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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 31)
Language
German
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1481 die Sorge für die Zukunft herangekommen kan: und ihre Blicke zu verdüstern drohte. Eines Tages erhielt Eliah einen Brief, der ihn in die Stadt berief, ans welcher er seine Loose bezog. Klopfenden Herzens trat er die Reise an und hoffte, daß sie ihm Glück bringen werde. Als er sich von Raphael verabschiedete, rief ihm dieser nach: „Bring' nur etwas Schönes mit, Onkel!" „Das werde ich, mein Junge; sei nur recht brav, während ich weg bin und mache Deiner Mutter keinen Kummer." „Das thue ich nicht, Onkel — nicht wahr Mutter?" Eliah war abgereist und Frau Gerson benutzte die Abwesenheit desselben, um das ganze Haus, vom Giebel bis zum Keller, zu scheuern. Es ging ihr alles so flink von der Hand, daß es eine Freude war, ihr zuzusehen. Am meisten machte ihr der Bücherschatz Eliah's zu schassen, der sicher seit Jahren noch nicht gründlich gereinigt worden war, obschon die meisten Bücher von fleißigem Gebrauche zeugten. Sie nahm die allehrwürdigen Folianten alle von ihren Stellen und säuberte sie behutsam von dem daranhaftenden Staube. Raphael wollte ihr dabei helfen, aber sie duldete es nicht, sondern beschäftigte ihn auf andere Weise. Es war dem Knaben jedoch zu langweilig, stille neben der Mutter zu sitzen und er entfernte sich geräuschlos, um aus der Straße zu spielen. Hier fand er einen Altersgenossen und bald mar ein Spiel im Gange, das ihn inuner mehr von dem Hause entfernte. Frau Gerson war so in ihre Arbeit vertieft, daß sie die Entfernung des Knaben nicht merkte. Die Bücher fesselten ihre ganze Aufmerksamkeit, da alte, seltene Werke darunter waren. Am meisten gefiel ihr ein altes, in verblichenem Sanuut eingebundenes Gebetbuch, dessen Blätter halb zerrissen ans dem Deckel heraussahen. Sie wollte dieselben wieder ordentlich hineinlegen, als sie ein deutsch geschriebenes Blatt unter dem Sammt bemerkte. Ohne viel darauf zu achten, zog sie dasselbe heraus und wollte cs schon fortwersen, als ihr Auge zufällig den eigenen Rainen aus dem Blatte erblickte. Staunend begann sie zu lesen und je weiter sie las, nn: so großer war ihr Erstaunen. Es war ein Brief ihrer seligen Mutter, in welchem dieselbe das Zerwürfnis; mit ihrer Tochter beklagte und Sorge zu tragen versprach, daß ihre vom Vater enterbte Tochter doch nicht ganz mittellos in der Welt dastehen solle. Sie hätte deshalb bet einem näher bezeichneten Bankhause einhundert Finnländer- Loose für ihre Tochter dcponirt, die ihr mit den eventuell darauf gefallenen Gewinnen auf Ansordern ausbezahlt werden sollten. Diesem Briefe lag die Bescheinigung der Bank über den Empfang der Loose bei. Die junge Wittwe war wie erstarrt, als sie dies Schreiben gelesen. So hatte Gott sie doch nicht verlassen! Seine Vaterhand hat sie einen Schatz finden lassen, der alle Sorgen von ihr verbannt, der es ihr möglich macht, ihren Knaben etwas lernen, ihm eine gute Erziehung geben zu lassen. Das erste, was sie that, war, daß sie ein Dankgebet gen Himmel sandte. Dann wollte sie die Freude ihrem Knaben mittheilen. Sie sah sich nach demselben um und hoffte, ihn an den: gewohnten Platze zu finden. Aber der Knabe war nicht da. Erschrocken rief sie seinen Namen — keine Antwort erfolgte. Jetzt legte sie das alte Gebetbuch sorgfältig wieder an seinen Platz und durchsuchte das ganze Häuschen — vergeblich, Raphael war nicht da. Sie ries seinen Namen nach dem Hofe, nach der Straße hin, sie fragte Vorübergehende und Nachbarn nach ihren: Kinde — keiner hatte den Knaben gesehen, keiner wußte etwas, keiner konnte über seinen Verbleib Auskunft geben. Da erfaßte eine gräßliche Angst das Herz der Mutter. Schon sah sie im Geiste ihren Knaben verunglückt, tobt vor sich liegen und de: Wahnsinn wollte sic erfassen. Sie lief her und hin, von einem Ende der Straße bis zum andern, sie fragte bei allen Nachbarn nach ihrem Knaben — Niemand konnte ihr Auskunft geben. Der Tag rückte imnler weiter vor und Raphael kam nicht. Wie eine Wahnsinnige suchte sie ihn. Mit brennenden Augen, stockender Stimme, mit fliegendem Athen: eitle sie bierhin und dorthin - überall vergebens suchend; das Kind war und blieb verschwunden. Wie machte sie sich Vor würfe, daß sie nicht ansmerksam genug gewesen war; sie dachte nicht mehr an das große Glück, das sie so unerwartet betroffen! Ihr Knabe war fort, das raubte ihr alles Glück und alle Ruhe. Es war Abend geworden. Der Himmel hatte sich mit grauem (Gewölk überzogen und leise aber stetig rieselte ein sanfter Regen herab. Das vermehrte noch die Verzweiflung der Mutter, welche an der Thüre der Hütte stand und auf ihr Kind wartete. Aengstlich blickte sie nach allen Richtungen, fragte jedes Kind, das sie sah, nach ihren: Jungen — sie erhielt keinen Bescheid. Da hallte ein bekannter Schritt durch die Ruhe des Abends. Es war Eliah, der unerwartet früh znrückkehrte. Schon von Ferne gab er, als er die junge Wittwe erblickte, ihr Zeichen, die sie aber nicht verstand. Jetzt beschleunigte er seine Schritte und als er tu Gehörweite kam, rief er: „Massel tow, massel tow! Eine besuroli towuli1), meine liebe Frau Gerson. Massel tow. 1) Gute Botschaft.

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