Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 78-79 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448679--42576-2491584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1504 rechtigung an kann die nationale Einfügung der Juden geprüft werden, und bei ehrlicher Vornahme dieser Prüfung kann nicht bestritten werden, daß diese Einfügung überall vollzogen ist. Der Verfasser leitet sein Urtheil zum Zweiten daraus her, daß die jüdischen Kaufleute von Alters her mit Vorliebe nach allen Handelsmittelpunkten gezogen sind. Das aber haben sie mit den Kaufleuten aller Länder und aller Zeiten gemein, und in dem Sinne müßte man allen Kaufleuten den Sinn für ein Nationalbewußtsein absprechen, die auf internationale Handelsverbindungen ein Hauptgewicht legen. Auch sonst sind die gezogenen Schlußfolgerungen vielfach recht einseitige. Der Verfaffer nennt die Stellung der Juden im Mittelalter eine bevorzugte, weil sie als öffentliche Darleiher privilegirt waren. Das entspricht aber nur der sonstigen zünftigen Vertheilung der Gewerbe, und der größeren Gelegenheit zur Erwerbung von Reichthum durch übermäßiges Zinsnehmcn haben die höheren steuerlichen Ansprüche gegenübergestanden, die mannigfachen Schatzungen, die in dem Werke auch aufgezählt sind und welche vielfach die wucherische Entartung geradezu veranlaßt haben; ferner sind mehrfach zwangsweise Schuldstreichungen und schließlich sogar direkte Vermögenskonfiskationen erfolgt. Von einer bevorzugten Stellung kann auch nicht wohl die Rede sein angesichts der mannigfachen Judenkrawalle, denen jedesmal eine große Anzahl von Juden zum Opfer. gefallen sind. Der Verfasser schreibt diese Verfolgungen wirthschaftlichen Motiven zu, diese mögen mitgewirkt haben; den äußeren Anlaß aber boten jedenfalls religiöse Hetzereien, speziell das Märchen vom Blutaberglauben, die in den Pestzeiten verbreiteten Erdichtungen von der Vergiftung der Brunnen und Quellen durch die Juden u. dgl. m. Solche Judenverfolgungen, die reich waren an Schreckensszenen aller Art, werden erwähnt aus den Jahren 1096, 1146, 1195; dann 1241, wo u. A. in Frankfurt a. M. bei einem Aufruhr gegen die Inden 150 Personen durch Feuer und Schwert umkamen, und 1348 und 49, wo die Krawalle den größten Umpfang annahmen. Seit Ausgang des 14. Jahrhunderts fand auch eine zunehmende Beschränkung der Judengemeinden statt, ihre Kasernirung in besonderen Judenvierteln und theilweise Austreibung aus den Städten. Erft im 18. und 19. Jahrhundert hat sich hier wieder der Umschwung vollzogen, der schließlich zur staatsbürgerlichen Gleichberechtigung geführt hat. (Aus der ^Frankfurter Zeitung mit freundlicher Genehmigung de<Redaktion). Die Ieschiba zu Tomscha. Wenn die ganze gebildete Welt ihre Aufmerksamkeit und Theilnahme dem großen Martyrium zuwendet, unter dem unsere Brüder und Schwestern im russischen Reiche leiden, so ist es in erster Linie die heroische, musterhafte, ja wunderbare Art und Weise, mit der unsere Glaubensgenossen dieses ihr hartes Geschick ertragen, welche das Staunen und die thätige Bruderliebe innerhalb der gesitteten Menschheit und der gesammten Judenheit wachruft. Diese Ausdauer, diesen Muth, diesen Heroismus, den da ein ganzes Volk fast ausnahmslos bekundet, haben die Männer und die Frauen, die Hohen und die Niederen, die Großen und die Kleinen, die Gebildeten uno die Ungebildeten, haben alle bewußt und unbewußt, aus dem Geiste der Thora geschöpft, mit dem alle Schichten der jüdischen Bevölkerung Rußlands reichlich getränkt sind. Diese Feuerprobe, welche die russische Judenheit seit Jahren so glänzend besteht, müßte einmal ein Volk bestehen, das keine Thora Gottes in den Geistern und Herzen, in Fleisch und Blut, im Mark und Bein trägt, um auch dem blödesten Auge den Triumph zu veranschaulichen, den dieses ganze thränenreiche Martyrium für die Thora, für das Lernen der Thora bedeutet. Wer aber trägt den Geist der Thora in die breiten Schichte der russischen Judenheit, wo liegt der Quell, dem dieser Geist entströmt, um sich über alle Glieder des Volkes zu entladen und sie mit seinem Segen auszustatten? Es sind die Jeschiboth, die Hochschulen des Talmudstudiums. Sie sind der Mittelpunkt, von dem die Thora ausgeht, die Gemeinde, den Kreis von kleinen Gemeinden, der sich um die Jeschiboth gruppirt, mit dem Geist der Thora tränkt und die höäffte Schulung und Bildung des Geistes verbunden mit einer seltenen Veredlung des Gemüths bei all ihren Jüngern zur Folge hat. Diese Jünger tragen dann die Kenntniß der Thora und Gottesfurcht in alle Schichten der nach Millionen zählenden jüdischen Bevölkerung und entfalten bei ihr alle jene herrlichen Tugenden, die vereint den Kiddusch Haschem bedeuten, welchen die russische Judenheit in so glänzender Weise bewährt. Wer über diesen sittigenden, veredelnden Einfluß der Jeschiboth noch im Zweifel sein könnte, dem wird er benommen, wenn er erfährt, daß die russische Regierung seit Jahren diese Pflanzstätten alles Edlen und Guten geschloffen, die Schüler verjagt, die Lehrer in Acht erklärt hat, weil sie wohl die Quelle erkannte, aus welcher der unbeugsame Heroismus ließt, an dem alle an den Juden verübte Barbarei wfolglos abprallt. — Während altbewährte Jeschiboth diesem von der russischen Regierung geführten