Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 78-79 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXTH. Jahrgang. Meile Ml. tu M 78 Z- 79 des „"Israelit“. Leitende Artikel. Die I»dlu iw Wtelaller. Ueber das in der Ueberschrift genannte Thema hat Herr Eugen Rübling ein Buch*) geschrieben, in welchem er sich mit großem Fleiße bemüht, das vorhandene Material über die mittelalterlichen Judengemeinden unter Benutzung der bisherigen Literatur und aus Grund eigener Quellenforschungen über die Ulmer Gemeinde zu sammeln. Zusammengetragen ist denn auch eine große Menge historischer Daten, die über die Schicksale der verschiedenen Judengemeinden und der Stellung der Juden überhaupt von der Römerzeit an Auskunft geben. Leider aber hat es an der erforderlichen gründlichen Sichtung und kritischen Auslese des Materials gefehlt, sodaß es der historischen, wirthschaftspolitischen und kulturhistorischen Darstellung an Uebersichtlichkeit gebricht, und namentlich eine Prüfung der benutzten zum großen Theil nichts weniger als sicheren Quellen auf ihre Zuverlässigkeit zu vermissen ist. Gerade die chronikartigen Ueberlieferungen jener Zeit haben so häufig Thatsachen und Gerüchte miteinander verwoben, daß ihre kritiklose Benutzung zu verzerrten Geschichtsbildern führen muß. Auch die Parteitendenz hat manchen Geschichtsschreiber über die hier in Betracht kommenden Zustände der historischen Unbefangenheit beraubt, und das hat sich bei der unterschiedslosen Benutzung jener Geschichtsschreiber auch zum Theil auf das vorliegende Werk übertragen, das auf diese Weise trotz des anzuerkennenden Strebens des Verfassers nach objektiver Darstellung die Tendenz sowohl in der historischen Schilderung als noch mehr in den gezogenen Schlußfolgerungen auf Kosten der unbefangenen Betrachtung hervortreten läßt. Diese Tendenz kommt dadurch in besonders bedenklicher Form zum Ausdruck, daß der Verfasser aus dem Bilde, das er von der Geschichte der Judengemeinden im Mittelalter gewonnen hat, nicht nur Rückschlüsse auf den Charakter und die wirthschaftspolitische Bedeutung der damaligen Juden, sondern ohne Berücksichtigung der seitdem so überaus veränderten Verhältnisse auch auf das moderne Judenthum zieht, und so zur Aufstellung von Sätzen schreitet, deren Unrichtigkeit sich *) Die Judengemeinden des Mittelalters, insbesondere die Judengemeinde der Reichsstadt Ulm. Ein Beitrag zur deutschen Städte- und Wirthschaftsgeschichte. Von Eugen Rübling. XCVI und 5(56 S. Gebunden. Ulm, Gebr. Rübling. von vornherein erweisen läßt. Diese Schlüffe sind gleich an den Anfang der Arbeit gestellt; sie zeigen also von vornherein, welche Gesichtspunkte für den Verfasser bei der Erfüllung seiner Aufgabe maßgebend gewesen sind. Er fällt über das Judenthum folgendes Urtheil: „Die Juden sind infolge ihrer Eigenart geborene Großhändler, Exporteure und Importeure von Land zu Land, und in solcher Weise ist ihre Handelsthätigkeit berechtigt und segensreich für die Völker der Länder, denen der Jude als internationaler Gast erscheint. Als Mitglied der Nation ist der Jude nie zu betrachten, seine Aufgabe ist international; das Gefühl der Treue hat er nur zum Juden, nie zunr Lande, zur Heimath. Er predigt den Nichtjuden das Weltbürgerthum, um dadurch seine nationale d. h. jüdische Genossenschaft zu einem jüdischen Monopol zu machen und siegt durch seine Einheit über die zersplitterten Gegner." Hier wird also dieselbe Vorstellung vom internationalen Judenthum vertreten, mit der der Rassenantisemitismus seine Agitation betreibt; der Verfasser sucht sie allerdings geschichtlich zu belegen, beweist aber bei diesem Versuch einen außerordentlichen Mangel an Urtheilskraft. Schon die Idee, daß die großen Philosophen und Dichter, die den Gedanken des Weltbürgerthums vertreten haben, dabei gewissermaßen als Mandatare des nationalen Judenthums gehandelt haben sollen, ist so absurd und zeugt von einer so geringen Kenntniß jener Bewegung und philosophischen Richtung, daß man sich wundern muß, wie sie in einer wissenschaftlichen Publikation, die das hier besprochene Werk doch sein soll, wiederkehren konnte. Aber auch die Zuweisung der alleinigen Rolle als „internationale" Großhändler an die Juden geht von einer ganz einseitigen historischen Betrachtung aus. Der Verfasser stützt sich darauf, daß die Juden sich im Mittelalter den Nationen, unter denen sie gelebt, nicht angegliedert haben, und folgert nun ohne Weiteres, sie seien überhaupt nie als Mitglieder der Nation zu betrachten. Thatsächlich aber lag die Sache so, daß die Juden im Mittelalter gar keine vollberechtigte Staatsbürger waren, sondern rechtlich als Fremde mit reichsherrlichem Schutz galten, wofür sie Schutzgeld zu zahlen hatten. Eine nationale Angliederung konnte also für sie damals noch gar nicht in Frage kommen; andererseits sind Fälle genug bekannt, wo die Juden auch in jener Zeit unter persönlichen Opfern die Interessen des Landesherrn vertraten. Zugleich darf man nicht vergessen, daß für jene Jahrhunderte von einem nationalen Bewußtsein überhaupt nur unter Einschränkung die Rede sein kann. Erst von der Gewährung der bürgerlichen Gleichbe-