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Der Israelit · 1896-09-21 · Heft 76-77 (21.9.1896) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 76-77 (21.9.1896)
Date
1896-09-21
Page
– (sequence 30)
Language
German
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1480 jetzt nichts mehr zu sagen als, wenn Sie bis um 4 Uhr die Miethe nicht bezahlt haben, muh um fünf Uhr die Wohnung geräumt sein, sonst lasse ich sie räumen." Sprachs uno entfernte sich, die Thüre hinter sich zuschlagend. Frau Gerson traten jetzt die Thränen in die Augen. Was sollte sie thun, wenn der Hauswirts) seine Drohung aussührte? Wo sollte sie mit dein Knaben hin? Wer würde ihr eine Wohnung vermietheu, wenn eS bekannt witrdc, auf welche 'Weise sie ihre letzte verlassen habe? — Sie ging an ihre Arbeit und war so fleißig, das; sie nicht hörte, wie Raphael erwachte, sich neugierig umsah, aus seinem Bettchen stieg und sich, nur mit dem Hemdchen begleitet, hinter seine Mutter schlich. Erschrocken fuhr sie aus, als er seine Arme um ihren Hals legte, ihren Kopf zurückzog und sie herzlich küßte. Wie Sonnenschein flog es über ihr Antlitz, als sie Raphael erkannte. „Hast Du ausgeschlasen, mein Junge!" ries sie, ihre Arbeit bei Sette legend, „komme, jetzt ziehe ich Dich an, wasche Dich, dann beten wir und trinken —•" „Ja, Mama, ich habe wieder großen Hunger." Die Mutter that, wie sie gesagt. Sie wusch den Knaben und freute sich an dem schönen weißen Körper ihres Kindes; sie dachte nicht mehr an die Sorgen, die sie bedrückten und genoß das reinste Mutterglück. Sie betete mit den; Knaben, lehrte ihn Zizis benschen und war so damit beschäftigt, daß sie das Klopfen an der Thüre überhörte. Erst als Raphael sie darauf aufmerksam machte, sah sie nach. Vor der Thüre stand ein Knabe und hatte einen Brief an sie abzugeben. Sie nahm denselben ab und schloß die Thüre wieder. Darauf gab sie Raphael eine kleine Tasse Milch, welche sie auf dem Nachhauseweg eingekauft hatte und die sich der kleine Mann gut schmecken ließ. Nun öffnete sie den Brief und war nicht wenig erstaunt, als nichts als ein Lolterieloos in demselben war. Hatte sich der Bote nicht geirrt? Was sollte sie mit einem Loos thun, welches sie nicht bezahlt hatte und auch nicht bezahlen konnte? Wer hatte das Loos gesandt? Sie zerbrach sich den Kopf nicht darüber, fiel ein Gewinn darauf, so wird sich der Eigenthümer schon melden, war es eine Niete, so lohnte es nicht der Mühe, nach demselben zu suchen. Vierzehn Tage waren vorüber. Frau Gerson war von ihrem Hauswirth aus ihrer Wohnung vertrieben worden und hatte ein Obdach bei Eliah gefunden, besten Frau noch an demselben Tag, da er die junge Wittwe und ihren Knaben bei sich ausgenommen, gestorben war und ihre ewige Wohnung bezogen hatte. Auch die Trauertage waren vorüber und Eliah ging wieder seinen Geschäften nach. Die wenigen Mobilien der jungen Wittwe hatte der Hauswirth als Pfand für die schuldige Miethe zurückbehalten, so daß sie nichts mehr hatten, als was sie auf dem Leibe trugen. Eliah gab sich alle Mühe, so viel Gelo zusanlinenzubringen, um die wenigen Sachen der Wittwe auslösen zu können, aber es hielt zu schwer, und wenn nicht ein besonderer Glücksfall eintrat, mußten die Sachen fürs erste in den Händen des Hauswirths bleiben. Der Knabe fühlte sich in seinein neuen Heim wohl, denn Eliah beschäftigte sich in seiner freien Zeit mit ihm und auch die Mutter weinte nicht in« he so viel wie zuvor. Am liebsten hatte er die Sabbatlage. Da durfte er mit beut Onkel — so nannte er den Looshändler — in die Synagoge, da erzählte ihm fein Mütterchen Geschichten aus der heiligen Schrift, da war es in der kleinen Hütte schöner als in manchen; großen Palast. Eines Tages fand die Wittwe zufällig das Lotterieloos in einer Tasche ihres Kleides. Sie zeigte es ihrem väterlichen Freund und erzählte, auf welche Weise sie in den Besitz desselben gekommen war. Lächelnd hörte ihr Eliah zu und als sie geendet, sagte er: „Das ist ja fast dieselbe Geschichte, wie mit dem Getde Joseph's; der liebe Gott hat Ihnen einen Schatz zugesandt, wenn das Loos gezogen wird." „Daun bin ich erst recht schlimm daran", sagte Frau Gerson; „ich kenne ja den Eigenthümer nicht, um ihm sein Geld zu übergeben." „Da wären Sie doch thöricht", sagte Eliah; „das Geld gehört dem, in dessen Hände;; sich das Loos befindet." „Ich nehme das Gelo aber sicher nicht, wenn ich nicht weiß, von wen; das Loos komutt." „Fürs erste ist noch nichts zu nehmen. Lassen Sie erst das Loos mit einem Gewinn gezogen werden, dann wollen wir schon sehen, was zu thun ist. Auf die Straße werden wir das Geld nicht werfen." Frau Gerson legte das Loos zur Seite und dachte nicht inehr daran. Sie arbeitete fleißig an ihrer Stickarbeit und führte den; alten Manne den Haushalt. Raphael, der jetzt mehr ins Freie kam, da sie zu ebner Erde wohnten, entwickelte stets einen großen Appetit und wurde ein starker Junge. Eliah hatte seit letzter Zeit mehr Glück in; Geschäfte, so daß es ihm nicht schwer fiel, die Kosten des kleinen Haushalts zu bestreiten und nach und nach die Habseligkeiten der Wittwe auszulösen. Zusehends erholte sich die junge Frau und die Rosen auf ihren Wangen begannen wieder zu blühen. Die Sorge wich aus der armen .Hütte und Glück und Zufriedenheit kehrten daselbst ein. Das größte Glück für die Beiden war der Knabe, dessen numteres Wesen sie zerstreute, wenn einmal

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