Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 78-79 (1.10.1896)
- Date
- 1896-10-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1496 Materialien kommen zu dürfen. Motivirt wurde diese Verordnung damit, daß den Juden der Aufenthalt in Kiew nicht gestattet sei. Aber das Gesetz hat den Juden nur verboten, ständigen Aufenthalt in Kiew nehmen zu dürfen, keinesfalls aber den zeitweiligen Aufenthalt. Da aber eine Verordnung aus der Regierungszeit Paul's I. noch in Kraft besteht, wonach den Juden der Aufenthalt in Kiew überhaupt nicht gestattet ist, so stützt die Kiewer Polizei ihre gegenwärtige Maßnahme gegen die jüdischen Taglöhner auf dieses vergilbte Aktenstück, obwohl die Maßnahme mit den Bestimmungen aus der Regierun.szeit Alrxander's III. in schreiendem Widerspruche steht. Das Ergebniß der Beamtenwillkür, die sich in den Schein der „Gesetzlichkeit" zu hüllen sucht, ist, daß Hunderte von Juden brodlos geworden sind. Er fragt sich von selbst: cui prodest? Wem soll es Nutzen bringen, daß das Elend der jüdischen Massen im NiederlaffungSgebiete noch vergrößert wird? Blinder Haß schließt aber jedwede menschliche Ueberlegung aus. . . Dieselbe Beamtenwillkür trat neulich zu Tage im Gouv.'rnement Poltama. Hier traf sie die jüdischen Feldarbeiter. Trotz der Behauptungen der russischen Judenfeinde von der angeblichen Unfähigkeit der Juden zu schwerer physischer Arbeit hat es sich während der letzten Zeit deutlich gezeigt, daß die christlichen Gutsbesitzer Süd-Nußlands mit Vorliebe Juden bei den Feldarbeiteil verwenden. Und als eine bittere Ironie mag es klingen, daß Graf Jgnatjew, der Urheber der sattsam bekannten, gegen den Aufenthalt der Juden in den Dörfern gerichteten Bestimmungen vom 3. Mai 1882 selbst, auf seinein im Gouvernement Podolien liegenden Gute Kobrin Juden als Feldarbeiter beschäftigt. Sämmtliche ch'.istlichen Gutsbesitzer Süd-Rußlands, bei welchen Juden Feldarbeiten verrichtet hatten, sind voll des Lobes über die Arbeitsamkeit, Ehrlichkeit und Nüchternheit der jüdischen Feldarbeiter. Sogar der bekannte juvenfeindliche Publicist Balabucha mußte dieser Tage in der von ihm herausgegebenen Zeitung „Krim" das Geständniß machen, daß die jüdischen Feldarbeiter sich allgemeiner Beliebtheit wegen ihrer Tüchtigkeit, Bescheidenheit und Gehorsamkeit erfreuen. Man sollte also glauben, daß die russischen Machthaber, die doch immer und überall von der angeblichen Faulheit der Juden reden, den jüdischen Feldarbeitern wenigstens keine Hindernisse in den Weg legen werden, allein die Wirklichkeit förderte solche Erscheinungen zu Tage, die nicht scharf genug verurtheilt zu werden verdienen. Als viele christlichen Gutsbesitzer des Gouvernements Poltawa nämlich zu den diessommerlischen Feldarbeiten Juden heranziehen wollten, da beeilten sich die Behörden des Gouvernements ein Verbot gegen den Aufenthalt der Juden in den Dörfern zu erlassen, obwohl der zeitweilige Aufenthalt der Juden auf dem flachen Land „gesetzlich" nicht verboten ist. Indem diese Auslegung des Gesetzes durch die unterenPolizeiorgane von derCentralregierung inPetersburg nicht zurückgewiesen wird, machen sich die obersten Behörden von Petersburg zu Mitschuldigen der Verletzung des Gesetzes und legattsiren somit ein Zustand, welcher der Beamtenwillkür Thür und Thor öffnet. Daß diese Beamtenwillkür den Juden gegenüber thatsächlich keine Grenzen kennt, beweist die jüngste Thar der Behörden von Turkestan. Die Juden von Bokhara genießen das unbeschränkte Wohnrecht im Turkestanischen Gebiete. Es fiel bis jetzt Niemanden ein, dieses Recht zu bestreiten. Nunmehr haben die Behörden von Turkestan dis Centralverwaltung des Gebietes um Ausweisung der dort lebenden bokharischen Juden angesucht. Die antisemitische Nowoje Wremja selbst, welche diese Meldung mit unverborgener Schadenfreude verzeichnet, muß jedoch zugeben, daß die bokharischen Juden den Handel und Industrie im Gebiete mächtig gefördert haben und sich überall eines guten Berufes erfreuen. Warum also sollen diese Juden ausgewiesen werden, darauf bleibt uns sogar die Nowoje Wremja die Antwort schuldig, welche sonst zu allen Lügen Zuflucht nimmt, um nur die Mißhandlung der Juden zu rechtfertigen. Man braucht also gar nicht pessimistisch angehaucht zu sein, um die Lage der Juden in Rußland als unhaltbar zu bezeichnen. Schöne Phrasen vermögen nicht, uns irre zu machen, und solange wir keine handgreiflichen Beweise für eine Besserung der Lage unserer Glaubensgenossen im Czarenreiche besitzen, können wir die wahre Sachlage nicht beschönigen. Al*g’US. Zeitrrrrgsnachrichten rrnv Correfponderrzen. Deutschland. Berlin. Wie alljährlich, so ist es auch dieses Jahr in verschiedenen Orten vorgekommen, daß Märkte und Gerichtsverhandlungen mit den höheren jüdischen Feiertagen zusammensielen. Die davon betroffenen jüdischen Interessenten haben sich an dte maßgebenden Behörden mit dem Ersuchen um eine Verlegung gewandt, die auch — in den meisten zu unserer Kenntniß gelangten — Fällen in loyaler Weise bewilligt wurde. Das macht nun ein hiesiges antisemitisches Blatt ganz suribund und es findet in dieser Berücksichtigung „weitere Etappen zur Verjudung." Wer die Ausfälle dieser Presse das ganze liebe Jahr hindurch zu beobachten Gelegenheit hat, wird sich daran nicht weiter stoßen und derartige Expectorationen ruhig zu den anderen legen. Was uns veranlaßt, davon Notiz zu nehmen,