionen und die Art, wie er dieselben zu verwirklichen gedenke, Mittheilung gemacht hatte. Nun wurde zwar, unter dem Drucke der genannten Bedenken, von ke ner jener Instanzen eine unmittelbare Mitwirkung zugesagt, wohl gar nicht gefordert, aber auch kein Widerstand verlautbart, und da diese berufensten Beurtheiler schwiegen, mußten minder Kundige sich um so mehr zur Zurückhaltung verpflichtet fühlen. Im September 1891 trat die Expedition von Hamburg aus auf dem Dampfer „Israel", welchen Herr Friedmann angekauft und ausgerüstet hatte, die Fahrt nach Midian an. Es waren 46 Kolonisten, darunter mehrere Frauen und Kinder, zumeist aus Galizien, zwei Schächter, ein Offizier (Major von Seebach), zwei Unteroffiziere und Herr Friedmann selbst, der in Steigerung seiner Hochherzigkeit nicht nur die Expedition begleitete, sondern Freud' und Leid mit derselben zu theilen entschlossen war. In Suez schlossen sich der Arzt, ein Chemiker und Photograph an. Die Umsicht und Gewissenhaftigkeit, mit welcher die Expedition ausgerüstet wurde, ließ eine Weile die Bedenken verstummen, man begann das Beste zu hoffen und glaubte, daß jenen Pionieren, wie dies beabsichtigt war, in nicht ferner Zeit größere Nachschübe würden folgen können. Bereits im September 1891 veröffentlichten wir den Bericht eines Nichtjuden, eines Thurgauers, des Herrn Alfred Kaiser, der mit seiner Frau die Kolonie besuchte und sich in den lobendsten Ausdrücken sowohl über die Einrichtungen des Herrn Friedmann, wie über die Opferwilligkeit, den Fleiß und die Disziplin der jüdischen Kolonisten erging. Aber nur allzu bald folgte eine jähe Enttäuschung. Bereits im Januar 1892 brachten egyptische Zeitungen allarmirende Nachrichten über das Schicksal der Expedition, welche überhaupt nicht an ihr Ziel, sondern nur bis 8eberm el-Moye (an der Südspitze der Sinai-Halbinsel) gelangt und dort völlig zusammengebrochen, so gut wie aufgelöst sei. Als Grund wurden Gräuelscencn, unmenschliche Behandlung der Kolonisten, deren einer sogar in den Tod getrieben worden sei rc, angegeben. Als nun gar unser Correfpondent in Alexandrien, welcher uns seit fast einem Menschenalter als ehrenhaft und zuverlässig bekannt war, Schilderungen von dem Treiben in den Kolonien machte, die geradezu empörend waren, hielten wir es für unsere heilige Pflicht, diese Vorgänge der Oeffcntlichkeit nicht zu entziehen. Und unsere Mittheilungen hatten denn auch die nöthige Wirkung. Ein Schrei der Entrüstung ging durch die gesammte Presse des In- und Auslandes, und wenn wir mit unseren Nachrichten weiter nichts erzielt hätten, als daß ähnliche Versuche mit unseren armen geplagten Brüdern in Zukunft nicht mehr gewagt wurden, — die durch die Verfolgung Friedmanns uns bereitete Aufregung und Strafe wäre durch dieses Bewußtstin vollständig ausgewogen. Nachdem die Kolonie verkracht war, kehrte Herr Friedmann nach Europa zurück. Durch die genannten Artikel fühlte sich Herr Friedmann beleidigt und strengte gegen eine ganze Reihe Blätter, namentlich gegen uns, Klage an, welche heute durch Urtheil zu Ende ging. Von verschiedenen Seiten wurden eine große Reihe von Zeugen vernommen. Die Verhandlung fand vor dem hiesigen Schöffengericht unter Vorsitz des Amtsrichters Härtner statt. Zunächst suchte der Anwalt des Privatklägers in längerer Rede das Strafbare unserer Handlung nachzuweisen. Derselbe stützte sich hauptsächlich auf die Thatsache, daß wegen des gleichen Vergehens bereits ein Berliner Blatt, das dieselben Berichte wiedergab, mit 20 Mark Geldstrafe belegt wurde. Für uns erwarte er eine bedeutend höhere Strafe, weil erstens der „Israelit" weit verbreiteter sei wie das erwähnte Blatt und zweitens, weil wir eine größere Anzahl diesen Gegenstand betreffende Artikel wie jenes gebracht hätten. Es fand hierauf die Verlesung der Zeugenaussagen statt. Die Zeugen, die ehemaligen Midiancolonisten, sind in alle Wcltthelle zerstreut und es bedurfte eines Zeitraums von beinahe fünf Jahren, bis die Abschriften der Aussagen alle hier eingegangen waren. Der größte Theil der Zeugen bestätigte vollinhaltlich die von uns gebrachten Berichte, namentlich. daß die Herren Vorgesetzten von der Peitsche recht ausgiebigen Gebrauch gemacht hätten. Dagegen will ein anderer Theil der Zeugen von alledem nichts gesehen und gehört

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