Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 76-77 (21.9.1896)
- Date
- 1896-09-21
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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1484 nicht nur die esoterischen Stellen im sie begegneten im „Lernen" ihnen so oft, in re- und rprs habt ihr sie mit ihnen behandelt, kein unlauterer Gedanke stieg dabei auf, begeisternd und mit dem Ernst, den das „Lernen" überhaupt erfordert, nahmen sie auch diese Ausfjchrungen des Gotteswortes in sich auf. Wir lasten diese Stellen liegen, huschen an ihnen vorüber, als wären sie Gespenster, verhüllen sie ängstlich den Blicken unserer Schüler. Und ein Lehrer, der sich unterfangen würde, in zeitgemäßer Form auch diese Theile der n~r lehrend anzubringen, er würde als Zola der jüdischen Schule sich einen Namen erwerben. Was den Alten schon deshalb ästhetisch erschien, weil diese Sätze auch und nur 77-,7-Lehren sind, unserer aufgeklärten Zeit ist es das nicht. Wir vermeinen, in dem Schüler unlautere Gefühle zurückzuhalten und siehe da — unsere allzugroße Aengftlichkeit hat uns sehr große Nachitheile gebracht. Je uiehr wir der Sittenreiuheit Dienste zu leisten wähnten, desto mehr verloren die Schüler dieses hohe Gut. Wer ist der Glücklichere, ihr unverdorbenen Alten, oder wir gebildete Jungen? Die alten Philosophen beflissen sich einer zweifachen Lehrart, der esoterischen und eroterischen. Gewisse Lehren theilten sie nur ihren vertrauteren Schülern ohne Nückhalt mit, während ne jene Lehren den übrigen entweder ganz vorenthielt eit, oder nur in gewissen Beschränkungen darboten. Der Grund, weshalb sie diese Doppelart pflegten, mag wohl besonders in dein Widerstreit ihrer Lehren mit der Volksreligion gelegen haben, wodurch sie 511 einer gewissen Vorsicht in der Mittheilung ihrer Ansichten genöthigt waren. Da aber die Lehren der rr-r mit dem Leben nicht im Widersvruch stehen, die Dogmenlosigkeit derselben eine unbestreitbare Thatsache ist, sie nur deshalb von iiu-5 verlangt "Wb- -zbh, weil sie uns dadurch für des Lebens rechte Führung gewinnen will — rwb' — so gehören auch die esoterischen Stellen ganz vorzüglich zu jenen Gesetzeslehren, die nur den reiferen Schülern nicht sollten vorenthalten. Ihre Uebergebung veranlaßt den einen oder anderen aus bloßer "Neugierde in seiner Uebersetzung nachzulesen, mag ihm vieles daran unklar scheinen, es genügt, daß er einsieht, es handelt sich um geschlechtliche Beziehungen, und seine Phantasie wird erregt. Wie halten wir es sonst im Leben? Verbergen wir denn sonst so ängstlich die Schriften, die von solchen Beziehungen handeln, vor unsern Kindern? Ein Blick in die Tageszeitungen gibt die Autwort. Im Jnseratentheil einer jeden größeren Zeitung finden sich Ankündigungen, über bereu Bedeutung der erwachsene Juttge und das erwachsene Mädchen sich Klarheit zu verschaffen wissen. Die Reporter sorgen für allerlei "Neuigkeiten, die ebenfalls unsere Jugend liest und welche nachtheilig auf die Sinne wirken. Die lang ilnd breit behandelten Prozesse der (llroniguo 8<mnän!ou8o gehören in dieselbe Kategorie. Mama liest ihre pikanten Ronrane und auch die Tochter nimmt von dem Inhalt Kenntnis;. Bei Festlichkeiten werden die Kinder nicht aus dem Saal gewiesen, wenn gewürzte Kouplets und pikante Witze zur Unterhaltung geboten werden. Nehmen sich denn alle Eltern in acht in Gegenwart von Kindern von Dingen, die geschlechtliche Beziehungen berühren, zu reden? Dies alles zusammengenommen ist weit schlimmer und für die Sittenreinheit viel gefährdender, es wird zum irr;. Gerade ein Gegengewicht gegen all diese Auswüchse in Wort und Schrift müßten die esoterischen Stellen der Bibel bei geschickter Behandlung bieten. An der Hand der Gesetzesbestimmungen zeige der Lehrer, wie diese das Familienleben regeln wollen. Das Sinnliche im Menschen erreicht erst dadurch seinen Zweck, wenn es in den Dienst des Sittlichen gestellt wird. Der Mensch wird erst dadurch zu einem Kämpfer, daß er den höchsten aller Reize, den Sinnenreiz, bekämpft, nicht demselben unterliegt, nicht Sklave seiner Begierden, Neigungen und Leidenschaften wird. Eine Hauptforderung aller untcrrichtlichen Tbängkeit besteht darüt, daß sie von der Wahrheit geleitet sei. Der Lehrer, der etwa solchen Fragen aus dem Wege geht oder gar eine feinem besseren Wissen widersprechende Antioort gibt, kommt leicht in Gefahr, gegen das oberste Prineip der Wahrhaftigkeit des Unterrichts zu verstoßen. Auw in der Beantwortung solcher Fragen, die ihm uubeguenr sind, besieißige er sich der Wahrheit. Der reifere Schüler begnügt sich nicht mehr mit der allgemeinen Bemerkung die Frau des Potiphar wollte Joseph zu einer Sünde verleiten. Welche Sünde? wird er fragen. Alle Worte des Dekalogs erfreuen sich der ausführlichsten Erörterung; das Wort rS geht ganz stiefmütterlich aus und der weiteste Spielraum ist der Phatasie des Schülers gelassen. Man könnte im Allgemeinen einwenden, unsere alten, auch als Pädagogen für uns Muster sein sollenden Gesetzeslehrer haben mit dem Satz rw »\*"p; -sr ntr;“ erre, die geschichtliche Begebenheit der Tbamar darf nur gelesen (beim öffentlichen Gottesdienst) nicht aber erläutert werden, uns einen Wink geben wollen, öffentlich hierüber nicht zu sprechen, also auch ihre unterrichtliche Behandlung auszuschließen. Doch dieser Einwand ist nicht zutreffend. Es ist nicht nöthig, jeden derartigen Satz haarklein zu spalten. Wir lassen die Begebenheit einfach übersetzen. Eine Gefahr mochten unsere Alten bei Aufstellung jenes Satzes vielleicht darin erblickt haben, weil auch das weib-